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Heute um 16 Uhr Gedenkfeier am Mahnmal an der Bürenstraße

Vor 75 Jahren brannte die Synagoge

Hameln. Es gehört zu den kleinen Wundern dieser Jahre, dass genau am Ort der alten, vor 75 Jahren, am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge seit annähernd drei Jahren wieder ein jüdisches Gotteshaus steht, in dem eine jüdische Gemeinde ihre Feste feiert, gebetet wird, Vorträge gehalten werden und Konzerte zu genießen sind. Auch die alte Synagoge beherbergte eine liberale jüdische Gemeinde, die 1938, dem Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers, nach Feststellung des Historikers Bernhard Gelderblom 160 Mitglieder hatte. Bis zum Jahr 1939 sank ihre Zahl ständig weiter ab – einige Familien gelang die Auswanderung, andere zogen in Großstädte, wo man sie nicht kannte und sie sich in der scheinbaren Anonymität ein wenig sicherer fühlten. Ende 1933 waren es nach Darstellung Gelderbloms wenig mehr als 40 jüdische Bürger, die noch in Hameln verblieben waren und den permanenten Terror der braunen Schergen ertragen mussten.

veröffentlicht am 09.11.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 18:21 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Den 9. November hatte NS-Propagandaminister Goebbels sich als besonderen Termin ausgesucht – es war der 15. Jahrestag des Hitlerputsches von 1923 in München. SA und SS feierten überall in Deutschland, ließen den Alkohol fließen und setzten auf Geheiß Goebbels am Abend zahllose jüdische Gotteshäuser in Brand. Wer die Täter in Hameln waren, wurde nie festgestellt. Sicher scheint zu sein, dass nicht nur teilweise aus Hannover angereiste SA-Männer und SS-Mitglieder die Synagoge plünderten, sondern sogar die Feuerwehr mit Stroh behilflich war, das Gotteshaus in Flammen aufgehen zu lassen – es brannte bis auf die Außenmauern nieder.

Auch der alte jüdische Friedhof an der Scharnhorststraße wurde Opfer der Gewaltorgie dieser Nacht. Grabsteine wurden umgestürzt, zersplitterten unter der Wucht der Schläge, Geschäfte jüdischer Kaufleute wurden geplündert, teilweise auch in Brand gesetzt. Was der Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieb, war die Tatsache, dass sich der entsetzliche Gewaltausbruch nicht nur gegen Sachen richtete, sondern die Gestapo auch zehn jüdische Männer in „Schutzhaft“ nahm, sie misshandelte und über Hannover am 11. November ins KZ Buchenwald verschleppte. Zu ihnen gehörte auch der Hamelner Arzt Dr. Siegmund Kratzenstein, der zwar wieder aus Buchenwald entlassen wurde, aber am 28. November 1938 an den Folgen der Misshandlungen, die er in dem Konzentrationslager erlitten hatte, verstarb.

An Dreistigkeit der Nationalsozialisten kaum noch zu überbieten war die Tatsache, dass die in der Pogromnacht geschädigten jüdischen Familien und die Gemeinde für die Beseitigung der entstandenen Schäden selbst aufkommen und sie beseitigen lassen mussten. Einen Wiederaufbau der zerstörten Synagoge allerdings verhinderte die Stadt. Ohne es sich von der Gemeinde genehmigen zu lassen, verfügte sie den vollständigen Abriss des zerstörten Gotteshauses und „kaufte“ der Gemeinde das Grundstück zu dem viel zu niedrigen Preis von ganzen 7500 Reichsmark ab, wovon noch die Kosten für den Abriss in Höhe von 1500 RM abgezogen wurden, wie Gelderblom bei seinen Nachforschungen festgestellt hat.

2 Bilder

In einer Gedenkfeier am Mahnmal an der Bürenstraße wird heute vor der Synagoge um 16 Uhr der ermordeten und in die Emigration getriebenen jüdischen Kinder, Frauen und Männer gedacht. Alle Bürgerinnen und Bürger sind von der Stadt dazu herzlich eingeladen. Nach der Kranzniederlegung können am Mahnmal Blumen niedergelegt werden. Die männlichen Teilnehmer werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen. Die Jüdische Gemeinde Hameln lädt ein, im Anschluss an die Gedenkstunde an einem Gottesdienst in der Synagoge teilzunehmen. Der Gottesdienst wird von Rabbinerin Irit Shillor geleitet. Die Jüdische Kultusgemeinde Hameln-Pyrmont lädt um 18 Uhr zu einem Klavierkonzert in die Räume der Synagoge, Deisterstraße 59, ein.

Bis auf die Grundmauern brannte die Synagoge (links) am 9. November 1938 ab. Das Bild oben zeigt die Südansicht des alten Gotteshauses, das Bild unten die neue Synagoge. Sammlung Gelderblom/wft



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