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Von neuentdeckten Häusern und geschützten Eigentümern

„Und warum steht das unter Denkmalschutz?“

HAMELN. Was denn, DAS ist ein Denkmal? Bei einigen Häusern und Bauten können Laien nicht unbedingt ahnen oder erkennen, dass sie denkmalgeschützt sind. Schilder verraten nichts - aber eine Liste mit über 880 Häusern, Grabsteinen, Türmen, Säulen.

veröffentlicht am 23.06.2016 um 13:57 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 11:33 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Die Pavillons am Bürgergarten von Radio Aktiv sind es, das Haus, in dem das „Café am Ring“ und der „Wienerwald“ waren, nicht. Die alte Villa Sinram & Wendt, direkt an der B1, die seit über zehn Jahr leersteht, dagegen ist es. Und das Haus an der Deisterstraße 47, besser bekannt als „Scala“, auch. Zusammen mit ungefähr 889 weiteren Häusern und anderen Bauten sind sie vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalschutz (NLD) als Baudenkmale in Hameln gelistet. 73 DINA4-Seiten lang, teils inklusive knapper Erläuterungen, vereinzelt ohne. Ein Dokument, das spannende Einblicke in das Thema Denkmalschutz gibt und Gebäude listet, die Passanten nicht unbedingt als Denkmal wahrnehmen.

Allerdings spiegelt die Liste nicht die heutige Wirklichkeit wider. Erstellt wurde sie im Hauruck-Verfahren als „Schnellinventarisierung“ vor etwa 20 Jahren, wie Hamelns Denkmalpfleger Michael Voss erzählt. Seither sind wenige Gebäude hinzukommen, andere wurden gelöscht. Anders als in anderen Bundesländern ist in Niedersachsen der Eintrag als denkmalgeschütztes Gebäude nicht in Stein gemeißelt. Für einen Immobilien-Käufer bedeutet das: Im Zweifelsfall lieber bei der Stadt nachfragen, ob das Objekt unter Denkmalschutz steht oder nicht.

Äußerst selten – aber im vergangenen Jahr so geschehen – werden Häuser auch heute noch neu als Denkmal deklariert. In dem Fall, den Michael Voss schildert, waren Hinterhäuser in einem Hof versteckt, die für die Öffentlichkeit gar nicht sichtbar und von den einstigen Inventarisierern nicht aufgenommen worden waren. Der Eigentümer hatte das vordere Haus, das bereits unter Denkmalschutz stand, saniert und bei der Stadt angefragt, ob die hinteren nicht auch schützenswert seien. Nach einer Besichtigung war für Michael Voss klar: „Ja, das sind Denkmäler.“

Dass diese Einstufung einem Urteil gleichkommt, das einen zu hohen Investitionen verpflichtet, sei ein Vorurteil, sagt Voss. Als Eigentümer eines denkmalgeschützten Hauses sei man zwar verpflichtet, das Haus zu erhalten. Doch die Auflagen, die von der Unteren Denkmalschutzbehörde zum Beispiel bei Sanierungen gemacht würden, verlangten nicht automatisch den tiefen Griff ins Portemonnaie. Manchmal mache es gar keinen Unterschied, sagt Voss. Sein Anliegen, beispielsweise wenn ein neuer Anstrich notwendig wird, sei, dass es „dem Haus gut tut“. Dann könne er dieses oder jenes Anstrichmittel zur Auflage machen. Dieser koste dann aber nicht zwingend mehr als andere und schütze überdies das Haus viele Jahre.

Trotzdem kommt es vor, dass Auflagen aus dem Denkmalschutz die finanziellen Möglichkeiten eines Eigentümers zu sprengen drohen. Dann gelte es, Lösungen zu finden, die beiden Seiten gerecht werden. Vor diesem Hintergrund gibt es dann und wann Fördermittel, damit Eigentümer das Denkmal instand halten können. So läuft in Hameln seit 2015 das Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“, das mit 225 000 Euro über zwei Jahre ausgestattet ist. Auch gibt es Steuererleichterungen für den Eigentümer, der Ausgaben zum Erhalt des Denkmals tätigt. Ein Paragraf des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes bewahrt die Eigentümer vor finanziellem Ruin: „Erhaltungsmaßnahmen können nicht verlangt werden, soweit die Erhaltung den Verpflichteten wirtschaftlich unzumutbar belastet“, heißt es darin. Sich darauf zu berufen, ist allerdings so einfach nicht – die Unzumutbarkeit muss gutachterlich nachgewiesen werden.

Eine Möglichkeit, dass Häuser unter Denkmalschutz gestellt werden, ist, dass sich Bürger direkt mit ihren Vorschlägen an die Untere Denkmalschutzbehörde, hier bei der Stadt Hameln, wenden. Selten ist das der Fall, „einmal im Jahr“ komme solch eine Anfrage, überschlägt Voss. Dennoch „wäre eine Neuinventarisierung wäre sinnvoll“, findet Michael Voss. Letztlich seien die Listen ja auch immer vom Zeitgeist geprägt, so dass inzwischen Gebäude aus den 60ern, gar aus den 70er-Jahren in Frage kämen. Die gültige Liste für Hameln höre in den 50ern auf, die jüngsten Denkmäler seien die Pavillons am Bürgergarten aus den Jahren 1951/52, vermutet Voss.

Dass die Pavillons als Baudenkmäler eingestuft wurden, war damals schon nicht unumstritten. Und aus heutiger Sicht seien sie eigentlich keine mehr, meint mancher. Dafür hätte man sie streng genommen in ihrem Originalzustand lassen müssen – dann aber hätten sie nur museal und nicht anderweitig genutzt werden können.

Und „warum ist das eins?“ – diese Frage muss Voss nach eigener Einschätzung bis zu 20 Mal pro Jahr beantworten. Meistens sei das schnell erledigt. Gemäß dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz ist ein Gebäude dann schützenswert, wenn ein öffentliches Interesse an der Erhaltung besteht aufgrund der geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung. Vertreten wird „das öffentliche Interesse“ durch die Mitarbeiter beim Landesamt und die Untere Denkmalschutzbehörde, sprich, in Hameln durch Michael Voss. In der umfangreichen Liste der Denkmäler finden sich dann an den meisten Positionen kurze Notizen zu den Objekten.

Auf dem Papier sind Äußeres wie Inneres des Gebäudes denkmalgeschützt. Doch in der Wirklichkeit aus Stein existiert im Inneren heute oft so manches nicht mehr, was einst schützenswert gewesen wäre – weil die einstige Inventarisierung als sogenannte Schnellinventarisierung vorgenommen worden sei, erzählt Voss. So sei in den wenigsten Fällen das Gebäudeinnere in Augenschein genommen worden, sondern meistens nur die Fassade. Und auch nur, wenn die Häuser nicht Hinterhof standen …



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