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„Es steckt harte Arbeit dahinter“ – Hamelner Musikschüler proben für das große Finale in Lübeck

Von Barock bis Beyoncé: Talente starten durch

Von Alda Maria Grüter

veröffentlicht am 23.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 12:21 Uhr

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Hameln. Jung sind sie alle, doch während die einen Melodien und Instrumente aus längst vergangenen Jahrhunderten für sich entdeckt haben, sind es bei den anderen topmoderne Songs, die die erste Geige spielen. Gut 300 Jahre liegen zwischen dem

Repertoire der „Alten Musik“ und dem des „Popgesangs“. Dennoch – egal, aus welcher Epoche und welchen Stils – es ist die Leidenschaft zur Musik, die die Jugendlichen verbindet. Und jetzt auch eine Premiere. Denn erstmalig haben sich die zwei Ensembles der Jugendmusikschule Hameln in den Kategorien „Alte Musik“ und die drei Solistinnen, die Gesangslehrerin Sonja Telgheder privat unterrichtet, in der neuen Kategorie „Popgesang“ für den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ qualifiziert. Das Finale steigt vom 21. bis zum 28. Mai in Lübeck.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Natürlich wird zu Hause und bei den wöchentlichen Proben konzentriert geübt – doch von Lampenfieber ist nichts zu spüren: Das komme wahrscheinlich noch, kurz vor dem Auftritt, glauben die vier vom noch namenlosen Jungquartett. Seit gerade mal eineinhalb Jahren spielen sie zusammen. Es ist Dienstagnachmittag, die Musiker treffen sich zur Probe in den Räumen der Jugendmusikschule Hameln. Instrumente werden ausgepackt, gestimmt, die Noten sortiert. Jonathan Garbe stellt das Violoncello vor seinen Körper aufrecht auf den Boden, klemmt es erst einmal zwischen die Füße – und klärt auf: Nein! Der Stachel wird selbstverständlich nicht ausgefahren! „Das Cello wird, wie im Barockzeitalter üblich, zwischen Waden und Knien gespielt, einen Stachel benutzt man nicht“, sagt er. Macht’s vor, und nachdem der Musiklehrer und Ensemble-Leiter Alexander Simko die Besonderheiten des barocken Streichbogens erklärt hat, kündigt Jonathan eines der Stücke an, welches das Quartett der Jury in Lübeck vorspielen will. Ein Tanz aus der Feder des italienischen Komponisten Andriano Banchieri (1568 bis 1634): „Sonata Sopra l’Aria Musicale del Gran Duca“, sagt Jonathan mit melodischer Stimme und jede Silbe ganz besonders betonend. Nun, wer in Sachen Musik von Frühbarock bis Klassik den Bogen raus hat, dem gehen solche Titel eben ganz locker über die Lippen.

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Ein Kinderspiel ist das Musizieren trotzdem noch lange nicht. Regelmäßiges, mitunter sogar tägliches Üben muss sein. Das können jeweils mal zehn Minuten, mal aber auch Stunden sein. Wer das Cembalospiel beherrschen will, der muss sich erst einmal die richtige Technik aneignen: Die Tasten werden nämlich nicht geschlagen, sondern „gezupft“. Schließlich soll das Instrument ja zum „Singen“ gebracht werden. Dass die Blockflöte mehr als nur ein „Anfängerinstrument“ ist, beweisen die hochvirtuosen Töne, die ihr entlockt werden. Jetzt im Endspurt, erläutert Alexander Simko, liege der Schwerpunkt darin, „den gemeinsamen Pulsschlag der Musik zu finden“.

Daran feilt auch das „Ensemble Inegale“ bei seiner Probe am Donnerstagnachmittag. Einmal sollen die Flöten ein schönes, bloß aber kein „gespucktes Tü-tü-türü“ herausbringen, ein anderes Mal gibt Alexander Simko die Anleitung, „die Verzierungen des Barock stärker hervorzuheben“. Und an einer anderen Stelle des Stückes sollen sich die Flötistinnen zurücknehmen, damit das Cello stärker hervorkommt. Jean Ferry Rebels „Tombeau de Mr. De Lully du Recueil de Douze Sonats, Sonata no. 7“, von 1712, ist zwar ein Trauerspiel – wie die jungen Talente das alte Stück umsetzen, hingegen überhaupt nicht: „Alles läuft sehr schön“, sagt der Musiklehrer zu den Leistungen des Ensembles, das sich 2006 formierte und seitdem eine ganze Menge gemeinsamer Erfolge feierte. „Eine so tolle Gruppe wird es vielleicht so schnell nicht wieder geben.“ Das klingt ein bisschen nach Abschied – und ist es gewissermaßen auch. Denn das erste Mal beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ könnte für Inegale gleichzeitig das letzte Mal sein: Luca und Karl beispielsweise wollen beruflich eine musikalische Laufbahn einschlagen, und wer Musik studiert, gilt als „Profi“ und ist damit von der Teilnahme ausgeschlossen.

