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In der Scharnhorststraße haben Radfahrer Vorrang – Autofahrer erkennen das nicht

Von Sonderrechten ist auf Hamelns Fahrradstraße nichts zu merken

HAMELN. Die Scharnhorststraße ist seit Anfang August eine ausgewiesene Fahrradstraße. Es ist die bislang einzige in Hamelns Kernstadt. Hier haben Radler Vorrang, Kraftfahrer müssen sich dem Fahrradverkehr unterordnen. Ein Praxistest der Dewezet ergibt: Ganz angekommen ist das Gebot erhöhter Rücksichtnahme auf Radfahrer noch nicht bei allen Autofahrern.

veröffentlicht am 15.08.2017 um 17:11 Uhr
aktualisiert am 15.08.2017 um 20:13 Uhr

Test der Redaktion auf der Scharnhorststraße. Nebeneinander radeln wird dort schwierig, auch wenn es erlaubt ist. Autos kommen den Fahrradfahrern in die Quere. Foto: wal

Autor:

Dorothee Balzereit und Lars Lindhorst
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Das mag allein schon an der Beschilderung der Scharnhorststraße als ausgesprochene „Fahrradstraße“ liegen. Auf Nachfrage haben manche Autofahrer gar nicht erkannt, dass sie sich auf einer Fahrradstraße befinden und die Regeln plötzlich ganz andere sind. Denn eine einfache Zählung an einem Nachmittag lässt darauf schließen: Die neuen Verkehrsschilder bringen erst einmal gar nichts. Zwischen 15.45 Uhr und 16.15 Uhr zählen wir an diesem Werktag Radfahrer wie auch Kraftfahrzeuge, die durch die Scharnhorststraße fahren. Autofahrer sind in beide Richtungen deutlich in der Überzahl. In Fahrtrichtung Sandstraße sind an diesem Tag innerhalb einer halben Stunde 58 Kraftfahrzeuge (Pkw und Kleinlaster) und 37 Radfahrer unterwegs. In Richtung 164er-Ring fahren im gleichen Zeitraum 57 motorisierte Fahrzeuge und 40 Radler auf der Scharnhorststraße.

Grundsätzlich gilt hier Tempo 30. Das wird nirgends besonders ausgeschildert, ist aber Teil des Regelwerks in einer Fahrradstraße (siehe Kasten). Sowohl Auto- als auch Radfahrer halten sich offenbar daran. Schneller, insbesondere für Kraftfahrer, geht es wohl ohnehin nicht voran: An beiden Straßenseiten stehen geparkte Autos. Zwei entgegenkommende Fahrzeuge – das gilt insbesondere zwischen den Einmündungen Elsa-Buchwitz-Straße und Falkestraße – müssen zwangsläufig abbremsen, damit sich die Außenspiegel nicht touchieren.

Radfahrer dürfen seit Neuestem auf der Scharnhorststraße auch nebeneinander fahren. Eine Mutter mit zwei Kindern macht davon aber keinen Gebrauch. Die Kinder fahren mit hintereinander voraus, die Mutter hinterher. Ganz rechts, dicht an den geparkten Autos entlang. Überholen dürfen Autofahrer Radfahrer nur, wenn sie den Mindestabstand von 1,50 Metern einhalten können. An dieser Stelle schwierig zu bewerkstelligen.

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Schilder in der Elsa-Buchwitz-Straße weisen auf die Fahrradstraße hin. Vorfahrt haben Radler hier aber (noch) nicht. Foto: ll

Offensichtlich nichts davon mitbekommen, dass sie auf einer Fahrradstraße unterwegs ist, hat eine Radlerin, die in einem Sitz auf dem Gepäckträger ein etwa drei Jahre altes Kind befördert. Als sie in Richtung Sandstraße die Falkestraße passiert, hebt sie entschuldigend ihren Arm: Ein Autofahrer, der in Gegenrichtung unterwegs ist, muss eine Weile warten, bis die eher langsam fahrende Radlerin vorüber ist.

Information

Allgemeine Regeln auf der Fahrradstraße

Das Schild „Fahrradstraße“ ändert die gewöhnlichen Regeln im Straßenverkehr. Ein Überblick.

