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Die Wehrberger Warte, ein ehemaliger Kontrollturm, ist bis heute erhalten

Vom Beobachtungsposten zur Gaststätte

Mauer, Wall und Graben schützen die Stadt im Mittelalter vor feindlichen Angriffen. Doch außerhalb der Stadtmauer auf den Feldern waren die arbeitenden Bürger mit ihrem Vieh und ihren Feldfrüchten ungeschützt vor Räubern. Deshalb ließ die Stadt dort sogenannte Landwehre anlegen. Sie bestanden aus einem oder mehreren Erdwällen von etwa zehn bis zwölf Metern Breite. Auf den Wallkronen wurden Bäume und Blumen angepflanzt und diese zu einer Hecke miteinander verflochten. So entstand eine natürliche Mauer ohne Lücken, auch Knick genannt, da die Pflanzen umgeknickt wurden. Wo Straßen die Landwehr kreuzten, standen Warten. Die erste Erwähnung der Hamelner Landwehr stammt aus dem Jahr 1385.

veröffentlicht am 06.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 13:21 Uhr

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Autor:

von corinna zipplies
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Im Allgemeinen ist eine Warte ein Beobachtungsposten, ein Aussichtspunkt oder ein Turm. Oft stand der Kontrollturm weit von der eigentlichen Befestigung entfernt, um frühzeitig den annähernden Feind zu bemerken. Später wurden sie als Krankenhäuser benutzt, wenn in der Stadt die Pest wütete – daher auch der Name „Siekenhüser“ (Seuchenhäuser). Warten bestanden aus einem runden Turm mit einen regelförmigen Dach, der von einer runden hohen Mauer, dem „Zingel“, umgeben war. Das Obergeschoss des Turms war die Wachtstube, hinein kam man nur über eine Leiter, die bei Gefahr hochgezogen werden konnte. Sie wurde von dem Wartmann bewohnt, der viele Aufgaben hatte: Er musste durch Signale die Annäherung von Feinden melden und den „Schlagbaum“, eine Schranke, bedienen. Außerdem musste er die Hecken und Mauern der Landwehr beobachten. Falls also Löcher im Knick waren, musste er diese beseitigen.

Bis heute sind sechs Warten in Hameln bekannt: Die Wehrberger Warte liegt an der Fischbecker Landstraße. Sie ist die einzige, die nie abgerissen wurde und bis heute als Gaststätte zur Verfügung steht. Bei ihr stand der Wartturm zwischen der früheren Landstraße und dem Weserufer, so konnte man auch den Schiffverkehr beobachten. 1806 fand in der Wehrberger Warte ein historisches Ereignis statt: Dort nämlich wurde die Kapitulation der Festung Hameln zwischen Preußen und Franzosen unterzeichnet. Die Berkeler Warte lag an der Paderborner Heerstraße, der heutigen Bundesstraße 1, und ist seit 2004 nach einer Renovierung als „Rattenfängerhotel“ wieder für Gäste bewohnbar. Die alte Berkeler Warte musste dem Ausbau der B 1 weichen und abgerissen werden. Die Afferdsche Warte sowie das danebenliegende Wohnhaus wurden 2006 abgerissen. Sie lag an der Hildesheimer Heerstraße, der heutigen Marienthaler Straße – dort, wo heute ein Parkplatz ist. Der Standort der Rohrser Warte an der Hannoverschen Straße, heute Alte Heerstraße, ist heute nicht mehr auszumachen. Die Holtenser Warte liegt an der Holtenser Landstraße und ist bis heute gut erkennbar. In Höhe der Brüdersteine kann man sogar noch Reste der ursprünglichen Landwehr erkennen. Die Warte Hartbaum („hartbom“) lag bis Mitte des 18. Jahrhunderts an der Straße nach Einbeck. Daneben gibt es noch die Tündernsche Warte, die jedoch aus der Neuzeit stammt und nichts mit der Landwehr zu tun hat.

Die Warten reichten nach einer gewissen Zeit nicht mehr aus, um Feinde zu beobachten, denn sie lagen einfach zu niedrig. Deshalb wurden zusätzlich auf den umliegenden Bergen fünf „Spähwarten“ erbaut. Die erste Spähwarte lag auf dem Basberg, von dort aus konnte man das gesamte Hameltal beobachten. Die „Pipe“ wurde im Beikenbusch errichtet, um das Unsener Tal zu sichten. Die dritte Spähwarte, der „Sackerturm“, lag nahe dem Sintelsberg. Von hier aus hatte man Tündern und Hastenbeck im Blick. Eine weitere Spähwarte stand auf dem Kaninchenberg jenseits der Weser, die fünfte wurde auf „der Nase des Klüts“ erbaut, von der aus man Aerzen und auch Fischbeck im Blick hatte. Man vermutet jedoch, dass die Spähwarten nur in Kriegszeiten besetzt waren.

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Als mit dem Beginn der Landesherrschaft die Zeiten ruhiger wurden, nahm die Bedeutung der Warten als Beobachtungsposten ab. Im 17. Jahrhundert verpachtete die Stadt die jeweiligen Warten mit dazugehörigem Garten und Ackerland an als Wartmänner geeignete Personen und errichtete neben den Warttürmen Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Die Wartleute mussten sich dazu verplichten, „dem Rat treu zu sein, Gebäude, Gärten und Ländereien in gutem Stand zu halten, auf die Feldmark sorgfältige Aufsicht zu halten und auf die Holzdiebe bestmöglich zu vigilieren, damit der Stadt kein Schaden zugefügt werde …“ Da die Wartleute außerdem Bier und Branntwein ausschenken durften, entwickelten sich die Warten zu Gaststätten und Vergnügungsorten – die militärische Bedeutung nahm ab, die gastronomische trat in ihre Fußstapfen.

Als Gaststätte bis heute erhalten: die Wehrberger Warte.

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