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Im Senior Schläger Haus übernachten Obdachlose mit ihren Hunden

Vier Pfoten gegen die Verzweiflung

HAMELN. Hunde sind für viele Obdachlose wichtig. Deshalb dürfen sie im Senior Schläger Haus zusammen mit ihren Herren übernachten. Alexander Schütte wurde von seiner Hündin vor der totalen Selbstaufgabe bewahrt.

veröffentlicht am 11.12.2017 um 20:16 Uhr
aktualisiert am 11.12.2017 um 20:50 Uhr

Alexander Schütte hat auf der Straße gelebt. Seine treue Begleiterin: Hündin Lilly. Foto: jsp
Jens Spickermann

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Männer stehen, reden und rauchen vor dem Eingang des Senior Schläger Hauses. Ihren Gesichtern ist anzusehen, dass sie fast immer draußen unterwegs sind: die Haut ist gerötet, viele wirken ausgemergelt. Alexander Schütte hebt sich optisch von ihnen ab: Nichts deutet darauf hin, dass der 42-Jährige sieben Monate auf der Straße gelebt hat – zusammen mit seiner Hündin Lilly. Nur wenn Schütte lacht, kommen seine Zahnlücken zum Vorschein: Drei Mal ist er nachts angegriffen worden, das eine Mal haben sie ihm mehrere Zähne herausgetreten.

Schütte begrüßt alte Bekannte in dem Obdachlosen-Tagestreff per Handschlag und Schulterklopfen, redet schnell und lebhaft. Früher war er Dachdecker, machte sich später mit einer Kneipe in Bodenwerder selbstständig. Dann ging die Kneipe pleite – und sein bürgerliches Leben den Bach herunter.

Während Schütte in der Küche des Senior Schläger Hauses erzählt, wuselt Hündin Lilly um ihn herum. „Ohne Lilly hätte ich mir das Leben genommen“, sagt Schütte. Als er im August 2015 aus seiner Wohnung flog – er hatte drei Monate die Miete nicht bezahlt – war die Hündin noch ein Welpe. Tag und Nacht war sie dann draußen an seiner Seite, hat nachts unter einem selbstgebauten Unterstand im Wald neben ihm geschlafen. „Wir sind durch dick und dünn gegangen“, sagt der kräftig gebaute Mann und tätschelt der Hündin den Kopf.

Weil Hunde wichtig für viele Leute sind, die auf der Straße leben, dürfen ins Senior Schläger Haus nicht nur Obdachlose, sondern auch deren vierbeinige Begleiter kommen. Durchreisende können in der Unterkunft schlafen und täglich den Tagestreff besuchen, von ihren Hunden müssen sie sich dafür nicht trennen. Das ist etwas Besonderes.

„Viele Leute, die auf der Straße gelandet sind, hatten vorher ein ganz akkurates Leben“, sagt Schütte. „Es kann jeden treffen und ich wünsche es niemandem.“Auch seine eigene Biographie war ganz normal: Schule, Ausbildung, Wehrdienst, Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim, Arbeit als Handwerker, Selbstständigkeit als Kneipen-Wirt, Vater eines Sohnes, sozial engagiert. Dann kam der Absturz: Er nahm Nebenjobs an, um seine Kneipe zu retten, seine Lebensgefährtin trennte sich von ihm, er hatte kein Geld mehr für die Miete, alles wurde plötzlich zu viel – Burnout. „Irgendwann habe ich den Überblick verloren und bin innerlich zusammengebrochen“, sagt er. Nach vier Wochen bei einem Freund auf der Couch stand er planlos im Wald – dort wo er am wenigsten sichtbar war, denn die Scham war groß. Was er tun sollte, wusste er nicht. „Man weiß ja nicht wie das geht, obdachlos zu sein.“

Tagsüber lief er mit Lilly 20 bis 35 Kilometer durch die Gegend – um warm zu bleiben. Nachts sorgte die Hündin unter dem Unterstand für Wärme und spendete Trost. Besonders wichtig war für Schütte die „Ehrlichkeit“ des Tieres und dass es ihn vor der Selbstaufgabe bewahrte: Er trug schließlich Verantwortung für Lilly und musste sich um sie kümmern.

Die Hunde, die mit ihren Herrchen das Senior Schläger Haus besuchen, sind keine verwöhnten Schoßhündchen – das Leben auf der Straße setzt auch ihnen zu. Ein bisschen verhätschelt werden sie in der Einrichtung aber schon: Ein Adventskalender aus bunten, gebastelten Papiertütchen hängt im weihnachtlich dekorierten und stark geheizten Aufenthaltsraum am Fenster. Nicht nur die Tagesgäste, sondern auch deren Hunde bekommen an einem Adventstag ein eigenes Tütchen.

„Die Hunde haben eine ganz große Bedeutung für die Leute“, sagt Sozialarbeiterin Lisa-Marie Heine. Häufig sei der Hund eine Art „Bezugsperson“. Dass der kleine Vierbeiner eines häufigen Gastes Neuankömmlinge fröhlich begrüßt, kommt ihr entgegen: Viele würden sich dadurch sofort wohler fühlen. „Das erleichtert den Zugang“, sagt sie.

Vor Überfällen hat Hündin Lilly Alexander Schütte zwar nicht bewahren können, dennoch glaubt er, dass mancher potenzieller Angreifer durch Anwesenheit des Mischlings abgeschreckt wurde. Auf die Bürokratie konnte er während seiner Obdachlosigkeit weniger zählen: Sobald er die amtliche Eintragung als Wohnungsloser hatte, sei es fast unmöglich gewesen eine Wohnung zu finden – bei privaten Vermietern sowieso, bei den Wohnungsgesellschaften aber auch. Schütte ballt die Hand zur Faust und redet sich in Rage. Er erzählt von Revierkämpfen der Pfandsammler, an den sich nicht nur Obdachlose beteiligt seien, sondern sogar Rentner. Er berichtet von Obdachlosen, die wie er ein ganz normales Leben geführt hatten, bis sie abstürzten und nicht wieder hochkamen. Das alles sei nicht nötig, wenn die Leute eineSozialwohnung zugeteilt bekämen,

Mit einer Postadresse kann das Senior Schläger Haus zwar aushelfen, die Gäste können sich Briefe dorthin senden lassen. Mit einer Wohnung ist das aber schwieriger: „Klar ist, dass absolute Wohnungsnot herrscht“, sagt Hein. In ihrer Einrichtung schlafen dürfen die Gäste aber nur drei Mal im Monat. Immerhin Tagsüber steht das Haus allen offen, zum Kochen, Waschen, Kaffeetrinken und Aufwärmen. Alexander Schütte hatte immerhin Glück: Er hat nach unzähligen Versuchen eine Wohnung gefunden und bekommt nun Hartz IV. Ab Januar will er einen Ein-Euro-Job bei der Tafel antreten und sich für Obdachlose engagieren. Ohne Lilly hätte er wohl schon längst aufgegeben.



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