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An eine Zukunft der alten Eisenbahnbrücke glaubt niemand mehr so recht – an ihr schnelles Ende aber auch nicht

Trübe Aussichten für einen rostigen Blickfang

Hameln. Manchmal sagt eine spontane Reaktion mehr als offizielle Verlautbarungen: „Die Klütbrücke?“, entgegnet eine Bahn-Mitarbeiterin in Hannover, angesprochen auf Hamelns alte Eisenbahnbrücke, „ist die nicht schon abgerissen?“ Nein, sie steht noch. Das vor 115 Jahren eingeweihte Bauwerk wird allerdings derzeit gleich von mehreren Seiten fast so behandelt, als wäre sie gar nicht mehr da. Ausgereifte Zukunftsvisionen oder auch nur konkrete Abrisspläne? Fehlanzeige.

veröffentlicht am 13.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.05.2017 um 15:11 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Einst war die Weserquere Teil eines hochambitionierten Projektes: Vom Ostufer aus wurde Ende des 19. Jahrhunderts die rund 350 Meter lange Verbindung zum Klüt geschaffen. An die Stahlbogenbrücke über den Fluss schlossen sich eine Brücke über die Pyrmonter Straße und ein über 300 Meter langer Tunnel an. Den Tunnel wissen heute nur noch Fledermäuse zu schätzen. Züge fuhren 1980 zum letzten Mal über die Brücke. Der Abschnitt über der Pyrmonter Straße wurde im Dezember 2003 demontiert, nachdem Metallteile auf die Fahrbahn gefallen waren. Vor drei Jahren wurde auch der letzte Rest des – damals längst gesperrten – Fuß- und Radwegs über die Weser demontiert. Von einem endgültigen Abriss der Brücke war immer wieder die Rede, konkret wurde er nie.

Zu Beginn des Jahrtausends machte sich sogar eine Bürgerinitiative für die Rettung der Brücke stark. Doch inzwischen scheint die einzige Perspektive für die Brücke der kontrollierte Verfall zu sein. Da wäre zum einen die Eigentümerin des Bauwerks, die Bahn. Sie kümmert sich plichtgemäß um die Sicherheit der Brücke. Einmal im Jahr rücken die Inspekteure an. Pläne darüber hinaus existieren nicht, wie Sabine Brunkhorst, Bahn-Sprecherin in Hamburg, erklärt. Der jetzige Zustand könnte noch lange anhalten. „Schließlich ist die Brücke keinen Belastungen ausgesetzt.“ Vor zehn Jahren hatte ein Ingenieur von einem „überraschend guten“ Zustand des Bauwerks gesprochen und ihm noch jahrzehntelange Haltbarkeit prophezeit. Ein Abriss, so Brunkhorst, sei zudem gar nicht so leicht zu bewerkstelligen, schließlich liefen Versorgungsleitungen über der Brücke. Die Stadtwerke haben ihre Leitungen allerdings schon vor Jahren gekappt. Was nun noch an Leitungen übrig ist, vermag die Bahn-Sprecherin nicht zu sagen.

Die Stadt indes fühlt sich für Hamelns rostigstes Wahrzeichen nicht zuständig. Die Bahn kümmere sich um das Bauwerk, die Bundeswasserstraßenverwaltung um den Schifffahrtsweg – fertig. „Im Grunde haben wir mit der Brücke nichts zu tun“, sagt Anja Sprich aus der Stabsstelle der Oberbürgermeisterin. Aktuell sei die alte Weserquere „kein Thema“ im Rathaus.

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  • Rostiger Schandfleck oder historisches Bauwerk mit Potenzial? An der alten Eisenbahnbrücke scheiden sich immer wieder die Geister.Foto: Dana
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  • Rostiger Schandfleck oder historisches Bauwerk mit Potenzial? An der alten Eisenbahnbrücke scheiden sich immer wieder die Geister.Foto: Dana

Vor einigen Jahren hingegen wurde hitzig über Brückenvisionen diskutiert: Die naheliegende: eine Nutzung als Fußgänger und Radfahrerbrücke. Die kühnste: ein gastronomischer Betrieb in Eisenbahnwaggons über dem Wasser. Diese Vision wird jetzt umgesetzt – in Bodenwerder. In Hameln blieb es bei Utopien. Heute spielt die Brücke sogar dann, wenn eine Belebung des Weserufers gefordert wird, in der Debatte kaum noch eine Rolle. „Ideen hätte ich viele, aber es scheitert am nötigen Kleingeld“, sagt Ursula Wehrmann, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Hamelner Rat. „Schade“ fände sie es dennoch, wenn die Brücke verschwände. „Schließlich gehört sie zum Bild der Stadt.“ Wehrmanns Kollege in der Mehrheitsgruppe, Claudio Griese (CDU), findet Wünsche, die Brücke zu erhalten, „menschlich nachvollziehbar, aber kaum finanzierbar“. Drängendes Thema ist die betagte Weserquere in der Politik offenbar nirgends.

Würde die Brücke abgerissen, wie etwa FDP-Fraktionschef Hans Wilhelm Güsgen von der Bahn fordert, blieben ohnehin zwei Andenken wohl langfristig in der Weser zurück: die massiven Brückenpfeiler. „Wenn Geld dafür übrig ist, könnte man einen leichten Steg für einen Fuß- und Radweg darüber legen“, regt Güsgen an, der die Brücke als „Schandfleck“ betrachtet.

Mancher setzt nun auf den steigenden Schrottpreis. Eines Tages, so die Rechnung, könnte der Materialwert der Brücke so hoch sein, dass sich die Demontage für die Bahn sogar rentieren würde. Darauf hofft auch Elke Meyer von der SPD: „Ich persönlich hätte nichts gegen einen Abriss.“ Doch die Hoffnung ist vage: In den letzten Monaten ist der Schrottpreis leicht gefallen.

Im Dezember 2003 wurde der Brückenabschnitt über der Pyrmonter Straße aus Sicherheitsgründen demontiert (li.), die Stahlkonstruktion über der Weser blieb.Fotos: Archiv/Dana

Die alte Eisenbahnbrücke ist nicht zu übersehen. Und doch liegt auch sie seit Jahren im toten Winkel der Stadtentwicklung. Mit Ideen für das historische Bauwerk traut sich in Zeiten des Sparzwangs kaum noch jemand an die Öffentlichkeit.



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