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Redaktion verschickt Test-Mails

Wenn Bürger fragen – was tun die Kandidaten?

Hameln/Weserbergland. Sie wollen bürgernah sein, Ansprechpartner für die Wähler. So jedenfalls werben die Direktkandidaten in den heimischen Wahlkreisen. Doch was steckt hinter den Versprechen? Wie ernst nehmen unsere Kandidaten die Anfrage einer Bürgerin tatsächlich?

veröffentlicht am 12.01.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 20:41 Uhr

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Autor:

Wiebke Westphal, Catherine Holdefehr und Jennifer Bremer
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Ein Fall für den „Dewezet-Test“. Am 2. Januar hat die Redaktion jedem der 13 Wahlkreis-Kandidaten eine Mail geschickt – nicht offiziell, sondern inkognito. Gefragt hat Sabine Mertens-Kaufmann, Diplom-Sozialpädagogin aus Hameln bzw. Bad Pyrmont. Verschickt wurde die Nachricht über einen allgemeinen Mail-Provider.

Ausgewählt wurde ein Thema, das sich nicht einfach aus den Parteiprogrammen ableiten lässt, sondern eigenständig bearbeitet werden muss und über eine gewisse Brisanz verfügt. Die Frage lautete: „Seit Jahren verfolge ich die Diskussion um eine mögliche Kreisfusion der Landkreise Hameln-Pyrmont, Holzminden und Schaumburg. Gerne würde ich erfahren, wie Sie sich nach der Landtagswahl zum Thema der Kreisfusion stellen werden. Haben Sie schon konkrete Pläne? Mit was für Konsequenzen müssten wir als Einwohner dann rechnen?“

Dann hieß es warten – eine ganze Woche, bis zum 9. Januar, 18 Uhr, der selbst gesetzten Schlusszeit für den Eingang der Antworten.

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  • Die Inkognito-Mail, wie sie die Redaktion an die 13 Kandidaten der Wahlkreise 36 und 38 verschickt hat.

Anhand von drei zuvor festgelegten Kriterien hat die Redaktion die Antworten nach Punkten bewertet. Maximal zwei Punkte wurden für die Schnelligkeit der Antwort vergeben, bis zu vier Punkte für die Konkretheit und Ehrlichkeit der Antwort (oder negativ gesehen: die Häufigkeit von Floskeln und Ausflüchten) und bis zu vier Punkte für den Stil: Nimmt der Kandidat die Frage ernst? Antwortet er persönlich und freundlich? Bietet er weiteren Austausch an? Unterm Strich konnte so jeder Kandidat, wenn er in allen drei Disziplinen glänzte, zehn Punkte sammeln. Keine Rolle spielte bei der Bewertung die inhaltliche Position.

Bereits vor Beginn des Tests stand die Redaktion vor der ersten Hürde: Wie schreibt man einem Kandidaten eine Mail, dessen Kontakt im Internet nicht zu finden ist? Bei Bernd Mex von der Linkspartei war dies ein Problem, zumindest seine Mail- adresse weiß der Kandidat vor der Öffentlichkeit im Netz gut zu verbergen. Sie zu ermitteln, war ohne Redaktionskontakte kaum möglich; eine „echte“ Sabine Mertens-Kaufmann wäre in diesem Punkt bereits gescheitert.

Allerdings: Auch Erreichbarkeit via Mail garantiert weder eine aufschlussreiche Antwort, noch überhaupt eine Antwort, nicht einmal in der heißen Wahlkampfphase: Vier der Kandidaten – Anja Piel (Grüne), Petra Joumaah (CDU), Torben Friedrich (Piraten) und Frank Pook (Linke) – haben innerhalb einer Woche gar nicht auf die Anfrage reagiert. Die Bewertung fiel einfach aus: null Punkte.

Hier das Ergebnis – das naturgemäß nie frei von subjektiver Einschätzung sein kann – geordnet nach den drei Punkte-Kriterien „Zeit“, „Konkretion“ und „Stil“:

Wie lange dauert es bis zur Antwort?

Schon innerhalb von 24 Stunden antworten Heiner Bartling (SPD), Martina Tigges-Friedrichs (FDP), Helmuth Mönkeberg (Freie Wähler), Constantin Grosch (Piraten), Ulrich Watermann (SPD) und Kathrein Bönsch (FDP). Dafür gibt es volle zwei Punkte. Fünf Tage braucht Bernd Mex (Linke), um zu antworten, sechs Tage Otto Deppmeyer (CDU) und sieben Tage Britta Kellermann (Grüne). Für diese drei gibt es einen Punkt.

Klare Position oder Flucht in Floskeln?

Die maximale Punktzahl in der Disziplin „Konkret oder Floskel“ erhält nur ein Bewerber. Auf eineinhalb Din-A4-Seiten legt Constantin Grosch unverblümt und verständlich dar, weshalb er langfristig von einer Fusion der Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden ausgehe und Schaumburg zunächst ausklammere. Groschs Position wird deutlich, und er geht auf die Zusatzfrage nach den Konsequenzen für die Bürger zumindest ansatzweise ein.

„Der Kreis Weserbergland wird kommen“, antwortet auch Helmuth Mönkeberg unmissverständlich, aber ohne auf die Zusatzfrage einzugehen (3 Punkte).

Kurz und knapp, dafür aber sehr konkret lässt Otto Deppmeyer wissen: „Ich bin für einen Weserbergland-Landkreis, der im Wesentlichen aus den Landkreisen Hameln-Pyrmont, Holzminden und Schaumburg bestehen soll.“ Viel mehr als diesen Satz liefert er allerdings nicht. (3 Punkte).

Skeptisch sieht Bernd Mex eine mögliche Fusion: „Diejenigen, die einen größeren Landkreis wollen, haben mich noch nicht überzeugt.“ Klare Antwort: 3 Punkte.

„Der Bürger wird von einer Fusion der Landkreise kaum etwas merken“, sagt Heiner Bartling. Viel mehr Greifbares ist aber nicht zu erfahren, stattdessen verliert sich der Ex-Minister in Ausführungen über Gebiets- und Verwaltungsreformen der 1970er Jahre und erklärt, man müsse für die drei Landkreise „differenzierte Lösungen erarbeiten“. Das mag stimmen, ist aber vor allem eines: eine Politiker-Floskel (2 Punkte).

Martina Tigges-Friedrichs gibt offen zu: „Konkrete Pläne habe ich dazu nicht.“ Statt konkret zur Kreisfusion äußert sie sich lieber zu Bürgerbüros in NRW. Thema zum Teil verfehlt: 2 Punkte.

Britta Kellermann spricht davon, dass man eine Kreisfusion „als Möglichkeit nicht mehr ausschließen“ könne, sie aber nicht gegen den Willen der Landkreise erfolgen dürfe. Ob sie eine Fusion selbst anstrebt oder nicht, lässt sich nur vermuten (2 Punkte).

Noch vager und unverbindlicher bleibt Ulrich Watermann: „Eine mögliche Fusion von Landkreisen ist nicht auszuschließen, aber auch nicht zwingend erforderlich.“ Wofür tritt er ein? (1 Punkt).

„Ach, was wäre es schön, wenn es zu einer freiwilligen und alle Landkreise entlastenden sinnvollen Zusammenarbeit auf allen Ebenen käme“, schwärmt Kathrein Bönsch. Maximaler Schönsprech-, Konjunktiv- und Floskel-Alarm! (0 Punkte).

Wie viel Mühe geben sich die Politiker?

Auch in Sachen Stil führt Constantin Grosch das Kandidatenfeld an. Er schreibt am ausführlichsten, charmantesten und bietet ein Treffen am Info-Stand an: „Scheuen Sie sich bitte nicht, nachzuhaken.“ (4 Punkte).

Quasi als Ausgleich ihrer wenig aufschlussreichen Antworten bieten Britta Kellermann und Ulrich Watermann ebenfalls ein persönliches Gespräch an. Und tatsächlich: Als die fiktive Sabine Mertens-Kaufmann in Watermanns Büro die Probe aufs Exempel macht, bekommt sie umgehend – und sogar vom Kandidaten persönlich – einen Termin für den übernächsten Tag. So sieht Bürgernähe aus! (beide 4 Punkte).

Stilistisch einwandfrei bleiben auch Bartling und Mönkeberg. Letzterer belässt es sogar nicht bei einer Antwort, am nächsten Tag folgt eine Ergänzung. Allerdings: Eine lebensechte Fragestellerin würde sich ernster genommen fühlen, würde man ihren Namen richtig schreiben. Eine ihres Doppelnamens beraubte „Frau Mertens“ zieht hierfür einen Punkt ab (3 Punkte). Ebenso viele Punkte gehen an Martina Tigges-Friedrichs.

Dass Kathrein Bönsch sich die Mühe macht, eine Bürgeranfrage sogar aus ihrem Südtirol-Urlaub zu beantworten (um 1.15 Uhr nachts!), ist mehr als engagiert. Besonders ernst genommen fühlt sich die Fragestellerin angesichts des etwas angeheiterten Tons aber nicht (2 Punkte).

Einen Gnadenpunkt dafür, dass die Antwort zwar die Redaktion erreichte, Frau Mertens-Kaufmann jedoch nicht einmal Gelegenheit zum Absenden der Nachricht bekommen hätte, verdient sich Bernd Mex (1 Punkt).

Und der Punkt, den Otto Deppmeyer erhält, gebührt eigentlich seinem Wahlkreisreferenten Walter Klemme: Deppmeyer nämlich lässt antworten, statt sich selbst die Mühe zu machen. Bürgernah geht anders: 1 Punkt.

Bei den vier Kandidaten, die nicht geantwortet haben, hat sich die Redaktion nach den Gründen erkundigt. Anja Piel und Petra Joumaah entschuldigten sich aufrichtig bei der fiktiven Fragestellerin für das Versäumnis. Anja Piel: „Ich bekomme eine stattliche Anzahl von Bürgeranfragen und beantworte sie normalerweise auch. Diese muss ich im Trubel der letzten Woche übersehen haben. Das tut mir leid.“ Petra Joumaah sagte: „Als Abgeordnete sollte man ja Sprachrohr und Ansprechpartner der Bürger sein, aber zurzeit haste ich von einem Termin zum nächsten.“

Torben Friedrich zeigte weniger Verständnis: „Ich habe den Namen gegoogelt und keinen Eintrag gefunden, da war ich mir sicher, dass die Anfrage nicht echt sein konnte.“ Frank Pook hatte noch eine andere Erklärung parat: „Ich habe die E-Mail nicht beantwortet, weil das mein Kollege Mex für uns beide getan hat. Die E-Mails laufen zusammen, daher wussten wir, dass wir beide dieselbe Anfrage bekommen haben.“

Allerdings fehlt in der Antwort von Bernd Mex jeder Hinweis auf seinen Kollegen. Aus Sicht der Redaktion hat der Kandidat damit in der Kategorie „Die beste Ausrede“ gewonnen.



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