  • Hoheitsrecht für Radfahrer: Fahrradstraßen sind, wie der Name bereits sagt, Radlern vorbehalten. „Sie bestimmen das Tempo und dürfen nebeneinanderfahren“, erklärt Matthias Köck, Verkehrsjurist beim Deutschen Anwaltverein (DAV).
  • Tempolimit: Auf allen Fahrradstraßen gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h.
  • Überholen: Autofahrer müssen beim Überholen einen Mindestabstand von 1,5 Metern zu Radfahrern halten.
  • Rechtsfahrgebot: Auch wenn Radler das Hoheitsrecht haben, dürfen sie nicht kreuz und quer auf der Straße herumfahren. „Das Rechtsfahrgebot gilt auch für Radfahrer“, sagt Matthias Kück. dpa

Die beiden Fahrradfahrer, die wir testweise auf die Scharnhorststraße schicken, fahren nebeneinander. Der Autofahrer, der die beiden dennoch überholt, hält den Mindestabstand beim Überholen nicht ein, auch ein entgegenkommendes Fahrzeug macht sich ziemlich breit. Darauf angesprochen, erklären beide Fahrer, nichts von der neuen Regelung gewusst zu haben. Eine Autofahrerin, die gerade eingeparkt hat, erklärt, sie kenne Fahrradstraßen aus Großstädten. Dass sie sich gerade auch in Hameln auf einer solchen befindet, habe sie nicht gemerkt.

Als irritierend empfindet ein ehemaliger Anwohner die Beschilderung für die Autofahrer, die auf der Sandstraße unterwegs sind: „Die könnten denken, die Straße sei nur zehn Meter lang“, sagt Hartmut Neuendorf. In der Tat folgt dem Hinweisschild auf die Fahrradstraße nach 10 Metern ein Schild, welches das Ende der Straße anzeigt. Dass sich die eigentliche Fahrradstraße in der Scharnhorststraße befindet, erschließe sich nur den Fahrradfahrern, die vom Friedhof auf die Scharnhorststraße fahren, meint Neuendorf. An den Erfolg der Regelung glaubt er nicht: „Das bringt gar nichts“, glaubt er.

Ein Problem ist auch: Ist die Rechts-vor-links-Regel auf Fahrradstraßen außer Kraft gesetzt? Haben Radfahrer, die auf der Scharnhorststraße unterwegs sind, Vorrang vor Autos, die von rechts aus der Elsa-Buchwitz-Straße einbiegen wollen? Nein. Der Allgemeine Deutsche Fahrradklub (ADFC) erklärt: „Es gelten die normalen Vorfahrtsregeln.“ Noch. Das wird sich in Hameln bald ändern.

Nach unserem Fahrradtest erreichte die Redaktion am gestrigen Nachmittag eine Nachricht aus dem Rathaus: In der Scharnhorststraße werde nachgebessert – voraussichtlich in diesem Herbst. Weitere Verkehrsschilder sollen auf die Tempo-30-Begrenzung hinweisen. Dazu werden abgesenkte Bordsteine an den Knotenpunkten Elsa-Buchwitz-Straße und Falkestraße eingebaut; hier werden künftig Radfahrer „durchgängig Vorrang“ haben, sagt ein Stadtsprecher. Bald gilt dort also die Rechts-vor-links-Regelung nicht mehr.

Ebenso verhält es sich am Übergang zur Friedhofsquere in der Sandstraße und am 164er-Ring Richtung Rathausplatz. An diesen Kreuzungsbereichen werde eine „Furt“ für Radler über die Straße gehen. Diese soll auch farblich, für Autofahrer deutlich erkennbar hervorgehoben werden. Damit verspricht sich die Stadtverwaltung „ein höheres Maß an Sicherheit für Fahrradfahrer, die sich auf der Fahrradstraße bewegen“.

Mein Standpunkt
Lars Lindhorst
Von Lars Lindhorst
Hoppla, das ging jetzt aber fix. Im Rathaus bekommt man Wind davon, dass die Zeitung die neue Fahrradstraße testet. Schwupps, wird nachgebessert. Die Pläne mögen schon in der Schublade gelegen haben, dass klarere Regelungen aber sogleich absehbar sind, ist umso besser. Da haben sich Mühe und Schweiß der radelnden Reporter gelohnt.


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