Noch ganz am Anfang stehen hingegen die Vikilu-Schülerinnen Mara, Amelie und Sina, die es in der neuen Kategorie „Popgesang“ auf Anhieb auf die Bundesebene geschafft haben: „Darauf bin ich stolz wie Bolle“, lobt die Gesangslehrerin Sonja Tel-gheder die drei Solistinnen in den höchsten Tönen. Seit Dezember bereiten sich Mara, Amelie und Sina auf den Wettbewerb vor, üben Lieder von Anastasia, Beyoncé und Whitney Houston: „Die Cover-Songs werden nicht einfach nur nachgesungen, vielmehr geben wir den Stücken unsere eigene Note“, sagt Amelie. Aber auch die Eigenkomposition, die jede Sängerin präsentieren muss, soll perfekt und individuell klingen. Missklänge, die manchmal kaum herauszuhören sind, entgehen dem kritischen Ohr von Sonja Telgheder nicht: Die 30-Jährige haut in die Klaviertasten, gibt den richtigen Ton an, lässt den Gesangspassus wiederholen. Die Mädchen zeigen der Reihe nach, was in ihren Stimmen steckt – und das ist eine ganze Menge. „Das musikalische Angebot an unserer Schule ist sehr groß und sehr gut – da wird man richtig gepusht. Und dann die klasse Vorbereitung durch Sonja Telgheder …“, sagt Sina. Dass Leute mit „Wunderkind-Anspruch“ die Neuen bei „Jugend musiziert“ vielleicht noch als Sonderlinge – eben „nur“ als Vertreter der Unterhaltungs- und nicht der ernsten Musik – abstempeln, schmettern die drei kategorisch ab: „Man wird nicht als guter Popsänger geboren – es steckt harte Arbeit dahinter. Genauso viel harte Arbeit wie beim Erlernen eines Musikinstrumentes“, sagt Mara Keller. Gestresst ist sie an diesem Freitagnachmittag zur Probe gekommen: „Nach der Mathe-Klausur muss ich mir jetzt erst einmal die Anspannung von der Seele singen“, sagt die 19-Jährige, die – wie Deutschlands Oslo-Star Lena Meyer-Landrut auch – gerade ihr Abitur absolviert.

Ganz nebenbei: Von den Castings à la „DSDS“ halten die drei Popsängerinnen und ihre Gesangslehrerin nicht viel: „Ich hätte Bauchweh, meine Schülerinnen da hinzu- schicken. Es wäre einfach zu schade, ihre musikalischen Talente auf diese Weise zu verfeuern“, sagt Sonja Tel-gheder.

Zum Finale von „Jugend musiziert“ fahren: das noch namenlose Quartett der Jugendmusikschule mit Markus Baumann, 14 (Blockflöte), Leon Simko, 13 (Barockgeige), Jonathan Garbe, 13 (Violoncello), und Timo Weege, 14 (Cembalo) sowie das „Ensemble Inegale Hameln“ mit Laura Frieß, 17, Jana Sievert, 17 (beide Block- und Traversflöte), Karl Simko, 17 (Barockcello), und Luca Weege, 16 (Cembalo). Aus der „Talent-Schmiede“ von Sonja Tel-gheder kamen die Popgesangs-Solistinnen Amelie Tabea Zoch, 16, Mara Keller, 19, und Sina Mareike Schulte, 16, in die letzte Runde des Nachwuchswettbewerbes. Im Duo sind zudem der Hamelner Gunnar Mextorf (Klavier), 15 (Klarinette: Linda Gulyas aus Hannover, 18) sowie Mirjam Rocholl aus Springe, 13, (Viola) vertreten.

Proben in der Jugendmusikschule Hameln vor dem Bundeswettbewerb: Oben (v. li.): Laura Frieß, Jana Sievert, Luca Weege und Karl Simko vom Ensemble Inegale. Unten (v.li.): Leon Simko, Timo Weege, Jonathan Garbe und Markus Baumann.

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