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Großdemonstration mit Bauern durch Hameln / Landwirt erinnert sich

Vor 50 Jahren: Auf Traktoren gegen EWG-Pläne

HAMELN. Das Jahr 1968 gilt international als zum Symbol für Protestbewegungen. Ob in Prag oder in Berlin – vor allem junge Leute gingen gegen bestehende Verhältnisse auf die Straße. In Hameln zogen im März 1968 Traktoren durch die Stadt. Es waren Bauern, die zum Protest aufgerufen hatten.

veröffentlicht am 03.03.2018 um 08:30 Uhr

Vom alten Viehmarkt fuhren die Trecker im Jahr 1968 über die Erichstraße in Richtung des Kastanienwalls. Zahlreiche Zuschauer standen an den Straßen. Drei Stunden dauerte die Protestfahrt, bei der es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen kam. Foto:
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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1100 Trecker rollten durch die Straßen der Stadt Hameln. Mit der Demonstrationsfahrt protestierten Landwirte aus den Landkreisen Hameln-Pyrmont, Springe und Holzminden gegen Wettbewerbsverzerrungen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Agrarpolitik der Bundesregierung. Zuvor hatten 1500 Bauern an einer Kundgebung in der Weserbergland-Festhalle teilgenommen. 400 Landwirte fanden keinen Platz in der Halle und verfolgten die Reden im Freien.

1100 Trecker auf einer Veranstaltung! Die Frage kommt auf, ob man auch heute noch so viele zusammenbringen kann. Moderne Traktoren haben zwar wesentlich mehr PS unter der Haube als ihre Vorgänger. Doch gibt es noch soviele? Laut Informationen der Zulassungsstelle sind aktuell allein im Landkreis Hameln-Pyrmont 3309 Schlepper und Traktoren zugelassen. Nach Angaben des Statistischen Landesamts existieren im Landkreis noch 504 landwirtschaftliche Betriebe. Zahlen aus dem Jahr 1968 waren nicht zu ermitteln.

Von einem Dieselskandal war 1968 noch keine Rede. Als am Treffpunkt am alten Viehmarkt die Motoren angeschmissen wurden, schossen dichte schwarze Qualmwolken aus etlichen Hanomag-, Deutz- und Fendt-Auspuffen. Um ein befürchtetes Verkehrschaos zu vermeiden, starteten die Trecker in 22 Gruppen mit je 50 Fahrzeugen. „An einigen Treckern wehten schwarze Fahnen, doch der Text der Transparente enthielt keine Angriffe oder gar Beleidigungen gegen die Bundesregierung oder die politischen Parteien“, stand in der Dewezet.

Karl-Friedrich Meyer zeigt ein Originalplakat, das 50 Jahre auf seinem Hof lagerte. Foto: fn
  • Karl-Friedrich Meyer zeigt ein Originalplakat, das 50 Jahre auf seinem Hof lagerte. Foto: fn

Im Notsitz auf dem Kotflügel eines Hanomag saß ein damals zehn Jahre alter Steppke. Karl-Friedrich Meyer, heute Vorstandsvorsitzender im Landvolk Weserbergland, begleitete seinen Vater Friedrich-Wilhelm bei der Protestfahrt durch Hameln. „Ich war damals am Schiller-Gymnasium und bin nach Schulschluss über die Straße zum Viehmarkt gegangen“, erzählt der Landwirt. Meyer erinnert sich an aufgebrachte Gespräche mit Verkehrspolizisten. Die Beamten sollten verhindern, dass Trecker durch die Innenstadt rollten. Genehmigt war eine Route über die Wälle, sagt Meyer. Doch einige Treckerfahrer wollten dennoch durch Osterstraße und Bäckerstraße fahren.

„Wer uns vom Hof vertreiben will, fordert uns zum Widerstand auf. Wir sind entschlossen dazu.“ Das stand auf dem Plakat, das an Meyers Trecker prangte. Die bemalte Hartfaserplatte besitzt der Landwirt noch heute. „Das Plakat lag 50 Jahre bei uns in der Werkstatt“, sagt der Tünderaner.

Was brachte die Bauern dermaßen in Rage, dass sie seinerzeit zu Tausenden auf die Straße gingen? Durch die EWG-Preispolitik war der Weizenpreis um 50 D-Mark gefallen. Zusätzlich bereitete ein EWG-Plan den Landwirten Sorge. Der später im Jahr vorgestellte „Mansholt-Plan sah umfassende Rationalisierungsmaßnahmen in der europäischen Landwirtschaft, die Bildung größerer Wirtschaftseinheiten und die schrittweise Einstellung sämtlicher Subventionen vor.

Das Zukunftsbild der europäischen Landwirtschaft sah demnach so aus: Getreide sollte von Unternehmen angebaut werden, die wenigstens achtzig bis hundert Hektar unter dem Mähdrescher hatten. Und die Milcherzeugung sollte sich auf Ställe mit sechzig Kühen und mehr konzentrieren. Millionen Menschen konnten ihre Arbeit und Existenz auf dem Lande verlieren. Ein Höfesterben lag förmlich in der Luft.

„Die Bauern sahen auch die Wettbewerbsvorteile, die die französischen Landwirte hatten“, erinnert sich Meyer . Zur Protestfahrt und der Kundgebung hatte der Landvolk-Kreisverband Hameln-Pyrmont aufgerufen. Dessen Vorsitzender Justus Strüver erklärte, dass die Geduld der Bauern am Ende sei und die damalige Agrarpolitik zum Ruin der Bauern führen würde. In einem Papier, dass heimischen Bundestagsabgeordneten überreicht wurde, hieß es: „Die Durchsetzung der Forderungen: Wiederherstellung angemessener Preise für Fleisch, Milch und Eier, die Anhebung des Getreidepreises und die Verbilligung des Dieselpreises.“ Denn günstig versteuerten Diesel gab es für die Bauern auch nicht mehr. Ein weiterer Grund für sie, die Trecker anzuschmeißen.



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