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Sozialpädagoge Wolfgang Endres veranstaltet im November Fachtagung für 725 Lehrer in Hameln

Vom Rattenfänger lässt sich Motivation ableiten

Hameln. Passend zum 725. Rattenfängerjubiläum wird das Weserberglandzentrum in Hameln vom 20. bis 22. November Treffpunkt für 725 Lehrer aus ganz Deutschland. Die Pädagogen kommen zu einer Fortbildung, die unter dem Motto „Lernen lernen“ steht und sich mit dem Schwerpunktthema Beziehungsdidaktik steht. „Denn gemeinschaftliches Lernen als kooperatives Schüler-Lehrer-Team gewinnt im heutigen Schulalltag genauso an Bedeutung wie das Thema Mobbing und der Umgang mit der Verschiedenheit in der Klassenzusammensetzung – ob im Bezug auf das Alter, die Leistungsfähigkeit oder die ethnische Herkunft. Die Lehrkräfte erfahren in Plenarvorträgen und Workshops, wie sie ihren Unterricht optimieren können“, umschreibt Veranstaltungsleiter Wolfgang Endres die Inhalte. Über aktuelle Probleme im Schulalltag sprach Hans-Joachim Weiß mit dem Sozialpädagogen und Buchautoren („So macht lernen Spaß“).

veröffentlicht am 23.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 03:21 Uhr

Wer mobbt hier wen? Schüler unter Druck. Foto: Bilderbox
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Herr Endres, wo liegen heutzutage die Schwierigkeiten im Schulalltag?

Da sind zunächst mangelnde Motivationen und fehlende Perspektiven. Viele Schüler verspüren keine rechte Aussicht auf Erfolg. Auch im Miteinander fühlen sie sich oftmals nicht wahrgenommen. Da kommen ganz schnell auch Formen von Mobbing mit ins Spiel. Das heißt: Schule ist nicht der Ort, an dem man sich wohlfühlen kann, sondern Schule wird von vielen Schülern wahrgenommen als ein Ort, wo Pflichtübungen stattfinden, vor denen man sich besser drücken sollte.

Wer mobbt denn da wen? Der Lehrer die Schüler, die Schüler den Lehrer oder die Schüler sich untereinander?

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Alles. Mobbing ist so vernetzt, dass nicht zu unterscheiden ist, wer ist Opfer oder Täter? Es ist so verwoben, dass ein Opfer gleichzeitig auch Täter sein kann. Das ist so kreuz und quer verschachtelt, dass Mobbing von einigen sogar als Sport wahrgenommen wird. Insofern haben sich auch die Mobbingformen unter Einbeziehung neuer Medien wie Handy oder Internet verändert. Wer das jetzt federführend ist, lässt sich kaum sagen. Das ist von Ort zu Ort, von Schule zu Schule unterschiedlich.

Seit wann ist das Phänomen Mobbing an Schulen so akut?

Mobbing gab es schon vor Jahrhunderten. Es wurden immer Menschen an den Pranger gestellt. Insofern ist das Phänomen als solches nicht neu. Die Formen aber sind neu. Sie sind subtiler geworden und dadurch auch schwerer zu fassen.

Und was ist der Sinn dieser Mobbing-Attacken im Schulalltag?

Der Mobbing-Täter hat Möglichkeiten, sich in einer gewissen Stärke zu bewähren, weil er sieht, er kann Menschen dazu führen, dass sie leiden. Kann ich jemandem Leid zuführen, erhebe ich mich über ihn und übe ein Stück Macht aus.

Nun mobben auch Lehrer – sollten sie nicht über den Dingen stehen?

Sollten sie. Aber wenn die Schüler ihnen das Leben schwer machen, greifen eben auch Lehrer zu diesem Mittel. Das ist menschlich. So, wie früher Lehrer mit Ironie und Sarkasmus einen Schüler vor der Klasse bloßgestellt oder gar fertiggemacht haben. Es ist ein völlig ungeeignetes Mittel, wie ein guter Pädagoge weiß, wird aber spontan häufig eingesetzt.

Inwieweit leistet das Bildungssystem dem Mobbing Vorschub?

Wenn Anforderungen permanent wachsen, sucht der Einzelne immer wieder neue Möglichkeiten, wie er sich darin bewähren kann. Wenn ich einen anderen niedermache, besetze ich einen Platz, der sonst durch andere belegt wäre. Es ist auch eine Form von Ellenbogengesellschaft. Mobbing arbeitet aber mit einer subtilen Gewalt. Sie ist jedoch sehr massiv und führt einige in die Krankheit bis hin zum Suizid. Das dürfen wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. Das Gleiche gilt auch für Amokläufer. Sie sind zunächst sehr unauffällig, leiden nach innen. Aus dieser Hilflosigkeit erwächst dann Aggressivität – wie in einem Schnellkochtopf.

Was wollen Sie Ihren 725 Kollegen, die nach Hameln kommen, zum Thema Mobbing mit auf den Weg geben?

Nicht nur zum Thema Mobbing, sondern überhaupt im Sinne des Wahrnehmens. Sie sollen Möglichkeiten an die Hand bekommen, worauf sie als Lehrer achten können, sollen und müssen. Was ihnen an den Schülern auffällt und wie sie ihre Schüler so wahrnehmen können, dass sie sich auch wahrgenommen fühlen und wie sie zu Eigenverantwortung angeleitet werden können. Das geschieht nicht nur durch Instrumentarien und Rezepte, sondern braucht auch ein Stück Persönlichkeit und Bildung. Da ist ein Lehrer dankbar, wenn ihm Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, wie er so etwas im Schulalltag einsetzen kann. Denn Muster im Umgang miteinander können sich auch einschleifen. Das fängt bei Begrüßungsformeln an.

