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Welche Gefahr besteht und wie die Stadt sich vorbereitet

Weltkriegsbomben in Hameln?

Immer wieder werden bei Bauarbeiten in deutschen Städten Weltkriegsbomben gefunden. Erst im Juli sind in Hannover innerhalb von elf Tagen zwei Sprengsätze entschärft worden. Zuletzt war der Kampfmittelräumdienst in Kiel im Einsatz. Aber wie groß ist diese Gefahr eigentlich in Hameln?

veröffentlicht am 11.08.2015 um 10:59 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 19:21 Uhr

Weltkrieg Bomben in Hameln_1940-09 Reichsstraße 217 mit Blindgän
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Hameln (eaw). „Ich bin jetzt 23 Jahre im Dienst“, sagt Stadtsprecher Thomas Wahmes. „Den ersten und einzigen Fall gab es im September 2007, als Bauarbeiter im Zuge der Arbeiten am Westkopf der Münsterbrücke auf etwas Metallisches im Boden stießen.“ Eine ernste Situation sei das gewesen, erinnert sich Wahmes. Fliegerbombe, hätten die Experten damals  gesagt. Wahmes: „Bis zu 20000 Menschen, die komplette Innenstadt sollten evakuiert werden. Erst in einem Umkreis von 300, dann von 1000 Metern. Die größte Evakuierungsmaßnahme seit Kriegsende.“

Dann, Gott sei Dank, Entwarnung. Alles nur falscher Alarm.

Auf etwaige Bomben- und sonstige Munitionsfunde sei die Stadt gut vorbereitet. „Wir haben den Stab ´Außergewöhnliche Ereignisse´, in dem Führungskräfte von Polizei, Verwaltung, Feuerwehr und anderen Organisationen vertreten sind. Und es gibt in der Schublade Notfall- und Evakuierungspläne“, sagt Wahmes. Eine solche Maßnahme ist ein Wechselspiel zwischen vorbereiteter Planung und Improvisation. „Das ist vom jeweiligen Fundort abhängig“, so Wahmes. Die Einrichtung eines Bürgertelefons gehöre ebenso dazu wie die Information ausländischer Mitbürger und Fahrdienste für Menschen, die sich nicht aus eigener Kraft helfen könnten. „Das ist ein umfangreiches Paket von weitreichenden Maßnahmen, von Unterrichtsausfall über Bereitstellung von Sporthallen und Schule als Notunterkünfte etc.“

Umfangreiche Absperrungen gab es 2007 in Hameln: Am Brückenkopf/Torbayufer wurde eine Fliegerbombe vermutet. Archiv/Dana
  • Umfangreiche Absperrungen gab es 2007 in Hameln: Am Brückenkopf/Torbayufer wurde eine Fliegerbombe vermutet. Foto: Archiv/Dana
Weltkrieg Bomben in Hameln_1940-09 Reichsstraße 217 mit Blindgän
  • Eine weitere Aufnahme vom Bombenfund auf der B217. Foto: Stadtarchiv Hameln
Weltkrieg Bomben in Hameln_Kopie von 1945-03-23 Luftbild Hameln.
  • Auf diesem Luftbild von 1945 sind die Einschläge, besonders in Bahnhofsnähe, gut zu erkennen. Foto: Stadtarchiv Hameln
Hier sind 1945 Bomben eingeschlagen. Foto: pr
  • Hier sind 1945 Bomben eingeschlagen. Foto: pr
Weltkrieg Bomben in Hameln_Luftbild 24.3.45.JPG
  • Luftbild vom 24.3. 1945 Foto: Stadtarchiv Hameln
Weltkrieg Bomben in Hameln_Luftbild 22.3.45.jpg
  • Luftbild vom 22.3.1945 Foto: Stadtarchiv Hameln
Umfangreiche Absperrungen gab es 2007 in Hameln: Am Brückenkopf/Torbayufer wurde eine Fliegerbombe vermutet. Archiv/Dana
Weltkrieg Bomben in Hameln_1940-09 Reichsstraße 217 mit Blindgän
Weltkrieg Bomben in Hameln_Kopie von 1945-03-23 Luftbild Hameln.
Hier sind 1945 Bomben eingeschlagen. Foto: pr
Weltkrieg Bomben in Hameln_Luftbild 24.3.45.JPG
Weltkrieg Bomben in Hameln_Luftbild 22.3.45.jpg

Während die Kosten für Räumung bzw. Entschärfung vom Land getragen werden, muss die Stadt für eventuelle Evakuierungskosten selber aufkommen.

