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Alles wird erfasst: Inventurarbeiten in den meisten Hamelner Geschäften und Betrieben noch reine Handarbeit

Wenn alles gezählt, gemessen oder gewogen werden muss

Hameln (fn). Schnell will man noch eilig die gewünschte Besorgung machen, doch der dezente Druck auf den Türgriff bringt nicht den erhofften Erfolg. Auch ein heftiges Rütteln hilft nicht weiter – die Tür bleibt verschlossen. Erst ein Blick auf das am Eingang angebrachte Schild erinnert den Kunden an den Grund der heutigen Ladenschließung: „Wegen Inventurarbeiten bleibt unser Geschäft heute geschlossen!“

veröffentlicht am 12.01.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 08:21 Uhr

Reine Sisyphosarbeit: Martin Szymanski zählt Fische im „Futterhaus“ an der Fischbecker Straße. Foto: fn
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Der Beginn jedes neuen Jahres ist die Zeit für Inventuren. Inventur ist für Unternehmer wie Silvester, ein Endpunkt, den sie schon im laufenden Geschäftsjahr im Kopf haben. Das Wort „Inventurarbeiten“ drückt gut aus, was Außenstehende nur erahnen können: Hier wird wahrlich gearbeitet: Alle „körperlichen Vermögensgegenstände“ eines Unternehmens müssen präzise gezählt, exakt vermessen oder gewogen werden. Ob das nun ein Schnelldreher ist, der gerade letzte Woche dem Warenbestand hinzugefügt wurde oder der Ladenhüter, der zum zehnten Mal für eine Inventuraufnahme aus der hintersten Ecke hervorgekramt werden muss – alles wird erfasst. „Jeder Kaufmann ist im Rahmen der ordnungsmäßigen Buchführung zur Inventur verpflichtet, und zwar zeitnah zum Bilanzstichtag, innerhalb von zehn Tagen vor oder nach dem Stichtag.“

Diese trockene juristische Fachsprache sollte Martin Szymanski egal sein. Der Ort, an dem er eine Inventur durchführt, ist alles andere als trocken. Und die von dem 31-Jährigen zu zählenden „körperlichen Vermögensgegenstände“ sind extrem flink und sehr lebendig. Der Abteilungsleiter „Aquaristik“ im „Futterhaus“ an der Fischbecker Straße muss Fische zählen. Tausende von Fischen, in 40 Becken und die sind immer in Bewegung. Vom 30 Zentimeter großen Koi-Karpfen bis hin zum kleinen Neonsalmler. „Mental gut drauf vorbereiten und konzentrieren. Dann kann man loszählen“, berichtet Szymanski mit der Routine mehrerer Inventuren von seiner Sisyphosarbeit. „Nur Lebendtiere wie Fische, Nager und Reptilien werden noch von uns gezählt. Das Zählen der übrigen Produktpalette ist erstmals outgesourced“, sagt Marktleiterin Bea van Dok. Nach Ladenschluss wird der Warenbestand in einer nächtlichen Aktion von einer Fremdfirma aufgenommen.

Bücher, Bücher; fast überall Bücher. Fein säuberlich in langen Regalreihen nach Themen geordnet, und alle mit einem Barcode versehen. Da können die Mitarbeiter der Buchhandlung Matthias in der Bäckerstraße die Bestandsaufnahme sicherlich bequem mit einem Scanner vornehmen. „Das wäre schön. Aber die Software der Warenwirtschaft ist noch nicht hundertprozentig zu Ende entwickelt“, wiegelt Stefan Matthias ab und verweist auf unterschiedliche Mehrwertsteueranteile der angebotenen Waren. Bücher werden mit sieben Prozent besteuert, Kalender mit dem vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Und einige Bücher werden hausintern auch anderen Bereichen zugeordnet als der Hauptkategorie. Lektüren über Hameln beispielsweise gehören dort nicht nur zur Reise-, sondern auch zur regionalen Literatur. Tradition hat in der Buchhaltung die mittags gereichte „Inventursuppe“. Und gezählt wird bei angenehmer Zimmertemperatur.

Davon können andere Kaufleute nur träumen, gerade wenn ein riesiges Außenlager bei frostigen Temperaturen aufgenommen werden muss. „Eisbeine“ und klamme Finger, die kaum noch den Bleistift halten können, hat Kai Usadel in den beiden Vorjahren gespürt. Der 19-jährige Großhandelskaufmann hat gerade seine dritte Inventur in der Baustoffhandlung Sundmacher hinter sich – wie immer am ersten Wochenende des Jahres. Über 50 000 verschiedene Artikel, von der kleinsten Messingschraube bis zum fünf Meter langen PVC- KG-Rohr, müssen in einer Baustoffgroßhandlung aufgenommen werden. „Wir müssen und wollen wissen, was wir für Werte im Lager liegen haben. Das ist für die Bilanz entscheidend“, erzählt Hendrik Sundmacher, geschäftsführender Gesellschafter von Sundmacher. Und er erfährt die Höhe der von den Unternehmern ungern gesehenen Inventurdifferenzen. So bezeichnet man die mengen- und wertmäßige Abweichung des Ergebnisses der körperlichen Bestandsaufnahme von den Ergebnissen einer Bestandsfortschreibung der Buchführung – sprich Verluste durch Verderben, Bruch oder gar Diebstahl oder Unterschlagung. Sundmacher schätzt die Differenz auf zwei bis fünf Prozent, ist aber „guten Mutes, dass es diesmal weniger ist“. Auch das bringt eine Inventur ans Licht.



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