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Expertin Gerda Holz unterstützt das Aktionsbündnis gegen Kinderarmut / Hameln weist hohe Quote auf

Was hilft gegen Folgen der Armut?

HAMELN-PYRMONT. Die neuesten Zahlen sind ernüchternd: 29,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Hameln sind arm, im Jahr 2013 waren es noch 28 Prozent. Damit leben in der Rattenfängerstadt noch mehr Menschen in relativer Armut als im Landkreis-Durchschnitt – und auch dort liegt die Quote von über 21 Prozent oberhalb der des Landes. Alles in allem: keine gute Nachricht. Was tun? Das Aktionsbündnis gegen Kinderarmut hat sich Hilfe von außen geholt, um Antworten auf die Frage zu finden.

veröffentlicht am 30.06.2019 um 16:00 Uhr
aktualisiert am 04.07.2019 um 10:33 Uhr

Birte Hansen

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Reporterin zur Autorenseite

Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt befasst sich seit Jahren mit dem Thema und hat vor knapp 90 Gästen, darunter einige Lokalpolitiker, im Lalu aufgezeigt, welche Folgen sie für die Betroffenen und die Gesellschaft hat. „Eine Armutsquote von null – das wird es nicht geben“, nimmt Holz eine Illusion. Aber vor allem auf den Kommunen, die „Lebens- und Entwicklungsort sind“, lastet die Aufgabe, die Folgen zu verhindern beziehungsweise abzumildern. „Kinder haben Entwicklungen zu bewältigen, nicht Armut!“, macht sie deutlich, dass es Aufgabe der Erwachsenen ist, sicherzustellen, dass sie trotz der Armut der Eltern einen guten Zugang zu Bildung, Gesundheit, zu Kultur, Sport und anderer Freizeitgestaltung brauchen.

Vor dem Hintergrund, dass „Bildung unser Kapital ist“, wie Gerda Holz betont, sind diese Erkenntnisse aus ihren Untersuchungen zu sehen: Unter Kindern und Jugendlichen, die von Armut betroffen sind, sind deutlich mehr Schüler, die irgendwann vom Gymnasium auf die Realschule wechseln oder von dort auf die Oberschule. Die Übergänge zwischen den Schulformen beziehungsweise zwischen Kindergärten und Schule besser zu gestalten, sei eine der Aufgaben, die Kommunen gestalten können. In Emmerthal funktioniert das laut der stellvertretenden Landrätin und Emmerthaler Politikerin Ruth Leunig gut mit den Bildungshäusern, wie sie im Rahmen einer Podiumsdiskussion sagt, und auch Hameln kann das Bildungshaus am Klüt aufweisen – das im Übrigen nicht das einzige im Stadtgebiet bleiben soll, wie Stadträtin Martina Harms in Aussicht stellt.

Bei allem, was für die Menschen, die von Armut betroffen sind, getan werde, müsse eine Stigmatisierung verhindert werden, fordert nicht allein Elisabeth Beerbom-Schönig vom Kinderschutzbund. Eine Familiencard beispielsweise, die von Hameln erdacht wird, dürfte dann nach außen keinen Hinweis darauf geben, wer sie gerade einsetzt. Eine sogenannte „Sozialcard“ wäre dann in diese Familiencard zu integrieren, erklärt Harms. Für Jugendliche müsste es mehr betreute Angebote geben, findet Thomas Wiese, Leiter des Jobcenters, und auf „Sprache als Integrationsfaktor“ müsste mehr Gewicht gelegt werden.

„Auch wenn ich arm bin, bin ich wertvoll“ – so müssten Kinder und Jugendliche sich wahrnehmen können, betont Gerda Holz. Um diese Überzeugung zu stärken, können Angebote zum einen auf „individuelle Förderung und Stärkung zielen“, zum anderen gehe es darum, „strukturelle Armutsprävention“ zu betreiben. Dazu zählen „kostenfreie Angebote sowie umfassende und qualifizierte öffentliche Infrastruktur“ – etliches davon könne aber auch nicht von Kommunen geleistet werden, sondern ist auf Landes- oder Bundesebene angesiedelt. Auf kommunaler Ebene gehe es darum, eine Armutssensibilität zu erreichen – und da ist Hameln-Pyrmont mit dem Bündnis gegen Kinderarmut in Holz’ Augen bereits auf einem guten Weg.

Gerda Holz „hat uns aufgezeigt, dass wir hier vor Ort schon Kronjuwelen haben, die erkannt und ausgebaut werden müssen“, erzählt Lieselotte Sievert vom DRK Hameln-Pyrmont vom anschließenden Workshop, an dem mehrere Bündnis-Partner teilgenommen haben. Zu den Kronjuwelen zählten beispielsweise Tivis Märchenspiel, die Rattenfängerfreilichtspiele, das Projekt „Ohne Bewegung keine Sprache“. Vor allem aber sei ein Umdenken erforderlich, das nicht nur „arme“, sondern alle Kinder und Jugendliche im Fokus habe. „Damit würden wir dem Schubladendenken von „die armen“, „die behinderten“, „die ausländischen“ …. Kinder begegnen, ganz im Sinne einer inklusiven Denk – und Handlungsweise“, so Lieselotte Sievert.

Als nächstes werde das Bündnis sein Profil schärfen, um herauszustellen, was es kann, aber auch, was es nicht kann. „Wir haben ja kein Geld zu verteilen“ und könnten demnach auch nicht neue Projekte stemmen. Sondern: „Wir sind Themenanwalt“, damit das Thema nicht in der Versenkung verschwindet. Weiterhin solle eine Analyse der Netzwerkpartner erfolgen, um gegebenenfalls blinde Flecken zu identifizieren und diese zu beseitigen. „Das Bündnis will sich noch breiter aufstellen“, formuliert Sievert. Sie hat zusammen mit Magdalena König-Waldek die Federführung des Bündnisses, das um die 30 Partner umfasst. Dazu zählen alle Kommunen des Landkreises, das FiZ, das Jobcenter und der Verein SAM als Gründungsmitglied, der sich intensiv um die Förderung von Schülern kümmert.



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