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Wie ich wieder einmal lernte, was in den Ferien wirklich zählt

Urlaub – die unperfekte große Liebe

Wahre Liebe ist bedingungslos und frei von Zwängen. Dasselbe gilt für den perfekten Urlaub. Dass beides so gut wie nie vorkommt, ist die Konsequenz daraus. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich hatte gerade Urlaub. Wie habe ich ihn herbeigesehnt, als er noch in weiter Ferne lag. Wie habe ich mich nach ihm verzehrt, als er in greifbare Nähe rückte. Und welch Verzückung, als er endlich bei mir war.

veröffentlicht am 03.08.2019 um 12:00 Uhr

Juni

Autor

Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Der erste Tag: Süßes Erwachen, Vogelgezwitscher, ein Himmel voller Geigen. Kein Druck, keine Hektik, keine Termine. Ein Leben nach dem Lustprinzip, frei und ohne Verpflichtung.

Es passte einfach perfekt mit uns beiden. Ich rastlos und er so friedlich. Ich erschöpft und er so unverbraucht. Und ich wusste, diesmal würde es anders laufen. Ich würde ihn so nehmen, wie er war; mich auf ihn einlassen, nichts fordern, noch weniger erwarten. Ob Sonne oder Regen – ich würde zu ihm stehen und jeden Augenblick genießen. Was sollte es auch zu meckern geben an einem so perfekten Urlaub?

Unter dem geigenschwangeren Himmel ging mir das Staubsaugen ganz leicht von der Hand. Das bisschen Haushalt, Sie wissen schon: Ein bisschen was war liegengeblieben in den letzten Monaten. Die Küche, das Bad, der Rasen; Die Küchenschränke (innen), die Badezimmer-Kachelfugen, die Rasenkante… Wahre Hingabe zeigt sich doch immer im Detail! Überhaupt: Ist Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, nicht auch schon aufgefallen, wie genau man plötzlich auf die weniger appetitlichen Kleinigkeiten achtet, wenn drum herum alles so wunderbar perfekt ist? Wofür soll ein perfekter Urlaub also gut sein, wenn nicht auch dafür, den nötigen Schwung für Dinge zu liefern, die sich nicht von selbst erledigen.

Nun, nach drei Tagen Haus- und Gartenarbeit war mein Urlaub natürlich immer noch so perfekt wie eine junge Liebe – wenn auch sein strahlender Glanz ein klein wenig verflogen war. Gerade genug, um ihn endlich als das zu sehen, was er in Wahrheit war: Eine Chance auf Ergebnisse. Denn sehen Sie, liebe Mitlesenden: Was nützen alle Perfektion und die Schmetterlinge im Bauch, wenn dabei am Ende nichts Greifbares herauskommt? Man will ja schließlich weiterkommen im Leben. Und wenn dafür etwas Arbeit nötig ist; ein feines Nachschleifen des ohnehin schon fast Vollkommenen, na, dann ist das eben so.

Ich machte also einen Plan, wie mein perfekter Urlaub noch ein kleines bisschen perfekter werden könnte. Oder besser: Womit er mich noch ein klein wenig glücklicher machen sollte. Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch: Ich WAR natürlich glücklich. Ungefähr 359 von 360 Grad glücklich. Viel mehr geht nicht, das war mir durchaus klar. Aber halt doch ein bisschen… Er, mein über alles geliebter Urlaub, würde mir Zeit verschaffen für ein paar Besuche bei Freunden und Verwandten, die ich viel zu lange nicht gesehen hatte. Er würde mir zauberhafte Momente in der Natur schenken. Den einen oder anderen entspannten Grillabend mit der Familie. Die Motivation für einige überfällige Renovierungsarbeiten sollte er ebenso liefern wie den Ruck, den ich für die Erledigung meiner überquellenden Ablage brauchte.

Als ich endlich mit meinen Küchenschränken, Badezimmerfugen und dem Putzen sämtlicher Fußleisten fertig war, waren Freunde und Familie verreist. Der erste Grillabend fiel ins Wasser, für den zweiten war es entschieden zu heiß. Ebenso wie für Malerarbeiten, ausgedehnte Wanderungen oder Denksportübungen der Sorte „Steuererklärung“. Frustriert bestellte ich eine Fototapete, die ich nicht brauchte, aß zu viele Dosenravioli, wanderte mehrere Tage hintereinander wenigstens bis zum nächsten Biergarten und litt anschließend unter Kopfschmerzen.

Perfekt geht eindeutig anders. Das vollkommene Glück, das ich mir ausgemalt hatte, die Wunder, der Zauber: Alles futsch. MEINE Schuld war das nicht! Ein paar Erwartungen wird man ja wohl noch haben dürfen. Ich hatte doch wirklich nicht zu viel verlangt von meinem Urlaub – und trotzdem schaffte er es, mich zu enttäuschen. Im Büro, ganz ohne ihn, wäre das so nicht passiert. An einem Urlaubssonntag war es soweit: Heimlich schlich ich mich in die Firma, setzte mich an meinen Schreibtisch, sortierte Mails und arbeitete ein paar Unterlagen durch. Vorm Fenster schien die Sonne. Die Vögel zwitscherten. Am Ende des Tages hatte ich einiges geschafft.

Glücklich war ich trotzdem nicht. Mein Urlaub fehlte mir; erst ein bisschen, dann ein bisschen mehr. Streng genommen konnte er ja nichts dafür, dass es zu heiß zum Grillen war. Auch den Regen im Biergarten hatte er nicht alleine zu verantworten. Dass ich ausgerechnet jetzt meine Steuererklärung machen wollte, war mein Plan gewesen und nicht seiner.

Die letzte Urlaubswoche wurde dann eine gute. Eine der besten, die ich je hatte. Mein Urlaub und ich arrangierten uns miteinander. Wir reparierten die Hälfte des Gartenzauns, kauften einen Teppich, anstatt den Fußboden abzuschleifen und tranken Radler statt Gin Tonic. Perfekt wurde es dadurch nicht, aber wer braucht schon perfekt, wenn etwas richtig gut ist?



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