weather-image
Wurde er bei „Teufelsaustreibung“ getötet? / Schwester des Vermissten spricht exklusiv in der Dewezet

Verzweifelt gesucht: Wo ist Stefan Haenelt?

Hameln. Ist Stefan Haenelt in die Fänge einer satanischen Sekte geraten? Wurde der Hamelner bei einer „Teufelsaustreibung“ getötet? Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Fest steht nur: Der 1,55 Meter große Mann ist im Frühjahr 2004 auf mysteriöse Weise verschwunden. Seine in Hameln lebende Schwester Nathalie U. (Name geändert) hat ihren Bruder am 12. März 2004 bei der Polizei als vermisst gemeldet. „Er ging tagelang nicht mehr an sein Handy. Irgendwann bin ich zur Karlstraße gegangen und habe in seine Wohnung geschaut,“ sagt die verheiratete Mutter (45) einer erwachsenen Tochter. „In den Zimmern sah es chaotisch aus. Ich habe sofort gespürt, dass etwas Schlimmes passiert ist.“

veröffentlicht am 28.01.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 06:21 Uhr

Heike M.

Autor:

Ulrich Behmann
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Zunächst ist es nur eine Vermisstensache. Nichts deutet damals darauf hin, dass der gelernte Ver- und Entsorger, der in den Kläranlagen Hameln und Bad Pyrmont gearbeitet hat, einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Inzwischen schließt die Staatsanwaltschaft nicht mehr aus, dass der Mann im Alter von 38 Jahren ermordet wurde. Unter Tatverdacht stehen: Konditor Klaus-Dieter M. (49) und seine Frau Heike (45), eine Erzieherin. Die Eltern von sechs Kindern haben zu der Zeit, als sie mit Stefan Haenelt befreundet waren, in Groß Berkel und in Grupenhagen gewohnt. Haenelt soll zeitweise bei Familie M. gelebt haben. Die Eheleute stehen im Verdacht, ihre heute 24 Jahre alte Tochter zwischen 1998 und 2010 viele Male vergewaltigt zu haben. Vor dem Landgericht Paderborn müssen sich die M.s seit Montag wegen Kindesmissbrauchs und Vergewaltigung in 58 Fällen verantworten (wir berichteten). Acht Taten sollen die Eltern der Tochter gegenüber als „Teufelsaustreibungen“ bezeichnet haben. Ein Bruder des Opfers wird im August 2010 Augenzeuge und ruft die Polizei. Bei den Ermittlungen stoßen die Kriminalisten auf den Vermissten-Fall „Haenelt“. Es gibt wohl Zeugen, die die Eheleute M. mit Stefan Haenelt haben wegfahren sehen. Klaus-Dieter und Heike M. seien allein zurückgekehrt, heißt es. Heike M.s Strafverteidiger Franz Zacharias sagt, die Polizei vermute, dass Haenelt bei einem Exorzismus zu Tode gekommen und Wald verscharrt wurde. „Im September 2010 ist gegen das Ehepaar ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Totschlags eingeleitet worden“, sagt Staatsanwältin Kathrin Söfker.

Obwohl das für Mord, Totschlag und Sexualstraftaten zuständige 1. Fachkommissariat in Hameln schon mehrfach nach Stefan Haenelt gesucht und zuletzt im September Spürhunde eingesetzt hat, bleibt der Hamelner wie vom Erdboden verschluckt. Seine verzweifelte Schwester möchte endlich Gewissheit haben. „Wenn jemand etwas über das Verschwinden meines Bruders weiß, dann flehe ich ihn an: Brechen Sie bitte Ihr Schweigen. Geben Sie uns einen Tipp. Jeder kleinste Hinweis kann den Ermittlern helfen.“

Stefan Haenelt wird am 17. April 1966 geboren. Gemeinsam mit der älteren Schwester Nathalie wächst er am Drosselweg auf. „Unsere Kindheit war stets unbeschwert und schön“, sagt die Hamelnerin. Als Jugendlicher steht Stefan auf AC/DC. Die Musik der Hardrocker nimmt er auf Kassetten auf. 1986 stirbt der Vater, 1991 die Mutter.

Klaus-Dieter M.
  • Klaus-Dieter M.
Das letzte Foto, das von Stefan Haenelt gemacht wurde – seit 2004 ist der Hamelner verschwunden.
  • Das letzte Foto, das von Stefan Haenelt gemacht wurde – seit 2004 ist der Hamelner verschwunden.

Ihr Bruder habe es aufgrund seines Kleinwuchses nicht immer leicht gehabt, sagt die Schwester. „Bis Stefan das Ehepaar M. in Groß Berkel kennenlernte, war er ein total lieber Mensch, von dem man alles kriegen konnte. Er war gutmütig, hat immer versucht, es allen recht zu machen.“ Der Einfluss, den die mutmaßlichen Teufelsaustreiber und Vergewaltiger auf ihren Bruder ausgeübt hätten, war offenbar sehr groß. Aus dem netten, freundlichen und stets hilfsbereiten Mann, der seinen Mischlingshund „Rocky“ über alles liebt, wird ein zurückgezogener, in sich gekehrter und äußerst schweigsamer Sonderling, der den M.s scheinbar hörig ist. „Man konnte plötzlich nicht mehr mit ihm reden“, sagt seine Schwester. „Ich kam nicht mehr an ihn ran. Er hat auch nichts mehr erzählt.“ Zuletzt habe sie ihn nicht mehr wiedererkannt. „Sein Wesen hat sich völlig verändert.“ Nachbarn spekulieren seinerzeit hinter vorgehaltener Hand: „Der ist wohl einer Sekte beigetreten.“

Haenelt kündigt seinen Job bei der Kläranlage Bad Pyrmont. Seiner Schwester erzählt er davon nichts. „Ich hab’s später zufällig von einem seiner ehemaligen Arbeitskollegen erfahren.“

Im April 2003 steht Haenelt plötzlich vor der Tür seiner Schwester. Hat er sich losgesagt von den Eheleuten M.? Ist er vielleicht Zeuge von brutalen Vergewaltigungen und abscheulichen Ritualen geworden? Niemand weiß das. Eine Zeit lang kommt er bei Nathalie U.s Familie unter. „Wir haben ihm dann im Sommer eine möblierte Wohnung an der Karlstraße besorgt“, erzählt die Schwester. Stefan Haenelt ist wie ausgewechselt. Er sei wieder „fast der Alte“ gewesen, sagt Nathalie U. Ehrenamtlich habe er in der Altenpflege gearbeitet. „Er wollte etwas Sinnvolles tun.“

Anfang November bricht der Hamelner abermals den Kontakt zu Schwester, Schwager und Nichte ab. Ganz plötzlich. Wie aus heiterem Himmel. „Da war wieder kein Rankommen an ihn.“ Vermutlich ist Stefan Haenelt wieder bei Familie M. gewesen. Er kapselt sich ab. Im März 2004 verliert sich seine Spur. Beim Ausräumen der Zimmer wird Nathalie U. bewusst: Zuletzt hat ihr Bruder kaum noch etwas Privates besessen. „Das, was Stefan zurückgelassen hat, passt in einen Wäschekorb“, sagt sie.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt