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Hamelns Straßenbauer bei der Arbeit / Schon ab 15 Zentimetern Tiefe ist die Verkehrssicherungspflicht verletzt

Von zwei Männern, die täglich neue Löcher machen

Von Birte Wulff.

veröffentlicht am 18.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 12:41 Uhr

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Hameln. Was ist das: „Loch an Loch und hält doch“? Ja, „Kette“ ist richtig – zumindest ist das die Antwort, die auf diese Frage erwartet wird. Aber nach diesem äußerst langen und strengen Winter könnte die Antwort mancherorts ebenso gut „Straße“ lauten. Wie hoch die Schäden sind, kann die Stadt Hameln nicht beziffern, weil die Bestandsaufnahme noch nicht abgeschlossen ist. Während Kollegen also seit Wochen dabei sind, zu ermitteln, was der Frost beschert hat, sind Ralf Günzel und Waldemar Milinger längst dabei, „Löcher zu machen“, wie sie es nennen.

Die am Senator-Meyer-Weg sind vergleichsweise klein, eigentlich nicht mal der Mühe wert, könnte man auf den ersten Blick meinen. Das allerdings zu bewerten, liegt nicht in Günzels und Milingers Verantwortungsbereich, sondern sie führen aus, was ihnen als Straßenbauer aufgetragen wird und tragen auf, wonach die staubige Straße verlangt.

Die Ansage „Ihr habt da’n paar Westmarc-Zettel“ ist für sie der Aufruf, sich morgens um 7 Uhr auf Tour zu begeben und bis 16 Uhr zu flicken. Westmarc hieß die Firma, von der früher mal das Material kam, erklärt Straßenmeister Matthias Schwarzer. Inzwischen liefert ein anderes Unternehmen das grobkörnige, pechschwarze Asphalt-Kalt-Gemisch, das hinten auf der Ladefläche des Transporters glänzt.

Der Name aber ist geblieben. So, wie Taschentücher nun mal Tempo sind und Nussnougatcreme Nutella heißt.

Staubfrei soll so ein Schlagloch sein, bevor Günzel das Gemisch vom Lkw schaufelweise runterschmeißen kann, damit es vom Teampartner Milinger verteilt wird. Am Senator-Meyer-Weg ein Ding der Unmöglichkeit. Sauber genug in den Augen der Männer, Material im Wert von rund 30 Euro landet in der Vertiefung. 70 Cent das Kilo, erzählt Schwarzer, kostet festes Asphaltgemisch. Hochwertigerer Flüssigasphalt für extrem flache Löcher liege schon mal bei 1,62 das Kilogramm.

Seit fast drei Jahren arbeiten Günzel und Milinger als Kolonne zusammen. Verstehen sie sich gut? „Ja.“ Auch privat. Jeden Tag gemeinsam „Löcher machen“ verbindet offenbar. Zwischen sechs und acht machen sie täglich, nach diesem Winter stehen zudem jede Menge Bordsteine auf der Agenda, die sie abarbeiten müssen. 70 Bordsteine hätten sie schon ausgewechselt. Bei 90 Kilo das Stück keine leichte Arbeit, die früher, als es keinen Kran auf dem Lkw gab, noch schwerer war, erzählt Günzel. Seit 20 Jahren arbeitet er schon bei der Stadt Hameln, Kolonnen-Kollege Milinger ist seit fünf Jahren an Bord. Spatzenweg, Kuhbrückenstraße, Ohsener Straße – das sind die, die bislang am meisten Arbeit gemacht hätten. Dabei ist der Betriebshof nur für die provisorischen Ausbesserungsarbeiten zuständig, während für die großen Sanierungen ein externes Unternehmen beauftragt wird. So wie demnächst an der Ohsener Straße, die auf größerer Strecke gefräst und neu asphaltiert wird.

Die Haltbarkeit dessen, was die städtischen Straßenbauer leisten, beträgt laut Meister Schwarzer drei Tage bis ein Jahr. Es gehe nur um das Beseitigen von Unfallgefahren. Die bei Vertiefungen, wie sie am Senator-Meyer-Weg entstanden sind, der Stadt im Streitfall wohl nicht einmal Probleme bereiten würde. Ab einer Tiefe von 15 bis 20 Zentimetern könnte ein Schlagloch der Stadt rechtlich Schwierigkeiten bereiten. Dann wäre die Verkehrssicherungspflicht verletzt, auch wenn durch Schilder gewarnt wird, wie das Oberlandesgericht Celle urteilte – mit solchen gravierenden Unebenheiten müsse kein Autofahrer rechnen.

In so einem Fall würde die Stadt Hameln ihre Verkehrssicherungspflicht verletzen, die allerdings nur über die Rechtssprechung, nicht aber gesetzlich definiert ist. Günzel setzt die gelben Ohrenschützer auf, schmeißt die Rüttelplatte an und schiebt, wie andere mit dem Rasenmäher durch den Garten, über die Straße. Von Staubfreiheit keine Spur mehr, eine große Wolke umgibt ihn, Husten ist programmiert.

Schnell kommt das Gespräch an diesem Tag und bei diesem Anblick auf die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull. „So ist’s aber längst nicht überall“, sagt Schwarzer. Während Günzel mit zusammengekniffenen Augen und fest verschlossenem Mund über die zweite Fläche rüttelt, streut Milinger mit der Schaufel Sand über die erste, schon verdichtete. Damit der Asphalt nicht an Reifen und Schuhen klebenbleibt. In etwa zwei Tagen ist es trocken, dann macht die Kolonne – vier sind es insgesamt – längst auf einer anderen Straße das nächste Loch. Dass hinter diesem Satz nie „zu“ kommt, ist einfach Berufsslang der Hamelner Straßenbauer.

Sorgen für Sicherheit: Ralf Günzel und Waldemar Milinger sind in diesen Tagen und Wochen vollauf damit beschäftigt, die schlimmsten Schäden dieses Winters auszubessern.

Foto: Dana

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