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Inschriften an den Häusern der Hamelner Altstadt erzählen Geschichten / Auch der Rattenfänger kommt vor

Von Gottesfurcht und alten Lebensweisheiten

Hameln (sms). Schon mehrere hundert Jahre sind sie alt, die Sandstein- und Fachwerkbauten der Hamelner Altstadt. Viele Geschichten haben sich in ihnen und um sie herum bis heute ereignet. Die Hausinschriften können Schlüssel zu ihnen sein. Doch was genau verbirgt sich hinter den goldenen, geschwungenen Schriftzeichen? Was erzählen Hamelns Häuser?

veröffentlicht am 02.10.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 11:21 Uhr

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Die Hausinschriften-Kultur hat ihre historischen Wurzeln bereits in der vorchristlichen Zeit. Damals wurden Schädel toter Tiere zum Schutz vor bösen Mächten aufgehängt. Erste deutsche Inschriften tauchten vereinzelt schon im 14. Jahrhundert auf. Bis auf das Jahr 1650 sind die Hamelner Inschriften zurückzudatieren. Neben Ereignissen der Hamelner Stadtgeschichte beinhalten sie auch sprichwörtliche Redensarten, Bibelzitate oder andere Weisheiten. Die einen sind gespickt mit Ironie und Humor, die anderen wiederum erzählen vom Schicksal und dem Ernst des Lebens. Von Gabi Grehl, der Fachobfrau für Latein des Viktoria-Luise-Gymnasiums, hat sich die Dewezet lateinische Inschriften übersetzen lassen und ist auch selbst auf die Suche nach deutschen Schriftzügen gegangen. Hier einige Beispiel:

Das Hochzeitshaus ist heute ein Ort zum Heiraten. Seit den 1950er Jahren hat das Hamelner Standesamt dort seinen Sitz. Doch das war nicht immer so. „Hoch-Zeit“ leitet sich eigentlich ab von „hohe Zeit“, in der Feste gefeiert wurden. Hinweise darauf, vor allem aber auf die einstige Weinschenke, gibt eine der lateinischen Inschriften an der südlichen Seite des Gebäudes: „Grobe Gewalttätigkeit und Streit sollen hier keinen Platz haben, man soll den Frieden genießen, und der brennende Durst soll mit Bier gelöscht werden.“ Doch neben dem Festsaal und der Ratsschenke hatte das Hochzeitshaus noch andere Funktion: „Hier werden Arzneien aus gesammelten Kräutern hergestellt, hier sucht der ratlose Kranke medizinische Hilfe“ – die Apotheke. Auch ein Hinweis auf die Stadtwaage, die allerdings nie einzog, findet sich.

Den Rattenfänger hat es nicht gegeben? Die Inschriften besagen das Gegenteil. Die des Rattenfängerhauses, die sich seitlich am Gebäude in der Bungelosenstraße befindet, besagt: „Im Jahre 1284 am Tage Johannis und Pauli war der 26. Juni durch einen Pfeifer mit allerlei Farbe bekleidet gewesen 130 Kinder verleitet in Hameln geboren zu Kalvarie bei den Koppen verloren.“ Auch auf einem Haus in der Kleinen Straße steht – wesentlich später verfasst – geschrieben, dass ein „bunt gewandter Fremdling“ für einen Lohn alle Ratten der Stadt mit seiner Zauberflöte in die Weser gelockt habe. Doch als man ihm den Lohn nicht gewährte, „entführte er die Kinder der Stadt durch sein Spiel“. Von der schrecklichen Zeit, in der die Pest sich in Hameln ausbreitete, erzählt eine Inschrift auf dem Haus Nummer 2 in der Ritterstraße: „Dieses Haus wurde mit göttlicher Hilfe in dem Jahr 1597 erbaut, in dem nach einer traurigen Hungersnot die grausame Pest ausgebrochen ist“.

Die „göttliche Hilfe“ hat sich so mancher für sein Haus gewünscht. In einer Vielzahl von Inschriften spielt die Gottesnähe eine zentrale Rolle. „Wenn Gott es nicht baut, wird jenes Haus vergeblich gebaut“, heißt es, oder „Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns?“

In der Fischpfortenstraße ist Gott „allezeit des Herzens Trost und Teil“, und in der Baustraße folgt auf Gottes Rat die Tat. Und wenn nicht gebetet wurde, dann wurde gearbeitet, denn „ohne Arbeit von früh bis spät wird dir nichts geraten, Neid sieht nur das Blumenbeet, aber nicht den Spaten“.

Wer mit religiösen Zitaten nichts anfangen kann und stattdessen auf der Suche ist nach weisen, lebensbegleitenden Worten, der wird fündig in der Bäckerstraße: „Das Glück liegt nicht im Ziel, sondern im Weg dahin.“ Oder eben in der Baustraße. Dort vertraute man auf die Worte des italienischen Künstlers Michelangelo Buonarroti: „Kleinigkeiten sind die Bausteine der Vollendung, die Vollendung aber ist eine Kleinigkeit.“ Und ein offenbar besonders humorvoller Hamelner ließ seine Mitmenschen direkt wissen, was er über sie dachte und schrieb über seine Haustür: „Wenn ein jeder vor seiner Tür fegt, wäre die ganze Straße rein.“



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