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Tünderns Mittelpunkt liegt am „Klagespump“ / Karl-Friedrich Meyer kennt die Geschichte dahinter

Tünderns Mittelpunkt: Abseits des einstigen „Stinkedorfs“

TÜNDERN. Im Mittelpunkt zu stehen, genießen die einen und hassen die anderen. „Die Mitte“ findet sich in Politik, Mathematik und Geografie. Und weil sie eine so zentrale Rolle spielt, widmen auch wir uns der Mitte, genauer: den Mittelpunkten Hamelns. Wo sind sie, was ist dort – Wohnzimmer oder Acker, was haben die Menschen, die mit ihm zu tun haben, zu erzählen? Zusammen mit dem Katasteramt Hameln haben wir uns auf die Suche begeben. Heute: Tündern.

veröffentlicht am 14.06.2018 um 13:12 Uhr
aktualisiert am 14.06.2018 um 14:20 Uhr

Karl-Friedrich Meyer zeigt, auf welcher Fläche sich der Tündernsche Mittelpunkt befindet. Die Koordinaten dazu sind N 52 04.338 E 009 23.100 Foto: NT
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Vorbei an der Jugendanstalt und den Kiesteichen geht es kurz vor den ersten Häusern des Ortes links ab von der K12 zum Tündernschen Mittelpunkt. Karl-Friedrich Meyer, alteingesessener Landwirt am Platz, ist in seiner Funktion als Vorsitzender der „Teilungs- und Verkopplungsinteressenschaft Tündern“ mit verantwortlich für die Fläche, auf der sich der Punkt befindet. Die Interessentenschaft trägt auch die Bezeichnung „Realgemeinde“ und hat eine lange Geschichte hinter sich.

Im Online-Nachschlagewerk Wikipedia heißt es dazu: Sie „haben das moderne Kommunalrecht überlebt und sind Grundgenossenschaften mit nach Grundbesitz gestuftem Stimmrecht ihrer Mitglieder oder als Körperschaft des öffentlichen Rechts organisiert (Realkörperschaft). Ihnen gehörten damals die gemeinsam genutzten Grundstücke (Dorfteich, Gänseanger, Waldhutungen)“. Jener Realgemeinde in Tündern gehört das Stückchen Land, auf dem sich der Mittelpunkt befindet, den das Katasteramt für diese Dewezet-Serie berechnet hat.

Insgesamt besitzt die Realgemeinde Tündern im Gesamtgebiet 865 Hektar Land. Mitglieder sind nicht nur die Landwirte vor Ort, sondern jeder Grundeigentümer des Dorfes. Dazu zählen also Wiesen, ein paar Ackerflächen, private Grundstücke, Wege, Gräben. Auf der Fläche, die den Mittelpunkt beheimatet, wachsen Büsche, hüfthohes Gras, Brennnesseln, darunter nasser Boden. Meyer kennt den Namen des Stückchens Land: „Klagespump“. Dorthin, erzählt Meyer, wurde früher ein Teil der Abwässer aus Tündern durch Gräben geleitet, damit es fernab der Höfe und Häuser versickert. Er selbst kann sich noch gut an die Zeit vor 1964 erinnern, als die Haushalte des Ortes noch nicht an die Kanalisation angeschlossen waren.

Im Norden Tünderns befindet sich der Mittelpunkt der Gemarkung, den das Katasteramt Hameln berechnet hat.
  • Im Norden Tünderns befindet sich der Mittelpunkt der Gemarkung, den das Katasteramt Hameln berechnet hat.

