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Dieter Borchmeyer im „Hamelner Forum“

„Was ist deutsch?“ Die Suche einer Nation nach sich selbst

HAMELN. Ob in der Forderung nach einer deutschen Leitkultur, der Integration Schutzsuchender oder der Konfrontation mit rechtsradikalem, nationalistischem Gedankengut, die Frage danach, was eigentlich „deutsch“ ist, ist hochaktuell. Professor und Buch-Autor Dieter Borchmeyer hat nun beim „Hamelner Forum“ im Lalu im Hefehof eine erhellende Geschichtsvorlesung dazu gehalten, findet unser Autor.

veröffentlicht am 14.09.2018 um 19:32 Uhr
aktualisiert am 14.09.2018 um 20:40 Uhr

„Was ist deutsch?“ Um diese schwierige Frage kreisten Dieter Borchmeyers Ausführungen. Foto: eaw
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Autor

Ernst August Wolf Reporter
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Dieter Borchmeyer, Jahrgang 1941, lehrte in Heidelberg Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaft, war Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, ist Träger des Bayerischen Literaturpreises und spürte 2017 in seinem 1000-Seiten-Buch „Was ist deutsch?“ der „Suche der Nation nach sich selbst“ nach. „Ein Lebenswerk, das man nicht eben mal so schnell runterschreibt“, so Borchmeyer zu den Zuhörern, die zum „Hamelner Forum“ ins Lalu im Hefehof gekommen waren.

Statt einer Lesung gab es eine die Zusammenhänge eindrucksvoll erhellende, sprachlich sehr anspruchsvolle Geschichtsvorlesung, an deren Beginn Borchmeyer dem Begriff der Leitkultur, zumal seinerzeit vor allem über die Bildzeitung verbreitet, eine ebenso klare Absage erteilte wie den von Martin Schulz gebetsmühlenartig beschworenen Vereinigten Staaten von Europa. „Eine farblose Esperantowelt. Die mögen vielleicht wir Deutschen anstreben, die anderen europäischen Staaten niemals.“ Im Gegensatz zum Einwandererland USA sei ein europäisches Bewusstsein ferner denn je und ganz und gar utopisch.

Goethe, Schiller, die Brüder Grimm, Kant, Hegel, Thomas Mann, Wagner, Nietzsche – Borchmeyer stellte heraus, dass sich der deutsche Nationalbegriff aus der „Sprachidee einer Kulturnation“ abgeleitet habe. Die stadtbürgerliche Kultur formte den Begriff der bürgerlichen Nation im 19. Jahrhundert. Mit bürgerlichen Tugenden: Treue, Sauberkeit, Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit und so weiter. „Dagegen steht der aus der höfisch-absolutistischen Adelsgesellschaft entstandene Nationalcharakter der Franzosen“, so Borchmeyer. Kulturnation hier, Verfassungsstaat in Frankreich und Großbritannien. Mit der Reichsgründung 1871, dem Bismarck- und Kaiserreich, Erstem Weltkrieg bis zum Nationalsozialismus dann die „verstaatlichte“ und machtpolitische Überhöhung und Pervertierung des Nationsbegriffes. „Die weltbürgerliche Tradition des deutschen Genius als Kulturnation verwandelt sich in den politischen Staat“, zitierte Borchmeyer Bogomir Golz. Die Idee des Nationalen habe sich jedoch schon im 19. Jahrhundert vollendet.

Vom Nationalsozialismus in Misskredit gebracht, sei „deutsch sein“ bis in die Gegenart vollkommen tabuisiert worden, „Das schlechte deutsche Gewissen reicht bis zur Selbstverleugnung.“ Für Borchmeyer ein kontraproduktiver, ja gefährlicher Prozess. So erschwere die „deutsche Identitätsunsicherheit“ etwa die Integration in eine ansonsten zunehmend tabulose Gesellschaft. „In Integrationskursen werden nur Alltagsregeln verkündet, erfahren die Neubürger nichts von Goethe und Schiller, lernen sie nur die Traumata der jüngsten deutschen Geschichte kennen.“ Ihnen werde damit ohne Not „die Last der neuen Heimat aufgebürdet“. Borchmeyers Fazit: „Die Politik muss anbieten, worin man sich integrieren soll.“ Dabei käme es jedoch zu grundlegenden Konflikten. Seien Kirche und Staat in Deutschland beispielsweise fast völlig getrennt, so widerspräche das völlig der Grundauffassung der Muslime. „Denen muss deshalb überhaupt ihre eigene Religion erst einmal erklärt werden“, forderte Borchmeyer. Das sei ebenso notwendig wie „eine riesige Bildungsreform, die die Geschichte wieder nach hinten“ öffne und den Blick auf die Entstehung und Eigenarten des deutschen Nationalgedankens freigebe. Der allerdings sei nicht statisch, sondern stetigem Wandel unterworfen.



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