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Unternehmen spüren Folgen des Vulkanausbruchs / Hamelner sitzen fest – hier oder im Ausland

Verlängerter Urlaub und Chaos in den Firmen

Hameln-Pyrmont/Münster (cb/CK/hen/doro/ube/wul). Verzweifeln oder gelassenbleiben, umdisponieren und improvisieren – der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull und das danach verhängte Flugverbot lassen viele Menschen in Hameln und Umland routieren, privat wie beruflich.

veröffentlicht am 19.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 12:41 Uhr

Warten auf einen Flieger nach Hannover: Hans-Jürgen Kroggel (v.l
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Die Dewezet hat es dreifach getroffen: Anzeigenleiter Rolf Grummel, Redakteur Hans-Joachim Weiß und Volontär Klaus Frye sitzen zusammen mit weiteren Freunden auf Zypern fest. Gestern um 15 Uhr hätte ihr Air-Berlin-Flug gehen sollen. Bis zum Mittag wussten sie nicht, wie und wann sie nach Hause kommen – „das ist nicht schön, wenn man nicht weiß, wie’s weitergeht“, sagt Weiß am Telefon. Am Nachmittag gab es Klarheit: Erst für Montag haben sie einen Flug erwischt. „Es könnte schlimmer sein“, so Weiß vor dem Hintergrund, dass die Gruppe immerhin nicht am Flughafen Larnacar zwangsübernachtet, so wie 1000 Lufthansa-Passagiere, sondern im Hotel bleiben kann. Ein Übel: die Kosten für die Flugtickets. Für den Hinflug hätten sie noch um die 240 Euro gezahlt, jetzt lägen die Preise bei 600 Euro.

Sitzen die einen in ihren Urlaubsgebieten fest, so können andere erst gar nicht losfliegen. Auch Dieter Joschko aus Halvestorf könnte es treffen. Der frühere Stadtkämmerer will heute um 6.30 Uhr mit Ehefrau Karin zum Urlaub auf Teneriffa starten, und zwar vom Flughafen Münster aus. Schon seit Tagen informiert sich Joschko via Internet sowohl bei der Fluggesellschaft als auch bei seinem Reiseveranstalter, ob er nun fliegen kann oder nicht. Joschko, dessen Bruder und Schwägerin seit Samstag auf Gran Canaria festsitzen: „Ich habe fast schon keine Lust mehr auf Teneriffa.“

Eine Odyssee haben die Hamelner Rolf Flasche und Karola Frerichs hinter sich. Am frühen Freitagmorgen um 1 Uhr sind sie von Hameln zum Flughafen nach Hannover-Langenhagen gefahren. Um 4 Uhr sollte ihr Ferienflieger nach Mallorca abheben. Gekommen ist das Paar nur bis Münster. Nach knapp 34-stündiger Reise kamen Flasche und Frerichs wieder in Hameln an. Mit einem Bus-Konvoi waren die Reisenden Freitagmorgen von Hannover nach Münster gefahren worden. Dann hieß es: Warten, Warten, Warten. 17 Stunden nach Beginn der (Tor-)Tour wurden die Gestrandeten in ein Landgasthaus gefahren. Am Samstag um 5.30 Uhr ging’s mit Omnibussen wieder zurück zum Flughafen Münster. „Wir konnten gleich sitzen bleiben. Nur der Busfahrer ist ausgestiegen. Er hat sich erkundigt, ob überhaupt Flüge gehen“, erzählt Karola Frerichs. „Aber der Luftraum war immer noch gesperrt. Da hieß es: Wir waren zurück nach Hannover.“Für das Krisenmanagement der TUI hat das Paar nur Lob übrig. „Die haben uns toll betreut, es gab Gutscheine für Essen und Getränke und eine kostenlose Hotelübernachtung“, sagt Rolf Flasche. Der komplette Reisepreis wurde zudem erstattet. „Was die in kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben – da kann man nur sagen: Hut ab!“, sagt Karola Frerichs. Im kommenden Jahr wollen die Hamelner einen neuen Versuch starteten. Dann soll es nach Mallorca gehen – so fern keine Vulkanasche in der Luft ist.