„Ob Hochwasser oder Bombenfund, wir sind in jeder Hinsicht für jeden denkbaren Fall gerüstet. Und wir trainieren das auch regelmäßig“, versichert der Stadtsprecher.

Aber wie groß ist nun das eigentliche Bedrohungspotenzial der Hamelner durch Kriegsaltlasten?

In seiner Publikation „Hameln in der NS-Zeit - Die Folgen des Lufkrieges für die Hamelner Bevölkerung“ hat der Historiker Berhard Gelderblom die Chronologie des Bombenkrieges detailliert erforscht. Was mit kleineren Abwürfen 1940 begann, steigerte sich zu konzentrierten Angriffen, die immer wieder vorrangig Bahnhof- und Güterbahnhof zum Ziel hatten.  Fast zwei Jahre, schreibt Gelderblom,  blieb Hameln von größeren Angriffen verschont.
„Am 7. Juli 1944 dürfte der Angriff erneut dem Bahnhof gegolten haben. Getroffen werden Häuser der Siedlung am Basberg. 19 oder 20 Menschen finden den Tod.“ Am 14. März 1945 erleidet Hameln dann den folgenschwersten Angriff. Auf dem Bahnhof stehen gerade die vollbesetzten Mittags- und Nachmittagszüge abfahrbereit, als zwölf britische Bomber angreifen. Gelderblom: „Rund 200 Tote sind die schreckliche Bilanz. In langen Reihen werden die Toten auf den Bürgersteig gegenüber dem Hotel Sintermann gelegt. 700 Menschen der Bahnhofsgegend werden obdachlos.“

Luftbilder zeigen die Situation vor und nach den Angriffen. „Vor allem Baumaßnahmen die in dieser Gegend in die Tiefe gehen, müssen deshalb sorgfältig auf Altlasten untersucht werden“, folgert Wahmes daraus. Dass es ansonsten in Hameln keine Bedrohung mehr gäbe, wolle er nicht sagen. „Vieles ist entdeckt worden, aber ein Restrisiko bleibt, und Wachsamkeit und Sorgfalt sind vonnöten.“ Die Gefahr sei nicht ganz beiseite zu schieben.

Die kostenpflichtige und nur auf schriftlichen Antrag mögliche Luftbildauswertung durch das Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung könne verdeutlichen wo und um welche Art von Bomben es sich handele. Auch eventuelle Blindgänger seien von den Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes klar zu identifizieren.

Unterm Strich aber sei die Gefahr in Hameln gering, ganz im Gegensatz zu Hannover oder gar Oranienburg, wo noch Hunderte von nicht entschärften Bomben im Boden verborgen seien. Bombenabwürfe an weiteren strategisch wichtigen Orten wie etwa der Weserbrücken habe es, so Gelderblom, nicht gegeben. „Die sind mit Artillerie angegriffen worden und dann ja auch durch die Deutschen selber gesprengt worden.“  Dennoch sind gerade Grundstückeigentümer verpflichtet, Kampfmittelfunde auf ihrem Grundstück sofort anzuzeigen. Andernfalls mache man sich strafbar, teilt die Behörde mit. Oftmals seien dabei Kampfmittel, insbesondere Bomben, Minen, Granaten, Spreng- und Zündmittel als solche gar nicht zu erkennen. Vieles sei im Laufe der Zeit bis zu Unkenntlichkeit verrostet und ähnele im Aussehen handelsüblichen Gebrauchsgegenständen. Die Anzeigepflicht gilt auch für Spaziergänger die Munition finden. Solche Funde sind sofort bei der nächstgelegenen Polizeidienstelle anzuzeigen.

Obwohl also in Sachen Bombenfunde in Hameln weitestgehend Entwarnung gegeben werden kann, bleiben Wachsamkeit und Vorsicht angesagt.



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