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13°

Klimaanlagen für alle?

Weltweit steigt die Temperatur – so wirkt sich das im Weserbergland aus

HAMELN. Es wird wärmer auf dem Planeten. Dagegen demonstrierten am Freitag in Hameln über 500 Schüler. Doch was bedeutet die globale Erwärmung konkret hier vor Ort? Nicht an der Nordseeküste oder in den Alpen, sondern bei uns im Weserbergland? Die Dewezet hat mit Prof. Gunther Seckmeyer darüber gesprochen. Er arbeitet am Institut für Meteorologie und Klimatologie an der Leibniz-Universität Hannover.

veröffentlicht am 17.03.2019 um 15:23 Uhr

Es wird wärmer in Hameln: Die Temperaturen steigen weiter. Foto: dana
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Der Klimawandel ist längst da. Seit 1881 ist die Temperatur in Niedersachsen bereits um 1,5 Grad gestiegen, erklärt der Meteorologe. Ein stärkerer Anstieg als im globalen Mittel. Grund ist die nördliche Lage Niedersachsens, nicht etwa ein unbekümmerter CO2-Ausstoß seiner Bewohner: Je näher an den Polen, desto stärker steigt die Temperatur. Bis 2050 dürfte ein weiteres Grad hinzukommen, „selbst dann, wenn wir gar keine Emissionen mehr hätten“, sagt Gunther Seckmeyer. Gelingt eine grundsätzliche Klimawende nicht, steigt die Temperatur bis ins Jahr 2100 um mehr als drei Grad gegenüber den vorindustriellen Zeiten. „Die Folgen kann man durchaus als katastrophal bezeichnen“, sagt der Wissenschaftler. Was bedeuten steigende Temperaturen für das Leben in unserer Region?


Für die Gesundheit: Hitzewellen wirkten sich auch auf die Gesundheit der Menschen aus, so Seckmeyer. Konkret: „Die Sterbequote steigt an heißen Tagen mit mehr als 30 Grad Celsius um etwa ein Zehntel und die Krankenhauseinlieferungen um ein Zwanzigstel“, so zitierte die „Frankfurter Allgemeine“ im Juli 2018 eine deutsch-amerikanische Studie, basierend auf Zahlen von Statistischem Bundesamt und Deutschem Wetterdienst. In Zahlen: knapp 300 Tote mehr an heißen als an kühleren Tagen. „Früher dachten wir, hier in Deutschland wird es nicht so heiß, wir brauchen keine Klimatisierung von Arbeits- und Wohnräumen“, sagt Seckmeyer. Nun könnten Klimaanlagen bald vom Luxus zur Notwendigkeit werden. Gespeist aber hoffentlich aus regenerativen Energiequellen: Klimaschaden durch mehr Klimatisierung, das wäre wohl nicht nur dem Meteorologen zu widersinnig.


Auf den Feldern: In der Landwirtschaft macht sich hierzulande der Klimawandel bereits bemerkbar – zunächst mal positiv: Die Vegetationszeit habe sich verlängert, der Frühling komme rund zwei Wochen früher, erklärt der Meteorologe. Gut für die Erträge – eigentlich. So einfach macht es das Klima den Bauern dann aber doch nicht, wie etwa die Trockenheit des vergangenen Jahres zeigte. Die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterlagen steigt, Dürren können – wie in 2018 – die Ernten verderben, Überschwemmungen ebenso. Im trockenen vergangenen Jahr waren die Bauern in Niedersachsen zum Beispiel bei Getreide zum frühesten Erntebeginn seit rund 60 Jahren gezwungen, der Ertrag lag gut 20 Prozent unter dem des Vorjahres. Auch den Wäldern des Weserberglandes würde der Klimawandel zu schaffen machten. „Die Ökosysteme können sich auf eine so schnelle und deutliche Veränderung nicht einstellen“, warnt der Meteorologe.

Prof. Gunther Seckmeyer


Für den Fluss: Wird die Weser zum reißenden Fluss oder doch eher – wie im vergangenen Sommer – zum ausgetrockneten Rinnsal? Oder bleibt sie schlicht, wie sie ist? Schwierig zu sagen. Dass Wetterextreme – also auch Starkregen – häufiger würden, sei „relativ sicher“, sagt Gunther Seckmeyer. Ihre Zahl ist bereits gestiegen. Wie nun jedoch die Niederschlagmenge generell – entscheidender Faktor für den Pegel der Weser und des Reservoirs Edersee – sich entwickeln werden, lässt sich schwer prophezeien. Erst seit etwa zehn Jahren würden überhaupt erst flächendeckend Radarbilder zu Niederschlägen ausgewertet, erklärt der Wissenschaftler. Zwar steigt seit Ende des 19. Jahrhunderts tendenziell die Niederschlagsmenge in Niedersachsen. Doch steigende Temperaturen werden auch deutlich mehr Wasser verdunsten lassen. Immerhin: Seeanschluss bescheren steigende Meeresspiegel dem Weserbergland wohl kaum. Dass sich das Meer die deutsche Küstenregion einverleibt, glaubt Seckmeyer zumindest nicht. Denn Deiche hochzuziehen, sei zwar teuer, aber für ein reiches Land wie Deutschland nun mal machbar.


Für die Gesellschaft: Schreitet der Klimawandel weiter ungebremst voran, dürften viele Menschen in anderen Regionen der Welt heimatlos werden, argumentiert nicht nur Seckmeyer. Die Folge: Migrationsbewegungen dürften in Gang gesetzt werden, die jene der vergangenen Jahre wie ein „laues Lüftchen“ erscheinen lassen dürften. Die Uno-Flüchtlingshilfe zitiert „Beobachter“, die in den nächsten 50 Jahren mit 250 Millionen bis zu einer Milliarde Menschen weltweit rechnen, die gezwungen sein werden, ihre Heimat zu verlassen.
Was tun? Eh schon alles zu spät? Seckmeyer widerspricht. Das Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen, sei „schon noch erreichbar“. Das bedeutet allerdings: weg von den fossilen Energien, weg vom CO2. In vielerlei Hinsicht würden die nötigen drastischen Maßnahmen der Wirtschaft nicht – so das häufige Argument – schaden, sondern sogar nutzen. Auch die Autoindustrie wisse längst: „Uns gehen die Arbeitsplätze verloren, wenn wir nicht auf CO2-freie Motoren umsteigen“, so Seckmeyer. Sonne und Wind seien schon heute günstigere Energiequellen als neue Kohlekraftwerke. Gewiss: Deutschland könne das Weltklima nicht allein retten, aber eine wichtige Vorbildfunktion einnehmen.

Dass nun mit Hochdruck zum Klimawandel und seinen regionalen Auswirkungen geforscht würde, gilt in Niedersachsen offenbar nur eingeschränkt. Das Institut für Meteorologie und Klimatologie, einzigartig im Bundesland, sei in den vergangenen Jahren doch sehr „geschrumpft“ worden, beklagt der Professor. Aktuell wird jedoch ein neues Projekt auf den Weg gebracht, in dem es darum gehen soll, wie Regionen – städtisch wie ländlich – auf den Klimawandel reagieren können.



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