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„Stinkedorf“ sei Tündern genannt worden, weil es nämlich ein Problem habe: „Tündernist flach.“ Von allein läuft da nicht viel von hier nach dort, sondern bleibt, wo es war, wenn nicht nachgespült wurde. Aus dem Fundus der Tündernschen Anekdoten gibt es auch diese zur einstigen Abwasserbeseitigung: Während der Großteil der Bevölkerung noch fast ein halbes Jahrhundert auf ein komfortables WC warten musste, um nicht mehr aufs Plumpsklo oder in den Stall zu gehen zu müssen, habe es einen Hof gegeben, der bereits 1911 über eines verfügt habe. „Das erste Wasserspülklosett in Tündern“ sei laut Meyer entstanden, weil eine Frau, die offenbar wusste, was sie wollte, das Vorhandensein eines WCs zur Bedingung gemacht habe, bevor sie zu ihrem Versprochenen auf dessen Hof zöge. „Ich komme erst, wenn ein Wasserspülklosett da ist“, soll sie gesagt haben. 1964 dann, als die Kanalisation dann ausgebaut wurde, hätten „die Männer alle geschimpft“, erzählt Karl-Friedrich Meyer, „weil sie jetzt alle Badezimmer bauen mussten. Was das kostet…!“

Ein Zeitsprung zurück ins Jahr 1875 – WCs waren noch lange nicht in Sicht –, ein entscheidendes Jahr für Tündern und seine Bauern. Die bis dahin geltenden gemeinschaftlichen Weiderechte wurden aufgelöst, und die neue Verkoppelung der Gemeinde Tündern gerichtlich beschlossen. Aus diesem Jahr stammt der sogenannte Rezess – ein Vergleich im großen Stil zwischen sämtlichen Landeigentümern, in dem exakt festgehalten wurde, wie groß welcher Hof ist, wer viel Grund wo erhält und wer wo welches Land abgibt. Damals wurde auch das Feldwegenetz neu eingeteilt und mit Abflussgräben versehen und die Wege befestigt. „Der vorliegende Plan für die Verkoppelung der bäuerlichen Gemeinde Tündern ist heute noch verbindliches Recht für die Realgemeinde Tündern“, heißt es in dem Vorwort zur Abschrift des Rezesses, die die Realgemeinde anlässlich ihres 150-jährigen Bestehens hatte anfertigen lassen – ein spannendes Stück Geschichte auf 107 Seiten, das in monatelanger Arbeit von dem Wehrberger Adolf Krüger vom Sütterlin, das nur noch wenige entziffern können, in die lateinische Schrift übertragen wurde.

Während sich in anderen Ecken des Landkreises viele Realverbände und -gemeinden mit der Gebietsreform 1972 aufgelöst haben, gibt es in Hameln noch 12, wie Meyer erzählt. „Wenn die Kommune mal kein Geld mehr hat, …“, stand damals als Überlegung im Vordergrund – dann kümmern sich nämlich die Realgemeinden um die Instandhaltung der Wege, deren Neubau (wie in Tündern entlang der Weser) und halten die Gräben frei. Und so ist es in Tündern bis heute. Die Vorgänger hätten gut daran getan, diese Struktur zu behalten, meint Meyer, jetzt, da in vielen Kommunen das Geld wirklich knapp ist.

5000 bis 10 000 Euro gibt die Realgemeinde laut ihrem Vorsitzenden jährlich für ihre Aufgaben aus. Erträge fährt sie ein durch die Jagdpacht, die sie für ihre Flächen erhält, oder wenn Grundstücke oder Wege verkauft werden, wie beispielsweise an Cemex zur weiteren Auskiesung. Verkäufe bedürfen der Zustimmung der Mitglieder, von denen immer etwa 15 bis 20 bei den Mitgliederversammlungen sind, die einfache Mehrheit reicht. Während sich in Tündern also die Realgemeinde um Aufgaben kümmert, die auch für die übrige Bevölkerung von Interesse ist, denken andere Gemeinden wie beispielsweise der Flecken Coppenbrügge darüber nach, ihre ruhenden Realverbände wieder aufleben zu lassen, um nicht selbst die teils hohen Kosten für die Sanierung von Wirtschaftswegen tragen zu müssen.

14 Ortsteile, 14 Mittelpunkte

 

„Die Mitte“ findet sich in Politik, Mathematik und Geografie. Und weil sie eine so zentrale Rolle spielt, widmen auch wir uns der Mitte, genauer: den Mittelpunkten Hamelns, gemessen an den Gemarkungsgrenzen. Wo sind sie, was ist dort – Wohnzimmer oder Acker? Zusammen mit dem Katasteramt Hameln haben wir uns auf die Suche begeben.







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