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Dachdecker Nielsen stürzte vom Steildach / Narben und Einschränkungen erinnern noch an den Unfall

Vor fünf Jahren endete sein erstes Leben

Hameln (roh). Seit 2006 zieht es Michael Nielsen an jedem 19. April in die Ruthenstraße. Sein Blick heftet sich auf das Steildach eines Gebäudes. Die Augen sehen einen strahlend blauen Frühlingshimmel, eine Fassade und ein vor fünf Jahren gedecktes Dach. Hinter den Augen aber spult der Dachdecker wieder einmal den Film ab, den er bereits in- und auswendig kennt. Damals stand er am frühen Morgen ganz oben auf eben diesem Dach, wollte sich eine Zigarette anzünden, scherzte mit den Kollegen, als sich plötzlich die Leiter, auf der er stand, aus ihrer Halterung löste. „Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere“, sagt Nielsen. Dann stürzte er mit der Leiter auf das Pflaster. Den Unfallbericht habe er später viele Male gelesen.

veröffentlicht am 21.04.2010 um 10:05 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 12:41 Uhr

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Nielsen überlebte den Sturz, nicht zuletzt dank der raschen Hilfe und der noch am Unfallort durchgeführten Notoperation, lebensgefährlich verletzt, aber: „An dem Tag endete mein erstes Leben“, stellt der heute 35-Jährige fest. Sein zweites begann, nachdem er aus dem künstlichen Koma erwacht war, mit einem Schock: „Ich konnte weder lesen noch schreiben, erkannte Gesichter nicht und dachte, ich sei im Anbau meines Chefs und nicht im Krankenhaus.“ Für Nielsen begann nach dem Unfall eine 19 Monate lange Heilungsphase, bei der die äußerlich sichtbaren Wunden wesentlich schneller heilten als die inneren. Die Liste der Beeinträchtigungen, die den Dachdecker bis heute täglich begleiten, ist lang: Auf einem Ohr ist er taub, ständige Kopfschmerzen – der Schädelknochen war siebenfach gebrochen – , die komplette rechte Körperhälfte ist nicht mehr so beweglich wie vor dem Unfall. „Das Loch in meinem Herz muss regelmäßig kontrolliert werden“, ergänzt er und: „Die Narben von den Operationen erinnern mich jeden Tag an den Unfall.“

Nielsen arbeitet wieder als Dachdecker, klettert auf ein Gerüst und besteigt die Leiter als sei nichts gewesen. Aber der erste Eindruck täuscht. Nichts fällt dem jungen Mann mehr leicht, jeden Schritt überlegt er sich zweimal, sein Selbstbewusstsein ist angeknackst. „Früher habe ich einfach losgelegt, heute zweifele ich ständig an mir“, gibt er zu. Fußball habe er gespielt, sich mit Freunden in der Kneipe oder Disko getroffen. Das alles sei ihm derzeit jedoch nicht mehr möglich. „Sobald es laut und schnell wird, bekomme ich Kopfschmerzen.“ Eine Freundin habe er im Augenblick nicht, aber ohnehin seien Beziehungen für ihn aufgrund seiner sehr speziellen Probleme nicht so einfach. Wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt, warten zwei Katzen auf ihn, und die umsorgt er liebevoll.

Zu den engsten Vertrauten des Dachdeckers gehören die Eheleute Masur aus Klein Berkel. Dachdeckermeister Martin Masur ist Nielsens Chef und war das auch, als der Unfall passierte. Nachdem sich damals der Schock bei dem Unternehmer gelegt hatte, erinnert sich Masur, habe er ernsthaft darüber nachgedacht, ob er seinen Dachdeckerbetrieb aufgibt. „Meine größte Sorge war zu der Zeit: „… und wenn das noch einmal passiert …?“

