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Mit Perücke zum Personalausweis

Welche Haarfarbe hätten’s denn gern?

Hameln. Könnte sein, dass Herr de Maizières Team im Bundesinnenministerium gerade andere Sachen im Kopf hat, ja. Aber wie viele Menschen sind persönlich von Terroranschlägen betroffen? Und wie viele haben einen Personalausweis? Na also. Die Sache mit dem Personalausweis muss einfach mal geklärt werden, schließlich müssen wir wissen, wie wir auszusehen haben, wenn wir einen Fuß ins Bürgeramt setzen, oder?

veröffentlicht am 29.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 13:41 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Judith Böker hatte daran keinen Gedanken verschwendet, zumindest nicht mehr als sonst – bis zu dem Moment, als sie unverrichteter Dinge weggeschickt wird, weil sie rot statt blond ist. Sie blickt mit ihren Augen direkt in die Kamera, trägt keine spiegelnde Brille, hält den Kopf exakt so, wie es die Bundesdruckerei für die Anwendung der Gesichtsbiometrie vorgibt, Judith Böker zieht keine Grimassen, guckt nicht zu ernst und nicht zu freundlich. (Fast) alles richtig gemacht. Dass ihre Haarfarbe mittlerweile eine andere ist als die auf dem Foto, will die Frau vom Bürgeramt nicht akzeptieren. Solange sie ihr gegenübersitze, müsse sie so aussehen wie auf dem Bild, habe die Frau vom Bürgeramt ihr gesagt. Judith Böker ist erst amüsiert, dann irritiert, dann verärgert. „Wenn ich jetzt also mit blonder Perücke wiederkomme, dann kann ich den Personalausweis beantragen?“, fragt sie sich. Und weil sie nach langer Wartezeit, ohne ihr Ziel erreicht zu haben und „von oben herab behandelt“, das Bürgeramt wieder verlassen musste, fragt sie das auch die Frau, bei der sie sich telefonisch beschwert. Die Antwort: „Ja.“ Judith Böker, rothaarig, kann es kaum glauben. Sie hätte ja ein neues Foto machen lassen, sagt Judith Böker – „aufs Geld kam’s mir nicht an“. Nur über die Art, wie mit ihr umgegangen geworden sei, habe sie sich geärgert.

Judith Böker, diesmal blond mit Perücke, kehrt zurück – sieht zwar ebenfalls völlig anders aus als auf dem Foto – und beantragt ihren Personalausweis. Diesmal erfolgreich, aber nachhaltig verwundert. „Was wird denn Frauen gesagt, die ein Kopftuch tragen – heute haben Sie aber eine andere Farbe auf …?“ Und Brillenträger: Rote Brille auf dem Bild, blaue in natura – und jetzt? Wie sieht es aus mit dem Schnäuzer, der kurz nach Entstehung des Fotos abrasiert wurde? Zu welchem Zeitpunkt dürfen sich Grauhaarige die Haare schwarz färben? Und wie wird künftig der Grenzbeamte reagieren, wenn er Judith Böker mit roten Haaren vor sich hat, wo sie doch laut Personalausweis hundertprozentig blond ist? Fragen über Fragen – und mehrere Antworten.

„Die bundesweiten Vorschriften sind eindeutig“, heißt es aus der Stadtverwaltung. „Sie besagen, dass bei der Beantragung eines Personalausweises ein aktuelles Passfoto vorgelegt werden muss. Dieses Foto muss das tatsächliche Erscheinungsbild zum Zeitpunkt der Antragstellung darstellen.“ Dies sei im Fall der Kundin nicht gegeben gewesen, weil sie sich in der Zwischenzeit die Haare gefärbt hatte.

Dass die Mitarbeiter der Behörden Handlungsspielraum haben, wenn sie entscheiden sollen, ob der, der vor ihnen sitzt, auch der ist, der vor dem Fotografen saß, sagt keiner. „Die Identifizierbarkeit muss gewährleistet sein“, sagt das Bundesinnenministerium, darüber hinaus gebe es aber keine Anweisungen. Der Fingerabdruck sei dafür das sicherste Mittel. Dass aber gerade das Haar bei Frauen, die diesbezüglich doch einiges mit einem Chamäleon gemein haben, ausschlaggebendes Kriterium sein könnte, darüber muss auch der Berliner Mitarbeiter schmunzeln. Für die Anfrage zu banalen, aber haarigen Angelegenheiten zeigt er freundlicherweise Verständnis: „Doch, doch, das wollen die Menschen doch wissen.“ Jetzt wissen wir’s.

Drei Bilder, dreimal dieselbe Frau, die aber im Bürgeramt nur als Blondine mit Perücke (Foto unten) überzeugen konnte: Judith Böker. „Ich hätte nichts gesagt, wenn ich dort einfach freundlich behandelt worden wäre“, sagt die Hamelnerin. Foto: Dana



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