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Pastorin Christiane Brendel über die Krippe, funkelnde Weihnachtsbäume und Menschen, die gebraucht werden

Weihnachten in verrückten Zeiten

Liebe Leserinnen und Leser, es wird wieder Weihnachten, auch in diesem Jahr. Trotz Pandemie. Gut so. Gut, dass manches so ist wie immer: Kerzen und Sterne in der dunklen Jahreszeit. Die funkelnden Weihnachtsbäume in Städten und Dörfern. Und Menschen, die da sind, wo sie gebraucht werden: Eltern für ihre Kinder, Ärztinnen für die Kranken und Pfleger für die alten Menschen, Busfahrerinnen auf den Straßen, Lehrer für ihre Klassen und Erzieherinnen für die Kleinen.

veröffentlicht am 24.12.2020 um 16:00 Uhr

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Vieles ist aber auch anders: Enkelkinder bei einem Video-Treffen mit ihren Großeltern: „Oma, du musst noch dein Mikro einschalten, sonst kann ich dich nicht verstehen…“ Kein Treffen mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt, keine Vorstellungen im Theater, keine Konzerte in unseren Kirchen: schmerzlich vermisste Traditionen und Stimmen, die sonst unser Leben reich machen. An Heiligabend Gottesdienste unter freiem Himmel mit Voranmeldung und Platzkarten. Zu Hause packe ich unsere Krippe aus. Der Stall von Bethlehem kommt an seinen gewohnten Platz im Wohnzimmer. Dann hole ich die Figuren aus dem Pack-Papier, sie scheinen zu lächeln: „Endlich wieder im Einsatz … bloß keinen Lockdown über Weihnachten in den dunklen Kisten im Keller!“ Und ich denke: „Euch brauchen wir in diesem Jahr mehr denn je!“

Aber wie baue ich die Krippe coronakonform auf? Maria, Josef und Kind, das ist ein Hausstand. Sie können also eng zusammenrücken und die Eltern dürfen sich liebevoll über ihr Neugeborenes beugen. Jetzt kommen die Hirten. Wo sollen die hin? Drei Hirten – jeder ein eigener Hausstand? Ich weiß nicht recht. Hausstand klingt nach geordneten Verhältnissen.

Haben die überhaupt so was wie ein Zuhause, wo man nach getaner Arbeit hingeht und es sich wohl sein lässt? Diese Männer haben doch nur sich und ihre Tiere. Tag und Nacht sind sie zusammen auf der Weide. Sie schlafen, wachen, essen und reden miteinander unter Gottes weitem Himmel als ihrem gemeinsamen Dach.

2 Bilder
Die St.-Annen-Kapelle um 1880 bis 1890. Foto: Archiv

Ich beschließe daher: drei Hirten – ein Hausstand. Sie können zusammen an der Krippe stehen. Sehr gut. Aus dem nächsten Packpapier kommt der Engel. Er hängt eigentlich immer über dem Stalleingang am Giebel, sichtbar für alle. Da er die frohe Botschaft verkündigt, müssten für ihn die Regeln für Pastor*innen gelten:

Wegen der Verständlichkeit ohne Mundschutz, aber mit mindestens drei Metern Abstand zu den Empfängern seiner Botschaft. Das wird diesmal nichts mit dem Giebel. Also kommt der Engel mit ausreichendem Abstand aufs Regal, glücklicherweise haben Engel ja eine klare Stimme. Zum guten Schluss die drei Weisen aus dem Morgenland. Müssen die nicht erst mal in Quarantäne, bevor sie den Stall betreten können? Da sie die weite Reise aus dem fernen Osten zusammen gemacht haben, können sie jedenfalls als ein Hausstand gelten.

Wenn sie schließlich alle da sind, befinden sich im Stall neun Personen und drei Hausstände auf ziemlich engem Raum. „Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ erzählt die biblische Weihnachtsgeschichte. Damals war Bethlehem wegen der Volkszählung des Kaisers so überlaufen, dass es keinen Platz mehr in den Unterkünften gab.

2020 wäre die Heilige Familie am Beherbergungsverbot gescheitert und vermutlich in irgendeiner Hütte gestrandet

2020 wäre die Heilige Familie am Beherbergungsverbot gescheitert und also vermutlich auch in irgendeiner Hütte gestrandet.

