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Einweihung der Gedenkstätte für 180 Insassen des Hamelner Zuchthauses für Spätsommer geplant

Unbeweint begraben

HAMELN. Ganz am Rande des Friedhofs Wehl, auf dem sogenannten „Verbrecherfeld“, wurden zwischen Dezember 1944 und Juni 1945 insgesamt 180 Hamelner Zuchthäusler begraben. Eine Gedenkstätte soll bald an die Menschen erinnern, die während Nazi-Herrschaft oftmals wegen nur kleiner Vergehen eingesperrt wurden. Unter den Gefangenen befanden sich zahlreiche sogenannte „Kriegstäter“ und ab 1943 Ausländer, darunter auch Widerstandskämpfer aus den Niederlanden.“

veröffentlicht am 06.02.2017 um 18:31 Uhr

Blick auf das Hameln in den frühen 1960er Jahren. Foto: Stadtarchiv
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Die Bestattungen auf dem Gräberfeld „C I“ waren „würdelos“, erläutert der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom, „die Körper wurden eher verscharrt denn bestattet, ohne Sarg, oft übereinander in einer Grube.“ Es waren die Körper von Menschen, die im Hamelner Zuchthaus oft aufgrund der unsäglichen Zustände starben: in überbelegten Zellen, monatelang hungernd, ohne Heizung, dazu kam eine katastrophale medizinische Versorgung. „Die Zustände waren KZ-ähnlich“, sagt Gelderblom. Von 1933 bis 1945 hatte das Zuchthaus rund 10 000 Insassen.

In der Nähe des Gebäudes, das heute ein Hotel ist, erinnert nur noch eine Gedenktafel an die Zuchthaustoten. Initiiert wurde sie von Bernhard Gelderblom. Es ist vor allem ihm zu verdanken, dass seit einigen Jahrzehnten eine Erinnerungskultur wächst, die die Opfer endlich in den Blick nimmt. Auch die Errichtung der Gedenkstätte für die Zuchthausopfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Friedhof Wehl gehört dazu.

Recherchiert hat der Historiker die komplexe Geschichte des Hamelner Gefängnisses im Rahmen eines von der EU geförderten Projektes bereits vor vielen Jahren, 2004 stellte er seine Ergebnisse vor.

Svenja Broska 2014 mit ihrem Modell eines Denkmals für die in den Jahren 1944 und 1945 im Hamelner Zuchthaus verstorbenen und auf dem Friedhof Am Wehl verscharrten Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Archiv/wft
  • Svenja Broska 2014 mit ihrem Modell eines Denkmals für die in den Jahren 1944 und 1945 im Hamelner Zuchthaus verstorbenen und auf dem Friedhof Am Wehl verscharrten Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Archiv/wft

Zu den Plänen für die Gedenkstätte, die er den Politikern jüngst im Umweltausschuss vorstellte, gehören ein Denkmal am östlichen Rand, 180 Namenstafeln auf dem Gräberfeld und vier Infotafeln am Weg. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 51000 Euro. 18 500 Euro, so hofft man, werde das Innenministerium in Hannover für die Neugestaltung des Gräberfeldes übernehmen, wie eine Sprecherin der Stadt erklärt.

Bereits im Jahr 2013 haben sich Schüler des Albert-Einstein-Gymnasiums der Aufgabe gestellt, das Gräberfeld künstlerisch zu gestalten, um es zu einem Gedenkort zu machen. Und schon 2005 waren Schüler der Schule bei der Installation von sechs Geschichts- und Erinnerungstafeln des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge eingebunden, darunter auch am Feld C I des Friedhofs. Im Rahmen eines internationalen Jugend-Workcamps des Volksbundes haben Jugendliche im Jahr 2006 außerdem auf Initiative von Bernhard Gelderblom das Feld C I als Rasenfläche wiederhergestellt.

Zurück zur Geschichte: Von 1939 bis 1945 starben im Zuchthaus Hameln 313 Männer. Besonders dramatisch war die Zahl der Toten von 1944 bis April 1945, weshalb das Gräberfeld C I damals eingerichtet wurde, und zwar direkt neben einem Gräberfeld, auf dem von den Briten hingerichtete und im Zuchthaus gehängte Kriegsverbrecher beerdigt waren. Opfer und Täter legte man also nebeneinander. Noch bis Mitte Juni, also lange nach Kriegsende, wurde dort bestattet.

Danach überließ man die Fläche weitgehend sich selbst, Grabsteine gab es kaum.

1974 wird das „Verbrecherfeld“ durch die Stadt wegen Ablaufs der Ruhezeit eingeebnet. Der rechtliche Status als Kriegsgräberfeld bleibt unbeachtet. Das Nachbarfeld hingegen übergibt die Stadt einer rechtsradikal unterwanderten „Bürgerinitiative“ zur Pflege. Erst als Verbindungen zur NPD und zu Neo-Nazis öffentlich werden und es deshalb 1985 und 1986 zu Demonstrationen und Gegendemonstrationen sowie nachfolgenden Negativ-Schlagzeilen in der überregionalen Presse kommt, lässt die Stadt das Gräberfeld C III im März 1986 ebenfalls einebnen.

Auch die späte Anerkennung des am Rande gelegenen Verbrecherfeldes als Kriegsgräberfeld durch das Land Niedersachsen geht auf die Initiative von Bernhard Gelderblom zurück. Seitdem fließen jährlich gut 3000 Euro für Pflegemaßnahmen in die Stadtkasse. Der Historiker konnte seit 2006 zahlreiche Menschen, vor allem aus den Beneluxländern, dorthin führen, wo ihre Angehörigen begraben wurden.

Die Gedenkstätte soll voraussichtlich im September eingeweiht werden, der genaue Termin steht noch nicht fest.



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