weather-image
10°

Erika Dietrich war schon vor über 60 Jahren beim Freilichtspiel dabei / Heutige Gruppe feiert Jubiläum

Von Rattenschwänzen und Lampenfieber

Hameln. 60 Jahre Bühnenjubiläum der Rattenfängersage? Da kann etwas nicht stimmen, ist sich Erika Dietrich sicher. Denn: Sie war schon vor über 60 Jahren dabei. Als kleine Ratte verkleidet, unterhielt die heute 70-Jährige schon 1951 die Hamelner Touristen – und erlaubt einen Blick in ihr privates Fotoalbum. „Die Jungs sind uns immer auf die Rattenschwänze getreten“, erinnert sie sich an die kleinen Neckereien, die zur sonntäglichen Aufführung gehörten. Ihre Mutter habe das Kostüm dann immer wieder zusammengenäht.

veröffentlicht am 23.04.2016 um 16:42 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 11:41 Uhr

270_008_7857735_hm404_fn_1304.jpg

Autor:

von andrea tiedemann
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Das Rattenfängerspiel ist also älter als 60 Jahre – soviel steht fest. Sogar zu Kriegszeiten, weiß Dietrich, habe es schon eine Rattenfänger-Darstellerin – ja, eine weibliche – gegeben. Magda Fischer war es, die das Stück 1929 zur Uraufführung brachte, sie war es auch, die das Stück überhaupt geschrieben und inszeniert hat. „Bis zum August 1939 brachte sie es auf 500 Auftritte“, erklärt Ilse Nachtigall, die gemeinsam mit Norbert Meyer die jetzige Rattenfänger-Spielgruppe leitet. Doch warum feiert die rund 70-köpfige Spielgruppe also gerade 60 Jahre? Weil es seitdem die neue Version des Rattenfängerspiels – von Friedrich Flügge inszeniert – gibt, klärt Nachtigall auf. Der Text sei größtenteils unverändert geblieben, nur Kindertanz und Kulisse wurden modernisiert.

Nachtigall, die eine Bürgerin spielt, ist seit über 20 Jahren dabei; Meyer seit über zehn Jahren. Er spielt zum einen den Dorfschelm, der „gerne neckt und mal abtaucht“, sowie die Rolle des Erzählers, der das Publikum auch direkt anspielen darf. Über Jahre immer das gleiche Stück, 20 Sonntage pro Jahr – fängt man da nicht an, die eine oder andere Variation einzubauen, um keine Langeweile aufkommen zu lassen? „Wir improvisieren nicht“, sagt Meyer, vor einigen Jahren habe man festgelegt, dass das Spiel immer möglichst identisch sein soll. Spieler zwischen fünf und 65 Jahren sind dabei – „viele schon über 40“, wie Meyer sagt. Man freue sich daher immer über neuen Nachwuchs, allerdings sei das nicht immer einfach, weil der Sonntag bei vielen Familien mit Freizeitaktivitäten voll sei. Die Konkurrenz ist groß. Das war 1951 noch ganz anders: Für Erika Dietrich sei es eine Art Bürgerpflicht gewesen, als Ratte mitzuspielen. „Es gab aber auch nicht so viel“, sagt die 70-Jährige über ihre damalige Kindheit – das Theaterspiel sei daher eine willkommene Abwechselung gewesen. Allerdings nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Touristen: Wer sich die historischen Fotos ansieht, ist erstaunt, wie vollgestopft die Innenstadt in den 60ern und 70ern war, wenn die kleinen Ratten auf der Bühne tanzten. „Das war sehr beliebt“, sagt Dietrich. An Lampenfieber kann sie sich trotzdem nicht erinnern.

Ein Ritual hat sie sich von 1951 bewahrt: Dietrich ging als kleine Ratte nach der Vorstellung immer noch einmal zu den Touristen heraus – und stellte sich als Fotomodell zur Verfügung. Sie wird heute in unzähligen Fotoalben der Welt als Souvenir von Hameln zu finden sein. Ein solches Foto sei bei den Touristen auch heute noch gefragt, so Meyer. „Ich gehe immer mit ein, zwei Ratten im Schlepptau raus“, sagt er. Heute geht Dietrich mit ihrem sechsjährigen Enkel zum Rattenfängerspiel. „Ich finde es gut, dass die Tradition erhalten bleibt.“

Die jetzige Spielgruppe wird zum Rattenfänger-Jubiläumswochenende um den 26. Juni feiern. Und zur Belohnung gibt es eine Fahrt nach Weimar für alle Ehrenamtlichen. Auch das scheint Tradition zu haben: Bereits in den 50ern gab es als Anerkennung eine gemeinsame Fahrt. Allerdings fiel das Ziel damals naturgemäß etwas bescheidener aus: Damals ging es nach Porta Westfalica oder zum Hermannsdenkmal bei Detmold – für eine Fünfjährige damals aber trotzdem ein schöner Lohn, wie Dietrich sagt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt