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Ein Interview mit Rapper Spax und Philosoph Manemann

Was haben Philosophie und Hip-Hop gemeinsam?

HAMELN. Welten im Zusammenstoß? Der eine kam in Hip-Hops vermeintlichem Geburtsjahr, 1973, zur Welt, der andere war da immerhin schon zehn Jahre alt. Heute ist der eine, Rafael „Spax“ Szulc-Vollmann, Rapper, der andere, Prof. Dr. Jürgen Manemann, Philosoph. Zusammen haben sie sich mit den Gemeinsamkeiten und der gesellschaftlichen Wirkung und Bedeutung einer Philosophie des Hip-Hop befasst. Auf Einladung des Arbeitskreises Ökumene und des Ökumenischen Kirchenzentrums sind sie am Mittwoch, 27. Februar, um 19 Uhr im Regenbogen zu Gast. Die Dewezet hat vorab mit ihnen gesprochen

veröffentlicht am 17.02.2019 um 14:00 Uhr
aktualisiert am 13.03.2019 um 11:59 Uhr

Philipp Killmann

Autor

Reporter zur Autorenseite

Herr Professor Manemann, Spax, Hip-Hop und Philosophie – was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?
JÜRGEN MANEMANN: Philosophieren heißt für Sokrates, öffentlich über das eigene Leben Rechenschaft abzulegen. Für den Rapper KRS-One ist Hip-Hop eine bewusste Weise zu sein. Beide, Philosophie und Hip-Hop, sind also Lebenspraktiken, die der Überprüfung des eigenen Lebens dienen. Spax ist für mich ein Lebensphilosoph par excellence. Er rappt über sein Leben. Und Leben bedeutet für ihn, mehr als bloß zu überleben.

SPAX: Für mich bedeutet Philosophieren, über das Leben und über den Sinn des Lebens nachzudenken. Als Artist lasse ich mich dabei von meiner Umwelt und meinem Umfeld inspirieren. Das führt unweigerlich zu einer tiefen Auseinandersetzung mit mir selbst und dem großen Ganzen. Ich würde sagen: Wenn man sich intensiv mit Hip-Hop auseinandersetzt, kommt man um Philosophie nicht herum.

Professor Manemann, Sie waren gerade zehn Jahre alt, als Hip-Hop, wie manche sagen, von Kool DJ Herc am 11. August 1973 in die Welt gesetzt wurde. Wann und wie sind Sie mit Hip-Hop in Berührung gekommen?
MANEMANN: Richtig angefangen hat meine Auseinandersetzung mit Hip-Hop erst 2015. Ich hatte in Houston einen Vortrag von Monica Miller über „Hip-Hop and Humanism“ gehört, und dabei wurde mir klar: Hip-Hop ist wichtig, ob es dir gefällt oder nicht, du musst dich damit auseinandersetzen. Zurück am Institut erwähnte dann einer unserer damaligen Gastwissenschaftler, Eike Brock, dass er früher Rapper gewesen sei. Kurzerhand haben wir dann Rapper*innen (Prof. Dr. Manemann legt Wert auf eine gendergerechte Sprache; Anm. d. Red.) eingeladen, um mit ihnen auf der Bühne über Philosophie und Hip-Hop zu diskutieren. So hat alles angefangen. Mein Bild vom Hip-Hop hat sich dadurch völlig verändert: Ich habe die Potenziale des Hip-Hop erfahren, etwa die Fähigkeit das, was ist, in Worte zu fassen. Seitdem habe ich sehr viel von Rapper*innen gelernt.

Philosoph Jürgen Manemann. Foto: Manemann/FIPH

Inwieweit wurde Ihr bisheriges Bild von Hip-Hop bestätigt oder auch widerlegt?
MANEMANN: Mein Bild vom Hip-Hop hat sich dadurch völlig verändert: Ich habe die Potenziale des Hip-Hop erfahren, etwa die Fähigkeit das, was ist, in Worte zu fassen. Seitdem habe ich sehr viel von Rappern und Rapperinnen gelernt. Sookee hat mich beispielsweise sehr stark für die Auswüchse von Normativitäten sensibilisiert, durch die Menschen auf bestimmte Plätze in der Gesellschaft festgenagelt werden.

