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Nach Beschwerde: Klinik-Arzt nimmt seinen Hut – und kommt einer fristlosen Kündigung zuvor

Verbale Entgleisungen in der Notaufnahme

Bad Pyrmont (ube). In der Notaufnahme des Evangelischen Bathildiskrankenhauses in Bad Pyrmont soll es während der Behandlung eines Unfallopfers zu verbalen Entgleisungen eines Arztes gekommen sein. Der Mediziner kam einer fristlosen Kündigung zuvor, nahm am Dienstag seinen Hut. Der Mann (er hat Facharztausbildungen für Chirurgie und Allgemeinmedizin) arbeitet seit drei Jahren als Assistenzarzt im Bereich Chirurgie/Unfallchirurgie. Er soll einen verletzten Patienten beleidigt, genötigt und zudem Österreicher als „die letzten Trottel“ bezeichnet haben. Pikant: Der Mediziner soll selbst österreichischer Staatsbürger sein.

veröffentlicht am 31.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 16:21 Uhr

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Dem 19-jährigen Pyrmonter Peter Maximilian Pichler, der nach Versorgung seiner Platz- und Schürfwunden im Gesicht nicht stationär aufgenommen werden wollte, soll der Arzt angedroht haben: „Wenn du hier abhaust, lasse ich dich von der Polizei holen. Und wenn du dann noch mal versuchst abzuhauen wegen deinem Psychoscheiß, lasse ich dich in die Psychiatrie zwangseinweisen.“

Sabine Pichler, Mutter des Verletzten, und der 13-jährige Daniel W. wurden Zeugen der Äußerungen. Das Krankenhaus reagierte umgehend: Es schaltete einen auf Arbeitsrecht spezialisierten Rechtsanwalt ein und ließ von diesem arbeitsrechtliche Schritte vorbereiten. Der Arzt wurde derweil mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Er habe von sich aus sein Arbeitsverhältnis beendet, berichtet Anwalt Carsten Gorbatenko. „Es steht wohl außer Frage, dass es zu einem nicht hinnehmbaren Vorfall gekommen ist“, sagt der Jurist im Gespräch mit unserer Zeitung. Was genau gesagt wurde, habe sich allerdings nicht mehr aufklären lassen. Der Arzt habe gegenüber dem Krankenhaus allerdings sein Bedauern zum Ausdruck gebracht, hieß es. „Die Klinik hat den Vorfall, der zur sofortigen Trennung und Freistellung geführt hat, sehr ernst genommen“, versichert der Rechtsanwalt. Der Personalleitung des Krankenhauses sei bislang kein gleichartiges Fehlverhalten des Arztes bekannt geworden, sagt Gorbatenko.

Peter Pichler, Vater des Unfallopfers, ist empört. In einem Beschwerdebrief, der die Verwaltungsleitung der Klinik am Nachmittag des 28. August erreicht hat, machte der Österreicher seinem Unmut Luft: „Es ist unfassbar, dass eine Einrichtung wie die Ihre einen Arzt duldet, der einen derartigen Mangel an Eigenschaften aufweist und durch seine primitive Provokation Hilfesuchenden gegenüber gefährliche Spannungen heraufbeschwört.“ Seine Familie fühle sich verletzt und sei sehr betroffen.

Das Bathildiskrankenhaus reagierte umgehend. Noch am Tag des Briefeingangs meldete sich Alexandra Hary, in der Klinik zuständig für das Qualitäts- und Beschwerdemanagement, bei Peter Pichler. „Die Frau hat sich bei uns im Namen des Krankenhauses entschuldigt“, berichtet der 57-Jährige. Ebenfalls am Dienstag, 28. August, wurde der Arzt zu einem Personalgespräch einbestellt und ihm eine Eigenkündigung nahegelegt.

Angefangen hatte alles mit einem Verkehrsunfall, der am Abend des 24. August am Kaiserplatz passierte. Radfahrer Peter Maximilian Pichler wurde dort von einem Auto angefahren. Der junge Mann stürzte, fiel auf sein Gesicht. Der Fahrer flüchtete. Sabine Pichler begleitete ihren verletzten Sohn gegen 20 Uhr in die Notaufnahme. „Als der Doktor erfuhr, dass mein Mann Österreicher ist, machte er mehrere abfällige Bemerkungen über dessen Landsleute“, erzählt Sabine Pichler. Er habe unter anderem zu ihr gesagt: „Wenn Sie erst mal mit Ihrem Mann in Österreich leben, werden Sie ihn noch kennenlernen und sich erschrecken.“ Zunächst habe sie gedacht, der Arzt habe einen schlechten Scherz gemacht. „Aber da ist kein Lächeln über sein Gesicht gehuscht. Der hat das wirklich ernst gemeint“, erzählt Sabine Pichler.

Ihr Sohn habe nach diesen Beleidigungen nur noch nach Hause gewollt. „Du bist ein Trottel, ein Dummkopf, ja der letzte Idiot“ – diese Worte soll der Arzt dem Verletzten an den Kopf geworfen haben. „An diesem Punkt schritt ich ein und sagte: ,Jetzt reicht’s aber, das geht zu weit!‘“ Der Assistenzarzt sei daraufhin ganz dicht an sie herangetreten und habe ihr in einem bedrohlich klingenden Ton gesagt: „Ich sage, wann es reicht“, behauptet Sabine Pichler.

Unfallopfer Peter Maximilian Pichler musste vor anderthalb Jahren mit ansehen, wie sein älterer Bruder bei einem Bootsunfall in der Emmer ertrank. Er selbst entkam bei dem Versuch, ihn zu retten, nur knapp dem Tod. Auch seinerzeit wurde er in die Notaufnahme des Bathildiskrankenhauses eingeliefert. Der junge Mann leidet seit dem Unglück an einer posttraumatischen Belastungsstörung. „In dem Behandlungsraum waren plötzlich die schrecklichen Bilder von einst wieder da. Alles kam wieder hoch, erinnerte mich an den schlimmen Moment. Ich fühlte mich unwohl, wollte am liebsten fliehen“, erzählt Peter Maximilian Pichler. Diese Reaktion seines Sohnes habe der Doktor als „Psychoscheiß“ abgetan, ärgert sich Vater Peter Pichler. Zunächst hatte der Unternehmer vor, gegen den Arzt Strafantrag zu stellen. Davon will Peter Pichler nun absehen. „Die Klinik hat sofort reagiert. Das soll reichen“, meint er.

Vorgestern hat das Bathildiskrankenhaus Familie Pichler zu einem persönlichen Gespräch eingeladen.

Sabine Pichler und Sohn Peter Maximilian vor dem Bathildiskrankenhaus. In der Notaufnahme sollen die Hilfesuchenden von einem Arzt beleidigt und das Unfallopfer genötigt worden sein. Foto: uk



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