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Eigentlich wollte Michael Nielsen Zimmermann werden. „Ich hatte auch eine Lehrstelle damals, aber das hat leider nicht geklappt, und so habe mich dann für eine Lehre als Dachdecker entschieden.“ 2002 begann er seine Tätigkeit bei der Firma Masur, und dort ist er auch heute noch als Dachdecker beschäftigt. Allerdings betritt er kein Steildach mehr. „Flachdächer sind kein Problem“, sagt Nielsen. Nur eines bereite ihm immer noch ein mulmiges Gefühl: der Schritt von der Leiter auf das Dach. Aber es gebe genug Arbeiten, die ein Dachdecker am Boden ausführen muss. „Ein ganzes Dach zu decken – das ist sowieso Teamarbeit.“

Während seiner Rehabilitation hat Nielsen an verschiedenen Projekten teilgenommen. So hat er unter anderem mehrere Vogelhäuser gebaut. Und wie es sich für einen Dachdeckergesellen gehört, haben einige dieser Vogelhäuser sogar ganz exquisite Dächer. „Am meisten Spaß hat mir das Bauen dieses Vogelhauses gemacht“, sagt er, zeigt auf das Objekt und erklärt, wie er den achteckigen Dachstuhl des Vogelhäuschens konstruiert, gebaut und schließlich mit Schieferplatten gedeckt hat.

Nielsen sagt von sich selbst, dass er unsicherer, bescheidener und ruhiger geworden sei. In vertrauter Umgebung, zum Beispiel im Anbau der Masurs, merkt man allerdings von dieser Selbsteinschätzung nur ganz selten etwas. Er redet, ohne zu zögern, über seine Erlebnisse nach dem Unfall, beschreibt seine Wunden und Schmerzen in einer sachlichen Art. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, er spräche nicht über sich selbst. Doch wenn die Fragen dann zu schwierig, zu persönlich werden oder schlicht zu schnell auf ihn einprasseln, dann reagieren der geschundene Körper und die noch nicht ganz verheilte Seele. Marina Masur kennt Nielsen nach all den Jahren so gut, dass sie an dessen Gestik und Mimik ablesen kann, wenn er mit einer Aufgabe oder einer Situation überfordert ist und erklärt: „Bitte nicht so viel auf einmal fragen.“

Kurz nach dem Unfall war damals auch der Geschäftsführer der Hamelner Kreishandwerkerschaft, Ulrich Wichmann, am Unfallort und hatte dort Gelegenheit, mit dem technischen Beauftragten der Berufsgenossenschaft zu sprechen. Wichmann: „Der Experte meinte, dass bei einem Unfall aus einer so großen Höhe die Opfer sich noch drehen könnten, während ihnen dafür bei einem Sturz aus beispielsweise drei Metern keine Zeit mehr bleibt.“ Er zieht den Hut vor Michael Nielsens Lebensmut: „Nach so einem Unfall wieder in den Beruf zurückzukehren – da gehört schon einiges dazu.“

Nielsen erinnert sich nicht, ob er sich während des Sturzes gedreht hat; aber wenn er das Wort Berufsgenossenschaft hört, dann ändert sich seine Gemütslage. Er kann seinen Ärger kaum verbergen und will das auch gar nicht. „Die haben meine Rente jetzt massiv gekürzt, weil ich angeblich nicht mehr 50, sondern nur noch 40 Prozent eingeschränkt bin.“ Das wolle er sich nicht bieten lassen und strebe deswegen eine Klage gegen die Berufsgenossenschaft an.

Aber es gibt auch viel Erfreuliches im „zweiten“ Leben des Michael Nielsen. „Nach meinem Unfall hatte ich eine Zeit lang eine Freundin, mit der ich sehr gerne spazieren gegangen bin“, bekennt er und erntet dafür leicht verdutzte Gesichter beim Ehepaar Masur. Nielsen legt nach: „Doch, ehrlich, für mich ist das einfach ein schönes Erlebnis, mit einer Partnerin in der Natur zu sein.“ Die richtige Frau habe er allerdings noch nicht gefunden, gesteht Nielsen und fügt lächelnd hinzu: „Ich habe ja aber auch noch viel Zeit.“

Gerüst und Leiter sind für Michael Nielsen kein Problem. Der sorgenvolle Blick gilt dem Schritt vom Gerüst aufs Dach. Links der damalige Bericht über das Unglück.

Foto: roh



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