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Schädeltrauma und Rippenbruch: Jugendliche attackieren Fahrer und zwei zu Hilfe eilende Hamelner

„Tumult im Bus“ – drei Menschen verletzt

Hameln. Was vor wenigen Wochen am Zentralen Omnibusbahnhof an der Papenstraße und am Hamelner Bahnhof passiert ist, hat sich tief eingebrannt in sein Gedächtnis. Und es hat alte Wunden aufgerissen. Nachts spuken jetzt wieder längst vergessen geglaubte Bilder des Schreckens in seinem Kopf herum. Dann wacht Heiko Wessel (41) schweißgebadet auf. Der ehemalige Bundeswehrsoldat ist Busfahrer bei den Öffis. Als Zeitsoldat war er während des Bürgerkrieges in Somalia im UN-Einsatz. Wessel hat in Afrika „grausame Dinge“ gesehen. Deshalb leidet der Veteran an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Gewalttaten, die sich am 19. und 20. Januar in seinem Linienbus ereignet haben, wirken so stark nach, dass Wessel wieder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen muss.

veröffentlicht am 13.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 20:21 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Drei Menschen sind an diesen beiden Tagen teils schwer verletzt worden. Heiko Wessel erlitt durch massive Schläge gegen seinen Kopf ein Schädeltrauma; seine Unterlippe war aufgeplatzt, sein Nasenbein angebrochen, eine Schulter ausgerenkt. Derjenige, der ihn so zugerichtet haben soll, ist erst 15 Jahre alt. Es war wohl ein Racheakt. Am Tag zuvor hatte Wessel einen 14-jährigen Fahrgast zur Ruhe ermahnt. Der Minderjährige soll immer wieder mit der Faust gegen eine Scheibe geschlagen haben, angeblich, um sich von anderen Jugendlichen, die am ZOB standen, zu verabschieden. Was dann passierte, haben Augenzeugen als „Tumult im Bus“ bezeichnet. Der Aufforderung, den Bus zu verlassen, sei der Randalierer nicht nachgekommen, berichtet Polizeioberkommissar Jörn Schedlitzki auf Anfrage der Dewezet. Stattdessen habe der 14-Jährige den Fahrer beleidigt, ihn einen „Hurensohn“ und „Idiot“ genannt. Als Wessel einen Notruf absetzen wollte, sei er von dem Täter heftig am Kragen gepackt und zurückgerissen worden. Mit dem Hinterkopf sei er gegen eine Haltestange geprallt, sagt Wessel. Zwei couragierte Fahrgäste (50, 56) eilten dem Bedrängten zu Hilfe. Dann habe sich ein 15-jähriger Freund des Jungen eingemischt. „Er ist durch die geöffnete Hecktür gekommen und hat ebenfalls den Busfahrer und dessen Helfer attackiert“, sagt Schedlitzki. Die Täter waren rabiat: Ein Hamelner wurde durch Fußtritte verletzt. Der 56-Jährige stürzte gegen eine Haltestange und brach sich eine Rippe. Der Mann habe verdreht auf den Stufen des Ausstiegs gelegen, heißt es. Ein anderer Fahrgast (50) verletzte sich an Hand und Knie, als er den 15-Jährigen aus dem Bus drängte. Auch zwei Frauen (beide 58 aus Hameln) mischten sich couragiert ein: „Sie haben verbal auf die Situation aufmerksam gemacht“, lobt Polizist Schedlitzki ihr Eingreifen.

Busfahrer Wessel sagt, er habe keine Angst um sich selbst, wohl aber um seine Fahrgäste gehabt. Das für Jugendsachen zuständige Fachkommissariat 6 hat erst gestern den letzten Zeugen vernommen. Die Personalien der beiden 14 und 15 Jahre alten Tatverdächtigen stehen fest. Noch in dieser Woche will Sachbearbeiter Klaus-Eckhard Dirnberger den Vorgang an die Staatsanwaltschaft Hannover abgeben. Die Jugendlichen hätten sich „völlig danebenbenommen“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Seit 15 Jahren ist Dirnberger Jugendsachbearbeiter – einen ähnlich gelagerten Fall hat er noch niemals zuvor auf den Tisch bekommen.

Fahrgäste, die Zeugen der Tat geworden sind, sprechen von einem Klima der Angst, das während der Attacken gegen Fahrer und Helfer im Bus geherrscht habe. Sie fürchteten sich vor den gewalttätigen, schreienden und pöbelnden Jugendlichen, waren heilfroh, als die Randalierer endlich draußen waren. Laut Polizei traten die jungen Leute dann noch gegen die hintere doppelflügelige Automatiktür – diese wurde dadurch so stark beschädigt, dass für die Fahrgäste ein Ersatzbus bestellt werden musste.

Der Albtraum war für Busfahrer Wessel aber noch nicht zu Ende: Am nächsten Tag habe ihm der 15-Jährige am Bahnhof aufgelauert. Mehrfach habe der Jugendliche ohne Vorwarnung mit Fäusten auf den Busfahrer eingeschlagen, sagt die Polizei. „Das war für gestern“, soll der Gewalttäter gerufen haben. Das Opfer blutete aus Nase und Unterlippe, hatte Schmerzen. Heiko Wessel musste abgelöst werden. Der Fahrdienstleiter der KVG brachte ihn ins Krankenhaus nach Gronau, wo unter anderem ein Bruch des Nasenbeins und eine Schulterverletzung diagnostiziert wurden. Polizisten auf Streife sahen den 15-Jährigen flüchten. Eine Fahndung wurde ausgelöst. An der Zentralstraße sei der tatverdächtige Jugendliche vorläufig festgenommen worden, sagt Schedlitzki. Den Ermittlern des unter anderem für Jugendstrafsachen zuständigen Fachkommissariats 6 gelang es erst viel später, auch den ebenfalls gesuchten 14-Jährigen zu identifizieren. Der Schulschwänzer sei „schwer greifbar“ gewesen, heißt es. Gegen die Jugendlichen wird wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung ermittelt.

Im Dunklen bleibt, wie oft heimische Omnibusfahrer von Fahrgästen attackiert und verletzt werden. Öffi-Chef Carsten Busse wollte diese Frage der Dewezet nicht beantworten.

Heiko Wessel fährt wieder Bus. Zwei Wochen war er krank geschrieben. Sein Arzt hat es ihm überlassen, wann er wieder zur Arbeit geht. „Ich hätte weiter im Krankenstand bleiben können, wollte das aber nicht“, sagt der Salzhemmendorfer. Daheim sei ihm die Decke auf den Kopf gefallen.

Wessel hofft, dass er das Geschehene mit psychologischer Hilfe rasch verarbeiten kann. Der Ex-Soldat wünscht sich nichts sehnlicher, als dass „die Zeit der schlechten Träume“ bald vorüber ist.

Busfahrer Heiko Wessel versteht nicht, warum die Jugendlichen so aggressiv waren. Durch massive Schläge gegen seinen Kopf erlitt der 41-Jährige ein Schädeltrauma. Seine Unterlippe war aufgeplatzt, sein Nasenbein angebrochen, eine Schulter ausgerenkt. Foto: Dana



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