Weihnachten im Jahr 2020 ist verrückt, im wahrsten Sinn des Wortes. Ich muss nicht nur die Krippenfiguren verrücken, sondern auch meine liebgewonnenen Traditionen. Seltsamerweise erzählt genau das die biblische Weihnachts-Geschichte: dass Gott die Verhältnisse verrückt.

Nicht Menschen kommen zu Gott, sondern Gott kommt zu den Menschen, macht sich auf ins Abenteuer Menschsein. Ohne Aufhebens kommt er, in einem verletzlichen Kind, so unfertig wie unser Glaube. Daran erinnern uns die Krippenfiguren alle Jahre wieder. Und der Engel ruft allen zu: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Diese Worte klingen seit über 2000 Jahren von den Feldern Bethlehems herüber bis zu uns. Sie klingen in den Predigten und in den Weihnachtsliedern, die wir hören und draußen summen werden.

Vielleicht klingen sie unter freiem Himmel ganz neu. Das ganze Neue Testament bezeugt, dass Gott zu seiner Welt kommt in Jesus, der sich als Erwachsener „Menschensohn“ nennen wird und dem auch noch andere Namen zugeschrieben werden, zum Beispiel Gerechter und Helfer und „Immanuel“: Gott mit uns. Der „Gott mit Dir“, der an deiner Seite bleibt und alle Zumutungen mit dir aushält. Der Helfer, der das Verletzte heilsam berührt und die Tränen abwischt. Der Gerechte, der zum Frieden anstiftet und sein Brot mit den Hungrigen teilt. Er duftet nach himmlischer Nähe und freut sich mit, wo Freude herrscht. Er lässt sich durch nichts aufhalten. Nicht mal durch ein Virus. Gott sei Dank!

In meiner verrückten Krippe kommen die himmlischen Heerscharen aus dem Erzgebirge dieses Jahr aufs Fensterbrett. Sie brauchen ja viel Platz wegen des Singens und der zahlreichen Blasinstrumente. Auf dem Fensterbrett sind sie weit genug weg von den anderen Hausständen und brauchen keine Maske. Denn die auch noch anzufertigen, in Größe 3 × 3 mm, das ginge dann wirklich zu weit!

Frohe und gesegnete Weihnachten in verrückten Zeiten wünscht Ihnen Pastorin Christiane Brendel von der St.-Annen-Kirchengemeinde in Wangelist.

Information

Die St.-Annen-Kapelle in Wangelist

Eine kleine Backsteinmauer, davor der Opferstock. Durch ein kleines Holztor gelangt man auf das Gelände: rechts einige Grabsteine – ein kleiner Friedhof, links eine große Statue. Sie zeigt den heiligen Georg. Darüber ein kleines Dach, darunter ein kleiner Efeubusch. Rote Backsteine umrandet von schwarzem Fachwerk – etwas krumm und schief. Im oberen Bereich kleine Fenster. Mit dunklen Schieferplatten ist das Dach eingedeckt. Darüber thront der Glockenturm. Eine hölzerne blaue Tür führt ins Innere, über ihr hängt eine alte Laterne. Drinnen angekommen, fällt links sofort ein dreiteiliger Altar ins Auge. Mittelalterliche Gemälde sind dort zu sehen. Daneben sticht die Kanzel hervor. Auf der anderen Seite das Pult, daneben eine Orgel. Rechts neben dem Eingang Stühle – ordentlich in Reihen aufgestellt. 1469 erbaut, hat sie mehrere Zeitepochen überdauert und wird auch heute noch als Gotteshaus genutzt. Gestiftet vom Aerzener Pfarrer Johannes Kreyenberg, diente die Kapelle zunächst als ein Gotteshaus für Leprakranke.

Am 23. Mai 1469, damals der Sonntag vor Pfingsten, wurde die Kapelle eingeweiht. Seither wird sie als Gotteshaus benutzt, abgesehen von zwei Jahren während der Napoleonischen Kriege: In den Jahren 1805 und 1806 wurde die Kapelle als Wachhaus von Preußen und Franzosen verwendet.red



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