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Jugendwerkstatt muss Angebot für straffällig gewordene Jugendliche von 120 auf 50 Plätze reduzieren

Wegen Geldmangels schneller in den Knast ?

veröffentlicht am 12.03.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:36 Uhr

Hameln-Pyrmont (HW). Das Projekt für straffällig gewordene Jugendliche in der Jugendwerkstatt Hameln (JWH) ist zwar nicht mehr gefährdet, aber in seiner Kapazität erheblich reduziert. Weil der Landkreis die 2009 noch bewilligte Förderung in Höhe von 18 000 Euro nach einem Kreistagsbeschluss für 2010 verweigerte und Klaus-Dieter Jösten mit einem weiteren Antrag auch beim Land Niedersachsen gescheitert war (wir berichteten), ist der Leiter der diakonischen Einrichtung inzwischen zum Handeln gezwungen worden. Jösten kann nur noch eine der bisherigen zwei Fachkräfte bezahlen. Die Folge: Seit Februar kümmert sich nur noch eine JWH-Bedienstete um das Projekt, können statt bislang 120 Jugendliche lediglich noch 50 betreut werden.

„Ich bin guter Dinge, dass es nicht zur Katastrophe kommt“, sagt Heidi Pomowski, Sozialdezernentin beim Landkreis Hameln-Pyrmont. In der Vergangenheit seien die zwei Fachkräfte vom Kreis mit 52 000 Euro pro Jahr bezuschusst worden. Und daran habe sich bis heute nichts geändert, da es sich bei den 2009 zusätzlich gewährten 18 000 Euro um eine einmalige Zuwendung gehandelt habe. Da Jösten jetzt eine Mitarbeiterin aus der Maßnahme genommen hat, stünden 26 000 Euro zur Verfügung. „Und die sind im Haushalt berücksichtigt“, betont die Dezernentin, die aber auch weiß: „Behalten die Jugendrichter ihre Einstellung bei und belegen weiter diese Plätze, könnte es im Sommer eng werden.“ Deshalb werde im Kreishaus an einem Plan gearbeitet, eine andere soziale Einrichtung für diese Aufgabe zu gewinnen. „Das kann auch die Jugendwerkstatt sein, wenn sie ein anderes Konzept vorlegt“, sagt Pomowski an. Eine Ausschreibung sei in Vorbereitung.

„Ich halte das für sehr schwer, aber Frau Pomowski wird sich dabei etwas gedacht haben“, erklärt Jösten. Dass die Jugendwerkstatt das Projekt zu den bisherigen Bedingungen fortsetzt, schließt er ebenso aus wie ein neues Konzept. „Wir können die Arbeit so nicht mehr anbieten, weil unser tariflich bezahltes Personal ja auch teurer wird. Meine Mitarbeiter lassen sich zudem nicht wie Marionetten austauschen. Sie sind lange dabei – eine Kontinuität für unsere Arbeit“, sieht Jösten keine Chance. Dennoch sucht der JHW-Leiter nach Lösungswegen und verweist auf den 19. April. Für diesen Termin ist eine Zusammenkunft mit den Jugendrichtern geplant, „um zu gucken, wie es weitergehen kann“.

Andreas Grehl, Familienrichter am Amtsgericht Hameln und Mitglied des Jugendhilfeausschusses beim Landkreis, sieht der Entwicklung mit Skepsis entgegen. „Der Vorteil der Jugendwerkstatt ist die vielfältige Vernetzung, mit Jugendlichen etwas zu machen, was man hier sonst nicht findet“, erläutert der Jurist. Die jugendrichterliche Weisung sei ein willkommenes Instrument, unter bestimmten Auflagen etwas zu bewirken. Ausgangspunkt sei dabei nicht die Strafe, sondern die Erziehung. „Mit dem Ziel, dass Jugendliche nicht mehr straffällig werden. Dabei spielt der Sanktionscharakter eine untergeordnete Rolle“, berichtet Grehl. Der betroffene Jugendliche werde durch eine solche Maßnahme gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. „Viele fühlen sich häufig das erste Mal an- und ernst genommen, weil die Familienverhältnisse oft desolat sind. Aber sie müssen auch was tun, denn bei Abbruch dieser Maßnahme drohen Sanktionen“, berichtet Grehl, der die Arbeit seiner Kollegen erheblich beeinträchtigt sieht, wenn das vorhandene Angebot im Landkreis Hameln-Pyrmont nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

„Dann wird es sicherlich schneller zu Gefängnisstrafen kommen. Und das ist viel teurer“, glaubt Jösten. „Dann wird es für das Land teurer, denn das Vorhalten von Strafvollzugsanstalten ist Aufgabe des Landes“, erwidert Pomowski, die jedoch Jöstens Auffassung teilt, dass Jugendlichen eher der Knast droht, wenn ein tatsächlicher Engpass bei den jugendrichterlichen Weisungen tatsächlich eintreten sollte. Jedoch merkt die Dezernentin auch an: „Es kann aber nicht sein, dass sich das Land zurückzieht und der Kreis dann für die Kosten in die Bresche springen muss.“



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