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Kritik an „40 Jahre Schlacht um Grohnde“

Verherrlicht diese Ausstellung die Gewalt?

HAMELN. Der Vorwurf trifft Bernhard Gelderblom sichtlich: In der von ihm konzipierten Ausstellung „40 Jahre Schlacht um Grohnde“ verherrliche er die Gewalt der Demonstranten gegenüber den Bewahrern von Recht und Ordnung. Das wollte der Historiker so nicht stehen lassen und entfachte eine emotionale Diskussion.

veröffentlicht am 30.03.2017 um 17:46 Uhr

Stehen beim Bürgerdialog zum Thema „Was legitimiert Gewaltanwendung“ Rede und Antwort: (v. li.) Landrat Tjark Bartels, Historiker Dr. Dikr Götting, Polizeipräsident Uwe Lührig und Historiker Bernhard Gelderblom. Foto: br
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Burkhard Reimer Reporter
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Der Vorwurf aus den Reihen des Publikums trifft Bernhard Gelderblom hart: Die Ausstellung verherrliche er die Gewalt der Demonstranten gegenüber den Bewahrern von Recht und Ordnung. Anlass ist ein „Bürgerdialog“, eine Podiumsdiskussion, zu der die Bezirksgruppe Göttingen der Gewerkschaft der Polizei(GdP) in Kooperation mit „radio aktiv“ in die Räume des Hamelner Lokalsenders eingeladen hat. Das Podium bilden am frühen Mittwochabend der Göttinger Polizeipräsident Uwe Lührig, der Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels, der Historiker Dr. Dirk Götting, unter anderem Leiter des Polizei-Museums Hannover, und eben Bernhard Gelderblom, ebenfalls Historiker und anerkannter Spezialist auf dem Gebiet der Geschichte Hamelns und der Region.

Das offizielle Thema lautet: „Was legitimiert Gewaltanwendung des Staates gegen seine Bürger/Innen?“, ergänzt durch die Zusatzfrage: „Wann ist Widerstand der Bürger/Innen gegen den Staat wirklich Pflicht?“

„Ein recht sperriger Titel“, wie Ralf Hermes, GdP-Sprecher und, neben dem bekennenden Atomkraftgegner Karsten Holexa, einer der beiden Moderatoren des Abends, gegenüber dem zahlreichen Publikum einräumt. Letzlich gehe es um die Fragen, „ob und wann die Polizei den Knüppel zu viel oder zu wenig schwingt“ und „wo die Grenze zwischen Bürgerwiderstand und Terrorismus liegt“. Dabei sollen die Ereignisse in und um Grohnde im März 1977 eigentlich nur als Aufhänger dienen, so Hermes.

Doch auch wenn Themen wie etwa „Stuttgart 21“ oder die Frage nach dem Widerstand der Bevölkerung gegen einen autoritären Staat (Stichwort: mögliche Regierungsgewalt der AFD) mehrfach gestreift werden, so geht es an diesem Abend doch in der Hauptsache um die gewalttätigen Ereignisse in Grohnde vor 40 Jahren.

Das liegt nicht zuletzt in der Altersstruktur des Publikums. Viele, wenn nicht gar die meisten der Anwesenden waren damals dabei – aktiv als Kernkraftgegner oder als Angehörige der Polizei oder aber zumindest als Zeitzeugen aus Reihen der Bevölkerung.

Verständlicherweise verwahrt sich Bernhard Gelderblom gegen die vorgebrachte Bewertung der Ausstellung. Ja sie stelle die seinerzeit auf beiden Seiten gezeigte Gewalt dar, aber eben nicht verherrlichend, „sondern als furchtbar und hässlich“. Das ist offenkundig auch die vorherrschende Sichtweise im Publikum, das seine Empörung durch hörbares Murren zum Ausdruck bringt, als der Vorwurf mit den Worten „Sie rechtfertigen Gewalt“ wiederholt wird. Die Diskussion ist intensiv, wird teilweise aber auch höchst emotional geführt. Beispielsweise als Lippold von Klencke (Besitzer Schloss Hämelschenburg) unter Hinweis auf die damaligen Studentenunruhen erklärt, er habe „seit 1968 Angst, dass unser Rechtsstaat gefährdet ist“ und hinzufügt: „Grohnde war ein Desaster für unseren Rechtsstaat“. „Es war ja gerade erst die Knüppelei der Polizei, die bei mir zu einer Radikalisierung geführt hat“, hält ihm ein AKW-Gegner entgegen.

Er habe „damals die Einsätze auf Seiten der Polizei miterlebt“, meldet sich ein anderer Zuhörer zu Wort, „aber natürlich spricht heute niemand mehr davon, wie viele Verletzte es bei uns gegeben hat“. Da hält ein Demonstrant jener Tage dagegen, dass „die Polizisten mit Moniereisen gegen die Atomkraftgegner hinter dem Bauzaun vorgegangen sind“.

Deutlich wird, dass die Fronten nach wie vor durchaus verhärtet sind, „unter anderem weil“, wie Dr. Dirk Götting herausstellt, „im Grunde bis heute keine wirkliche Aufarbeitung der Ereignisse von damals stattgefunden hat“.

Polizeipräsident Uwe Lührig versichert, dass seitens der Polizei inzwischen größter Wert auf die Ausbildung im Umgang mit Demonstranten gelegt werde. Eben daran habe es damals gefehlt. Seinerzeit seien Demonstranten „Störer“ gewesen, die verhindern wollten, was der Staat für rechtmäßig erachtet habe, heute seien sie – auch in den Augen der Polizei – „Menschen, die von ihrem Grundrecht Gebrauch machen“.

Aus seiner Sicht, fügt Landrat Tjark Bartels hinzu, habe der Staat damals „mit geradezu unglaublicher Arroganz gehandelt“. Zum Glück, lautete am Ende des Abends sein versöhnliches Fazit, sei inzwischen an die Stelle arroganter Machtausübung das Bemühen um den Dialog getreten. Moderator Karsten Holexa fasste das mit den Worten zusammen: „Wir müssen wachsam sein, da kann ein Dialog wie heute Abend nur helfen.“ Und Ralf Hermes fügte hinzu: „Ich bin froh über jedes Statement, das ich heute gehört habe, denn durch Reden lernt man sich besser kennen.“

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