Professor Manemann, mit ihrem Gemeinschaftswerk „Prophetischer Pragmatismus“ haben Sie eine Einführung in die Philosophie des afroamerikanischen Denkers Cornel West geschrieben. West hat Hip-Hop schon früh für gesellschaftlich relevant befunden, in seine akademische Arbeit eingebunden, sich in öffentliche Debatten, die von Hip-Hop handelten, eingeschaltet und sogar selbst Rap- beziehungsweise Spoken-Word-Alben aufgenommen. Was kann die deutsche Gesellschaft, die Hip-Hop - obwohl er längst altersübergreifend und tief in die Gesellschaft vorgedrungen ist - in großen Teilen noch belächelt, von Cornel West in Bezug auf Hip-Hop lernen?
MANEMANN: Hip-Hop ist für West eine seriöse Kunst, die vor allem jungen Menschen helfen kann, neue Wege zu finden, um einer existenziellen Sinnlosigkeit in einer durchökonomisierten Welt zu entkommen. Hip-Hop ist eine gegenkulturelle Praxis, die Menschen eine Stimme gibt, die in unserer Gesellschaft nicht gehört werden. Hip-Hop bleibt aber immer auch Teil der Gesellschaft. Im Hip-Hop wird nicht nur das Beste, sondern auch das Schlechteste aufgegriffen. Denken Sie an Homophobie und Antisemitismus. Aber genau dagegen rappen beispielsweise Sookee, Spax, Danger Dan und andere an.

Wie erklären Sie sich, dass Hip-Hop in Deutschland anders als in anderen Ländern wenig ernstgenommen wird?
SPAX: Ich glaube, diese negative Sicht entwickelte sich bereits Anfang der 90er Jahre. Da haben einige Journalisten den Selbstfindungsprozess der Hip-Hop-Szene in Deutschland belächelt. Uns wurde das „Existenzrecht“ abgesprochen – zu kraut, zu verspielt, zu viel Mittelschicht. Auf der einen Seite wurde uns vorgeworfen, wir würden kopieren, auf der anderen Seite wurden die Versuche, anders zu sein, kritisiert. Als Rap dann immer mehr Straßensound wurde und gerade auch die finanziellen Erfolge eines Bushido immer wieder thematisiert wurden, entstand daraus ein Teufelskreislauf. Die Medien stellten Rap permanent als gewaltverherrlichend und jugendgefährdend dar. Das prägte das negative Bild. Bis zum dem Zeitpunkt, als die ganze Geschichte um Bushidos Klan-Zugehörigkeit bekannt wurde, taten die Medien die Texte verschiedener Artists als Kinderfantasie ab. Alternative Rapper mit anderen Themen – außer Pop-Chart kompatibel – wurden zu wenig gefeaturet. Heute ist es so: Rap bestimmt die Charts und die Gespräche. Und ein Heinz Rudolf Kunze fühlt sich in seiner Rolle als Poet bedroht, weil die Musiklandschaft mittlerweile einen anderen Schwerpunkt legt und gerade die Jugendlichen Rap als neue Poesieform verstehen. Am Ende ist es doch immer wieder die Angst, die Menschen dazu bringt, etwas anderes abzulehnen. Arroganz und Ignoranz haben aber offensichtlich den Zug Hip-Hop glücklicherweise nicht stoppen können.

Spax, was für einen Bezug zur Philosophie hatten Sie, bevor Sie sich mit Professor Manemann zusammentaten?
SPAX: Im Alter von 15 bis 20 Jahren las ich ein wenig Nietzsche und fühlte mich ihm und seinen Gedanken irgendwie verbunden. Mir gefiel seine gnadenlose Ehrlichkeit, aber ich habe auch ein wenig Licht in seinen Erkenntnissen vermisst. Und so wurden die Rapper, die ich hörte, zu meinen philosophischen Impuls- und Gedankengebern. Diesem Wechsel von Nietzsche zu Chuck D ging jedoch keine bewusste Entscheidung voraus. Es passierte einfach so. In der Retrospektive kann ich sagen, dass ich im Grunde meines Herzens wahrscheinlich irgendwie immer eine Ader für Philosophie hatte, dann vom Philosophen zum Rapper wurde, um schließlich wieder als Rapper zur Philosophie zurückzukehren.

