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Bei Vorwerk in Hameln ist alles in Bewegung / Sortiment, Produktion und Vertrieb wurden angepasst

Vorwerk: Die Teppichfabrik erfindet sich neu

HAMELN/WUPPERTAL. Immer schön auf dem Teppich bleiben – das wäre für ein Unternehmen wie die Hamelner Vorwerk-Teppichwerke wohl der falsche Rat. Denn der Markt für Bodenbeläge ist stark in Bewegung; statt für textile Lösungen entscheiden sich Haus- und Wohnungsbesitzer wie auch Gewerbetreibende seit einiger Zeit verstärkt für Parkette, Kunststoff-Laminate, Keramik-Fliesen oder andere Materialien. Das hat selbst einen starken Marktführer wie Vorwerk, der ab 1883 – damals von Wuppertal aus – mit seiner industriellen Produktion den Teppich für breite Bevölkerungsschichten erst erschwinglich machte, in Zugzwang gebracht.

veröffentlicht am 14.07.2018 um 07:30 Uhr
aktualisiert am 15.07.2018 um 16:20 Uhr

Das Webverfahren bei Vorwerk ist auf hohe Qualität ausgerichtet – und auf große Flexibilität bei der Umsetzung der Kundenwünsche. Foto: Vorwerk/pr
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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„Vor zwei Jahren haben wir begonnen, alles auf neue Füße zu stellen“, sagt Marketing- und Entwicklungschef Florian Bausch. Seitdem ist das Sortiment überprüft, hier gestrafft, dort erweitert und neu geordnet worden. Auch die Produktion wurde optimiert, etwa die Zahl der eingesetzten Rohstoffe deutlich reduziert. „Die Komplexität war nicht zu halten, sie hätte uns umgebracht“, erklärt Bausch. „Jetzt greifen von der Planung bis zum Vertrieb alle Zahnräder ineinander, das ist eine unglaubliche Erleichterung.“ Die Veränderungen wirken, das lasse sich seit Jahresbeginn beobachten. Bausch spricht von einer „sehr vielversprechenden Entwicklung“.

Der Bereich Vorwerk Flooring hatte im vergangenen Jahr – auch wegen der Neustrukturierung – ein Umsatzminus von 17,5 Prozent auf 58 Millionen Euro zu verkraften. 2015 waren noch 77 Millionen Euro eingenommen worden. Die Zahl der Mitarbeiter ist von 422 auf 381 Köpfe zurückgegangen. 2017 wurde Kurzarbeit angeordnet. Die Neuausrichtung in allen Bereichen macht nun jedoch viel Arbeit, sagt Bausch. Der Kunde soll fortan möglichst einfach, auch über das Internet, seinen auf ihn zugeschnittenen Vorwerk-Bodenbelag finden, durchaus auch aus innovativen Werkstoffen, die es mit der Hartboden-Konkurrenz aufnehmen können. Die Produkte wurden in drei Qualitäts- und damit Preislinien sowie drei Stile geordnet.

Daraus ergäben sich für den Kunden „Millionen von Möglichkeiten“. Zudem gibt es das Mengengeschäft etwa für Einrichtungsdiscounter. Nicht gerüttelt werde an den Grundpfeilern „einzigartige Qualität, nachhaltige Innovationen und weltweit prämiertes Design“.

Mit dem innovativen Hartboden „Exclusive 1015“ tritt der Teppichproduzent Vorwerk der Konkurrenz entgegen. Das gesamte Sortiment des Hamelner Herstellers ist in den vergangenen Jahren überprüft, angepasst und neu geordnet worden. Foto: Vorwerk/pr
  • Mit dem innovativen Hartboden „Exclusive 1015“ tritt der Teppichproduzent Vorwerk der Konkurrenz entgegen. Das gesamte Sortiment des Hamelner Herstellers ist in den vergangenen Jahren überprüft, angepasst und neu geordnet worden. Foto: Vorwerk/pr

Ein Hartboden, der sich textil anfühlt und außergewöhnliche Lichteffekte bietet

Die Vereinfachung im Sortiment soll zugleich die Produktion wirtschaftlicher machen. Obwohl die Marktsituation bei textilen Bodenbelägen voraussichtlich angespannt bleibe, hofft das Management angesichts der Veränderungen auf „ein bedeutendes Umwachswachstum“ im Jahr 2018. Zwar werde das operative Ergebnis wegen der Investitionen „signifikant zurückgehen“, aber es handele sich ja um Ausgaben mit dem Ziel, „das Unternehmen mittelfristig wirtschaftlich zukunftsfähig aufzustellen“. Die Verantwortlichen sehen sich jetzt durch zwei Auszeichnungen bestätigt: Beim „Deutschland Test 2018“ von „Focus Money“ ist Vorwerk bei „Teppichböden“ als Sieger hervorgegangen.