Welchen Anteil an den Problemen der Lehrer hat eigentlich der Ausländeranteil an den Schulen?

Einen sehr, sehr großen, aber gerade da wird ja die Heterogenität am auffälligsten sichtbar. Gerade weil ein Lehrer es nicht erreichen kann, 16, 17 Sprachen in einer Unterrichtsstunde so miteinander zu verzahnen, dass für alle gleicher Lerngewinn erzielt werden kann, muss er aus den verschiedenen Kulturkreisen Beiträge liefern lassen, um die jungen Menschen zu fordern. Denn in dem Moment, wo ich eine Aufgabe bekomme, bin ich anders engagiert.

Was muss die Politik machen, um die Voraussetzungen in den Schulen zu verbessern?

Sie müsste sich in Kultusfragen einer größeren Verständigung insgesamt aussetzen; müsste mehr länderübergreifende Angebote machen und sich eindeutiger darauf verständigen, wie Schulentwicklung überhaupt aussehen soll. Weil die Politik aber ganz andere Akzente setzt, sind Eltern verunsichert und greifen mehr und mehr zur Privatschule. Staatlichen Schulen fehlt es an Profil. Aber es gibt viele Lehrer, die etwas bewegen wollen. Sonst würden nicht 725 an einem Wochenende nach Hameln kommen. Und rund 500 Schulen in Deutschland werden von diesem Angebot profitieren.

Ihr Motto heißt „Lernen lernen“. Was müssen denn Lehrer lernen zu lernen?

Eine entscheidende Frage. Lehrer brauchen immer wieder eine neue Belebung ihrer eigenen Lernbereitschaft. Ein Lehrer ist mit seiner abgeschlossenen Ausbildung nicht fertig, sondern lernt täglich neu dazu und muss häufig auch umlernen. Und die, die bereit sind, sich selbst einzubeziehen und von ihren Schülern zu lernen, die äußern durch ihr gesamtes Lernverhalten fast vorbildhaft, was Motivation bedeutet und wie man sich selber in einem Lernprozess engagiert einbringt.

Sie sind der geistige Vater des Symposiums „Lernen lernen“, das im November in Hameln ausgerichtet wird. Wie sind Sie auf die Rattenfängerstadt als Tagungsort gekommen?

Hameln ist ein reizvolles Städtchen und der Rattenfänger ist in mehrfacher Deutung eine interessante Figur. Er hat es geschafft, Kinder an sich zu binden. Und das ist eine Fähigkeit, die sich ein Lehrer auch wünscht. Sicherlich ist der Vergleich mit der Figur auch ambivalent, denn Lehrer sollten Kinder nicht ins Verderben führen. Aber die Sage ist ein Aufhänger. Und dann ist in Hameln alles vorhanden, was wir für einen solchen Kongress brauchen. Auch haben wir mit dem Schiller-Gymnasium eine Partnerschule gefunden, die sofort bereit war, uns mit ihrer Logistik zu unterstützen. Kurz: Die Infrastruktur Hamelns ist für uns bestens geeignet.

Gehen Sie mit Ihrem Symposium grundsätzlich in unterschiedliche Veranstaltungssorte?

Wir haben noch ein Symposion im Süden, in Bad Wörishofen. Dort läuft es schon seit 20 Jahren, aber es war immer wieder Wunsch der Lehrkräfte, in eine andere Region zu gehen. Und mit Hameln haben wir nun ein Pendant zum Süden gefunden.

Ist die Teilnehmerzahl von 725 im Jahr des 725. Rattenfängerjubiläums Zufall oder Absicht?

Wir arbeiten mit Warteliste und hätten sogar noch viel mehr Interessenten. Durch die in Hameln vorhandene Kapazität von 700 bot sich das Jubiläum nun an, mithilfe kleiner Nachbesserungen einen Gag daraus zu machen.

Wo wird die große Teilnehmerzahl eigentlich untergebracht?

In allen vorhandenen Hotels und Gasthöfen Hamelns sowie bei Privatvermietern.

Und was kann nun ein Lehrer vom Rattenfänger lernen?

Dass es Möglichkeiten gibt, Kinder an sich zu fesseln und zu irgendetwas hinzuführen. Wenn man das nun in guter Absicht macht, lässt sich dadurch auch ein Stück Motivation ableiten. Gleichzeitig ist es aber auch heikel und gefährlich, weil es Formen der Manipulation enthält. Insofern kann man sich als Lehrer kritisch damit auseinandersetzen: Möchte ich erreichen, was der Rattenfänger bewirkt hat, oder muss ich andere Akzente setzen, will ich verantwortungsbewusst handeln?

Welche Akzente könnten das sein?

Das Eigenständige, das Eigenverantwortliche. Dass eben auch das Nachdenken über das Lernen genauso dazugehört und ich mir einen Schüler nicht blind folgen lasse, sondern ihn über sein eigenes Lernen reflektieren lasse, ihn Entscheidungen treffen lasse, ihn auf den Weg in die Mitverantwortung ziehe, ihm eigene Aufgaben übertrage und aus diesem Zusammenspiel kooperatives Arbeiten zustande kommt.

Der Sozialpädagoge und Buchautor Wolfgang Endres veranstaltet im Weserberglandzentrum den Fachkongress „Lernen lernen“. Foto: pr

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