Professor Manemann, Ihr Buch „Philosoph des HipHop“, das Sie gemeinsam mit Eike Brock herausgebracht haben, zeigt, dass Hip-Hop inzwischen auch hierzulande von gewissen akademischen Kreisen durchaus ernstgenommen wird. Was und wen wollten Sie mit diesem Buch erreichen?
MANEMANN: Mit diesem Buch möchten wir diejenigen erreichen, die an den Ungerechtigkeiten und Tragiken des Lebens leiden, denn Hip-Hop kann helfen, diese zu benennen und ihnen standzuhalten. Und natürlich möchten wir auch die Philosoph*innen erreichen: Hip-Hop bringt im wahrsten Sinne des Wortes Bewegung in die Philosophie.

Was kann ein Philosoph von Hip-Hop lernen, was ein Hip-Hopper von der Philosophie?
MANEMANN: Philosophie kann sich in der Auseinandersetzung mit Hip-Hop neu entdecken. Philosophie als Fachdisziplin ist nämlich, wie der Philosoph Dewey bemerkt hat, immer in der Gefahr, sich zu sehr mit den Problemen von Philosoph*innen zu befassen, anstatt sich intensiv den Problemen von Menschen in unserer Gesellschaft zuzuwenden.

SPAX: Ich kam früh an den Punkt, da reichte mir diese Blase nicht. Ich wollte mich einfach mit der Welt außerhalb meines Bereichs auseinandersetzen. Das bedeutete aber auch, dass ich meine Blasenwelt für die andere Welt öffnen musste. Das Ergebnis war für mich, dass ich durch diese Öffnung eine andere Relevanz von Inhalten entdeckte. Hip-Hop kann von der Philosophie lernen, verschiedene Perspektiven einzunehmen, seine Gedanken zu sortieren, um sie noch besser zu verbalisieren. Das Wichtigste, das Hip-Hop von der Philosophie lernen kann, ist, mit einem Wort gesagt: Tiefe.

Professor Manemann, gibt es eine philosophische Schule, die dem Hip-Hop ähnelt?
MANEMANN: Die Art, wie Sokrates Philosophie verstanden hat, kommt dem Hip-Hop sehr nahe: Menschen durch bohrende Fragen aus ihrem Existenzschlummer zu reißen. Ebenso kann auf die Philosophie einer Selbstsorge verwiesen werden: Michel Foucaults Nachdenken über Technologien, die dem Selbst zur Selbstwerdung verhelfen, und über den Mut, den es braucht, die Wahrheit zu sagen, ohne etwas davon zu verbergen.

Spax, gibt es einen Rapper, der eine Philosophie vertritt, mit der Sie sich identifizieren können? Wenn ja, welcher Rapper ist das, und was ist seine Philosophie?
SPAX: Für mich ganz klar: KRS-One. Ehrlich gesagt, kann ich nicht sagen, ob man das, was ich als seine Philosophie bezeichnen würde, tatsächlich eine ist. Für mich fasst er sein Schaffen ziemlich genau in einem Songtitel zusammen: „You Must Learn“. Dieser Satz ist mein Credo. Es ist die Aufforderung, der Welt und den Menschen offen entgegenzugehen und an mir zu arbeiten. Gleichzeitig beinhaltet er auch den Auftrag, anderen Menschen diesen Satz entgegenzuhalten, um sie zu bewegen.

Professor Manemann, welcher Philosoph hätte in Ihren Augen vielleicht auch einen überzeugenden Rapper abgegeben?
MANEMANN: Cornel West hätte dazu das Zeug: Sein Mut, Dinge beim Namen zu nennen, und seine Fähigkeit, mit dem Körper zu denken.

Unter dem Titel „Demokratie als Lebensform - eine experimentelle Session mit HipHop und Philosophie“ laden der Arbeitskreis Ökumene und das Ökumenische Kirchenzentrum am 27. Februar in den „Regenbogen“ ein. „Experimentelle Session“ klingt interaktiv. Was erwartet die Besucher?
MANEMANN: Mit dem Titel ist alles gesagt. Mehr weiß ich jetzt auch nicht. Es ist ein Experiment. Fragen Sie eher: Was wird von den Besucher*innen erwartet? Offenheit.

Hinweis: Das Buch „Philosophie des HipHop“ von Jürgen Manemann und Eike Brock ist im Verlag Transcript erschienen.



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