1,1 Millionen Verbraucher hatten die Produktqualität von knapp 1500 Marken bewertet. Wurde somit das bekannte große Renommee Vorwerks bestätigt, ist der andere Preis auf die Zukunft ausgerichtet: Ein junges Produkt hat den „German Brand Award“ erhalten. Der Hartboden „Exclusive 1015“ fühle sich verblüffend textil an und begeistere das Auge mit außergewöhnlichen Strukturen und changierenden 3D-Effekten, heißt es. „So spielt er gekonnt mit Grundflottierungen, Doppelaushub und bewusst gesetzten Tiefgängen im Pol. Natürlich ohne Latex, um sowohl Mensch als auch Umwelt ein dauerhaft gutes Gefühl zu geben.“ Die Vorwerker unterstreichen: „Die innovative Webtechnik und ein spannendes Spiel mit Garn- und Designkombinationen verbinden sich zu einem besonders hochwertigen Produkt, das neue Maßstäbe in der Gestaltung setzt.“

Nicht nur die Fertigung, sondern auch die Produktentwicklung und Qualitätssicherung der Bodensparte von Vorwerk erfolgen allein im Hamelner Werk. Wenn es von hieraus gelingt, mit dem neuen Sortiment den Absatz anzukurbeln und Märkte wie China und Russland zu erschließen, dürfte es an Arbeit nicht mangeln. Die Teppichfabrik hat sich neu erfunden.

Information

Nach dem Thermomix-Hype zur Tee-Zeremonie

Lange Zeit war Vorwerk in Deutschland vor allem wegen seines Staubsaugers „Kobold“ bekannt, dazu passten die ebenso hochwertigen Teppiche aus Hamelner Produktion. Als die Nachfrage nach textilen Bodenbeläge spürbar zurückging, brachte der Thermomix einen frischen Dreh für das Unternehmen. Im vorigen Jahr brachte die in kurzer Zeit zum Kult gewordene vielseitige Küchenmaschine einen Anteil von 39 Prozent am 2,9-Milliarden-Euro-Umsatz der Vorwerk-Gruppe. Das entspricht allerdings einem Rückgang von fast 13 Prozent, in Deutschland allein sogar um ein Fünftel, in Italien um ein Drittel. Vorwerk spricht von einer Konsolidierung nach dem Boom der Vorjahre und versucht, den Absatz auf noch nicht gesättigten Märkten, den Zubehörverkauf und die Internet-Anbindung an das Rezeptportal Cookidoo zu forcieren. Auch der „Kobold“, den 14 700 selbstständige Berater nach wie vor bei den Kunden daheim vorführen, ist seltener gefragt: Der Umsatz ging zuletzt um 5,3 Prozent zurück.

Das operative Jahresergebnis der Vorwerk-Gruppe habe im vergangenen Jahr „signifikant“ unter dem von 2016 gelegen, heißt es – genaue Zahlen hierzu nennt das 135 Jahre alte Familienunternehmen nicht. Der Gesamtumsatz sei „moderat“ um 5,0 Prozent gesunken. „Die Entwicklung lag bedeutend unter der Planung“, räumt Vorwerk ein. Nun heißt es „Tee trinken“, allerdings nicht abwarten: Was Nespresso mit der einfachen Zubereitung geschmackvollen Kaffees und der Kundenbindung gelungen ist, hofft Vorwerk mit Temial kopieren zu können. Die kleine Maschine soll verschiedenste Tees perfekt aufbrühen. Der mögliche Markt in Asien ist riesig. Die Engländer wären sicherlich auch im Boot. Ob zudem die Ostfriesen, die eine traditionelle Teezeremonie pflegen, mitziehen werden? Das wäre dann quasi die Adelung von Temial.

Für 2018 erwartet Vorwerk einen „geringfügig steigenden“ Umsatz insbesondere durch Zuwächse bei Thermomix und Kobold. Dabei will Vorwerk wieder auf mehr persönliche Beratungen setzen. Die 12 333 festangestellten Mitarbeiter der Gruppe konnten im vorigen Jahr auf die Anstrengungen von weltweit 633 128 selbstständig arbeitenden Vertretern setzen. Inzwischen prüft Vorwerk verstärkt weiterer Vertriebswege, etwa den Verkauf in Shops – 53 eigene Standorte gab es 2017 – oder im Internet. mafi



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