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Dewezet-Test / Ehrmann über das Mindesthaltbarkeitsdatum

Was passiert unter den schlechtesten Bedingungen?

Hameln. … keiner macht mich mehr an“ – wer häufiger vor dem Fernseher sitzt und Werbung sieht, weiß, wie der Satz beginnt. Ehrmann steckt dahinter, eines der größten Milchverarbeitungsunternehmen in Deutschland mit Sitz im Allgäu. Ehrmann produziert nicht nur unter dem Firmennamen, sondern auch für die Lidl-Handelsmarke „Yofrutta“. Dazu gehört auch der Speisequark „Fruit King“, dessen Qualität die Dewezet in einem mehrwöchigen Test von der Lufa Nord-West in Oldenburg prüfen lässt. Wie das Mindesthaltbarkeitsdatum „08.11.“, das auf dem Deckel prangt, zustande kommt, erklärt Thomas Böck, der bei Ehrmann als Lidl-Kundenbetreuer arbeitet.

veröffentlicht am 05.11.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 17:21 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Zu bedenken sei vor allem, dass man es bei Joghurt und Quark mit lebendigen Produkten zu tun hat, die von Natur aus nicht keimfrei sind. An irgendeinem Zeitpunkt würden die Keimzahlen so hoch, dass sie gesundheitsschädigend wirken. Menschen mit einem schwächeren Immunsystem seien dabei schneller gefährdet als andere. Unter der Annahme der worst-case-Bedingungen, also den schlechtesten Umständen, die eintreten können, wird bei Ehrmann das Mindesthaltbarkeitsdatum bestimmt, so Böck. Dazu werde von einem Höchstmaß an Keimbelastung in der Produktion ausgegangen und von einer Kühltemperatur, die nicht, wie empfohlen, bei vier Grad Celsius liegt, sondern bei acht. „Wir wissen alle, wie schnell das geht, wenn wir einkaufen. Es geht doch kaum einer mit Kühltaschen durch den Supermarkt, und dann liegen die Waren noch eine Zeit lang im Auto“, beschreibt Böck die Einkaufswirklichkeit.

Unter oben genannten Umständen garantiert Ehrmann, dass die Produkte noch mindestens „25 bis 35 Tage haltbar sind“, je nachdem, um welches Produkt es sich handelt. Warum aber diese verkürzte Zeitspanne, wenn bekannt ist, dass Joghurt oder Quark meist weit nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar ist? „Weil wir nicht wissen, was nach dem Kauf mit dem Produkt passiert“, sagt Böck über die aus Herstellersicht große Unbekannte, sobald der Becher die Kühlwagen verlassen hat. Weder auf die Umweltbedingungen beim Handel noch beim Endverbraucher könne Einfluss genommen werden. Zu rütteln gebe es an dem Datum nichts, das ist gesetzt, sagt Böck und verweist auf die Erfahrungen und zugrunde gelegten Berechnungen. Dass es darüber dennoch immer wieder Diskussionen gibt, liegt in der Natur der unterschiedlichen Interessen:

„Händler fordern ein möglichst langes Haltbarkeitsdatum“, sagt Böck. Dass Discounter wie Aldi und Lidl in ihren Verhandlungen mit Lieferanten nicht zimperlich sind, ist bekannt – da ist auch das Datum ein Baustein bei der Lieferantenauswahl. In diesen Gesprächen spiele jedoch nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum eine Rolle, sondern die Restlaufzeit. Sie bestimmt den Zeitraum von der Anlieferung bis zum Ablaufen des MHD und beeinflusst, wie schnell das Produkt die Fertigung verlässt und ausgeliefert wird – eine Frage der Logistik, die dann eben beim Produzenten gelöst werden will, will er den Zuschlag des Discounters erhalten.

Kritik am Mindesthaltbarkeitsdatum kam von Deutschlands Verbraucherministerin Ilse Aigner nicht zuletzt, weil jährlich Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen werden. Auch, so die Annahme, weil deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Statt deren Güte zu überprüfen und sich auf die eigenen Sinne zu verlassen, landeten viele Produkte vorsichtshalber auf dem Müll. Dass Produzenten von dieser Wegwerfmentalität profitieren wollen und deshalb an einer unnötig verkürzten Mindesthaltbarkeit festhalten – Böck verwahrt sich dagegen: „Wir haben kein Interesse daran, dass unsere Produkte weggeschmissen werden.“ Doch der Verbraucher müsse richtig informiert sein, was das Mindesthaltbarkeitsdatum bedeute.

In der Vergangenheit hat sich die Haltbarkeit erheblich verlängert. Früher habe ein Fruchtjoghurt vielleicht zehn Tage gehalten, erzählt Böck. Heute hält er dreimal so lange, was auf eine immer sauberere Produktion mit immer geringerer Keimbelastung zurückzuführen ist.

Ein Gedankensprung zur Optik und zum Vergleich: Man stelle sich eine Erdbeere vor, die 35 Tage alt ist. Von ansehnlich spricht dann vermutlich niemand mehr – was auch dem Joghurt blühen kann. Nicht nur die Keimzahl wird zur Festlegung des MHD einbezogen, sondern auch die Sensorik, einschließlich Aussehen. Da kann es passieren, dass sich die rote Farbe einer frischen Erdbeere langsam in Braun verwandelt, womit eine spezifische Eigenschaft des Joghurts beeinträchtigt wäre. Genau das aber ist Aufgabe des MHD laut Paragraf 7 der Lebensmittelkennzeichnungsverordnung: „Das Mindesthaltbarkeitsdatum eines Lebensmittels ist das Datum, bis zu dem dieses Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften behält.“

Das MHD der Lyoner Wurst wurde erreicht: 4. November; Dienstag prüfen die Chemiker der Lufa Wurst und Quark erneut. Dewezet-Mitarbeiter Matthias Waldeck hat die Wurst schon gestern probiert. Sein Urteil: „Schmeckt gut, Frische: Note 1, Geschmack Note 2-, etwas zu salzig.“ Mehr über den Test im Blog unter dewezet.de

Um die Sinnhaftigkeit des Mindesthaltbarkeitsdatums ist eine politische Debatte entbrannt – die Dewezet will es nun wissen: Was passiert mit Wurst und Quark, wenn das Datum verstrichen ist? Mikrobiologen und Redakteure starten einen Test.



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