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Gewaltkriminalität von Jugendlichen gesunken / Jugendanstalt auf der Suche nach weiteren Fachkräften

Weniger Gefangene – mehr Personal

HAMELN. Vor vier Jahren saßen in der Jugendanstalt Hameln etwa 600 Gefangene. Heute sind es zirka 400. Ein „nennenswerter Rückgang“ sagt Wolfgang Kuhlmann, der die JA-Leitung im Oktober 2015 übernommen hat. Welche Ursachen dem zugrunde liegen, dass seit etwa 16 Jahren immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene in Hameln einsitzen, können weder Anstaltsleiter noch das Niedersächsische Justizministerium eindeutig ausmachen.

veröffentlicht am 21.02.2017 um 13:45 Uhr
aktualisiert am 27.02.2017 um 13:50 Uhr

Zur Betreuung der Gefangenen in der Jugendanstalt steht heute mehr Personal zur Verfügung als vor einigen Jahren. Mitentscheidend für die schrittweise Aufstockung war eine neue Personalbedarfsberechnung auf Basis des 2008 geänderten Niedersächsischen
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Ein Grund dafür liegt – so die Vermutung auf beiden Seiten – im demografischen Wandel: Weniger Jugendliche bedeutet weniger Inhaftierte, wenn die Kriminalitäts- und Verurteilungsrate gleich bleibt. Doch auch die Jugendkriminalität geht laut Kuhlmann zurück. Allgemein habe die Gewaltkriminalität den niedrigsten Stand seit 2000 erreicht, heißt es aus dem Justizministerium. „Diese Entwicklung dürfte sich in besonderem Maße auf den Jugendvollzug auswirken, da – anders als im Erwachsenenstrafvollzug – über 50 Prozent der jungen Strafgefangenen wegen eines Gewaltdelikts verurteilt worden sind“, lautet die Schlussfolgerung aus dem Ministerium. In der JA ist sogar von 60 bis 70 Prozent die Rede.

An der prozentualen Häufigkeit der Delikte habe sich dabei nichts geändert: 3 Prozent der Inhaftierten wurden wegen Tötungsdelikten inklusive versuchter Tötung verurteilt, 62 Prozent wegen Gewalt und Gewaltandrohung, 5 bis 6,5 Prozent wegen Sexualdelikten, 20 Prozent wegen Diebstahl und 5 Prozent wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Letzteres „war mal viel mehr“, sagt JA-Sprecher Dietmar Müller.

Für den Rückgang der Kriminalität machen Kuhlmann und Müller unter anderem „Präventionsprogramme, die greifen“, verantwortlich. Beispielsweise seien Schulen fitter und sensibler geworden im Umgang mit Gewalt (Müller: „Heute gibt es an Schulen kein blaues Auge, das nicht besprochen wird.“), Streitschlichterseminare fruchteten, die Jugendlichen seien heute gebildeter, die Schulabbrecherquote „ist deutlich zurückgegangen“, und dass im Unterricht Stress in der Klasse, Mobbing, Gewalt thematisiert werden, habe es früher nicht gegeben.

Grundsätzlich sei die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen niedriger als vor einigen Jahren; in der Verurteilungspraxis der Gerichte habe sich jedenfalls nichts verändert, sind sich Kuhlmann und Müller sicher.

Wer folgert, dass für weniger Gefangene weniger Personal in der JA unterwegs ist, irrt. Tatsächlich sind dort laut Kuhlmann sogar mehr Menschen beschäftigt als zu Zeiten stärkerer Belegung. So arbeiten heute im Justizvollzugsdienst „etwa 80 mehr als im Jahr 2010“. Die jüngsten Zahlen des niedersächsischen Justizministerium sehen etwas anders aus: Danach wurden der JA für dieses Jahr 425 Vollzeiteinheiten zuerkannt, 437 waren es im Vorjahr und 442 im Jahr 2015.

Bei den Zahlen handelt es sich um das Personalbudget, auf das sich JA und Ministerium geeinigt haben. Kuhlmanns Erklärung, sinngemäß: Gäbe es ausreichend Bewerber, könnten mehr Stellen besetzt werden. „Wir finden keine Leute“, sagt Kuhlmann, „und wir suchen immerzu.“ So setzt die JA seit einiger Zeit verstärkt auf die Ausbildung eigener Leute und deren Übernahme. So viele Auszubildende wie derzeit habe die JA seit Jahren nicht gehabt: 32. Und die sind in den Vollzeiteinheiten nicht enthalten.

Mit dem relativen Mehr an Personal könne vor allem die Qualität der Betreuung innerhalb der Gefängnismauern erhöht werden und auch die Sicherheit. Kritik im Nachgang? Zumindest ist aus Kuhlmanns Sicht die Personalausstattung unterm Strich „nie so gewesen, wie sie hätte sein sollen“, um den Aufgaben der JA, die per Justizvollzugsgesetz definiert sind, gerecht zu werden. Dazu zählt, dass der Vollzug erzieherisch zu gestalten ist und dass schulische wie berufliche Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen angeboten werden. Der jetzige Personalschlüssel erlaube es, dass „kaum einer unbegleitet“ innerhalb der Mauern irgendwo hingehe. Die Gewalt, sowohl gegenüber den Angestellten als auch unter Gefangenen, sei reduziert worden.

Rund 18,25 Millionen Euro betragen die Kosten für das Personal in diesem Jahr und stellen den größten Kostenblock dar. Insgesamt beträgt das Budget für die JA fast 23,1 Millionen Euro. Etwa 200 000 Euro weniger als im Vorjahr erhalte er in diesem Jahr vom Land, sagt Kuhlmann, weil die niedrigere Belegung auch zu niedrigeren Kosten führt, zum Beispiel für Verpflegung, Wasser, Strom.

Eines vermag der aus JA-Sicht inzwischen gute Personalschlüssel nicht nach sich zu ziehen: Eine sinkende Reinhaftierungsquote. Die ist nach Schilderung des Einrichtungsleiters seit Jahren stabil und liegt bei 33 Prozent – „66 Prozent tauchen nicht wieder auf“. Ein Aufenthalt in der JA mit entsprechenden Resozialisierungsangeboten sei eben nur eine biografische Episode von vielen. Als Erfolg wird gewertet, „wenn es uns gelingt, dass sie ein halbes oder ein Jahr ohne Straffälligkeit sind“, heißt es über die Ex-Gefangenen. Als „gut“ bezeichnet Kuhlmann die Entlassungskennzahlen, die erhoben werden: 60 bis 70 Prozent würden in Arbeit, Ausbildung oder Schule entlassen. Auch wenn zum Zeitpunkt der Entlassung Ausweispapiere vorhanden sind und eine Wohnung, wird das als Erfolg gewertet.

Wenn es uns gelingt, dass sie ein halbes Jahr oder ein Jahr ohne Straffälligkeit sind, …

Wolfgang Kuhlmann, Leiter der JA Hameln über Erfolg im Justizvollzug


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