Angespannter als bei Urlaubern ist in diesen Tagen die Lage in einigen international tätigen Unternehmen der Region. „Absolut chaotisch“, so beschreibt Stephan Brand, Marketingleiter der Aerzener Maschinenfabrik die Situation des Global Players. „In unserer Reisestelle laufen die Telefone heiß.“ Betroffen seien vor allem der Vertrieb und mit dem After Sales Service der weltweite Kundendienst, der für Reparaturen, Revisionen und Inbetriebnahmen zuständig ist. Es werde versucht, über andere Flughäfen wie Madrid die Reiseziele zu erreichen – doch nicht nur die seien überbucht, sondern ebenso die Bahnverbindungen dorthin. „Eklatante Einschränkungen“ seien zu befürchten, so Brand.

Gelassen geht es trotz ungeahnter Hindernisse in Hessisch Oldendorf zu. Eigentlich verschifft die Firma „Dura-Besmer“ Waren, aber diesmal sollte es besonders schnell gehen. Denn in China warten die Autohersteller auf die Auslegware des Teppichproduzenten. Tag und Nacht haben die Mitarbeiter im Werk Hessisch Oldendorf gearbeitet, damit die Ware rechtzeitig fertig wird – seit letzter Woche hängen die 1200 Quadratmeter Teppich nun am Frankfurter Flughafen fest. Geschäftsführer Dr. Christian Schäfer bleibt entspannt: „Dem Endkunden in China fehlen noch ganz andere Teile.“ Die Firmen Vilomix und marc shoes vermissen dagegen einige Mitarbeiter, die vor allem im asiatischen Raum stecken geblieben sind.

Ganz konkret sind die Folgen für die Firma Templin in Coppenbrügge, die für gestern und heute ein Vertriebsmeeting angesetzt hatte. „Mitarbeiter aus England und Tschechien sollten anreisen; andere, die in Coppenbrügge ansässig sind, aber in Osteuropa unterwegs waren, konnten nicht wieder zurückkommen“, sagt Geschäftsführer Dr. Rolf Enders. Auch die Pläne, morgen zu einer Messe nach China zu fliegen, müssen möglicherweise umgeworfen werden. „Unsere Produkte bekommen wir aber per Seefracht“, sagt Enders, der die Auswirkungen der Flugausfälle selbst zu spüren bekam, als er auf die Bahn umsteigen musste: „Chaos.“ Es gebe aber keine wirtschaftlichen Konsequenzen; es werde das Beste aus der Situation gemacht: „Es gibt immer genug zu tun.“ Und der Mitarbeiter, der sich gerade in Russland aufhalte, nutze nun eben die Zeit vor Ort.

„Kurzfristig umdisponiert“ wurde auch bei Wini Büromöbel, sagt Exportleiter Christian Kortum. Eine für gestern geplante zweitägige Reise in die Schweiz mit der Geschäftsleitung musste ausfallen, da der Flug Hannover-Zürich nicht möglich war. Dafür werde er in dieser Woche Kunden in Benelux besuchen – „mit dem Auto natürlich“. Für die zweite Wochenhälfte war der Besuch von Vertretern eines potenziellen neuen Fachhändlers aus Istanbul in Coppenbrügge geplant. „Davon ausgehend, dass die Behinderungen im Flugverkehr zu Störungen im gesamten Wochenverlauf führen werden, haben wir diesen Termin auf den 26. April verschoben. Zunächst einmal…“, sagt Kortum.

Bei Westphal Maschinenbau im Hamelner Hottenbergsfeld – China ist wichtiger Handelspartner – spürt man nichts vom Flugverbot. „Zum Glück liefern wir nicht alle naselang dorthin, und meistens werden die Teile dann auch verschifft“, sagt Renate Schulten. Und da die Mitarbeiter, die sonst relativ häufig fliegen müssen, gerade deutschlandweit unterwegs sind, lässt die Aschewolke das Unternehmen eher kalt.

Ähnlich geht es auch Phoenix Contact. Das Unternehmen spürt an seinen Standorten in Bad Pyrmont und Blomberg nach eigener Aussage keine gravierenden Folgen der Flugsperre. „Bei uns läuft ohnehin das meiste über Straße und Schiene“, erklärt Angela Josephs, Sprecherin des Unternehmens aus der Automatisierungstechnik-Branche. Anders sieht es allerdings am Stand der Fima auf der Hannover Messe aus. 35 Delegationen aus dem amerikanischen und asiatischen Raum mit insgesamt 500 Gästen werden den Messestand nun nicht wie geplant besuchen. „Solche Auswirkungen spürt man auf der gesamten Messe“, sagt die Unternehmenssprecherin.

Abendstimmung am Flughafen Hannover. Gestern ging hier nichts.

Foto: dpa



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