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Quedlinburgs Bürgermeister Brecht: „Als Flächendenkmal sind wir finanziell hoffnungslos überfordert“

Trotz knappen Geldes zur Perle geworden

Quedlinburg/Hameln. Die Parkplätze unterhalb des Schlossbergs sind gut gefüllt. Quedlinburg, die Fachwerkstadt am Nordrand des Harzes und Partner Hamelns, ist für Touristen ein echter Anziehungspunkt geworden. Viel dazu beigetragen hat, dass der zu Zeiten der DDR vom Verfall bedrohte Ort seit 1994 zum Weltkulturerbe zählt und damit auch international punktet. Rund 21 000 Einwohner hat Quedlinburg im Jahr 2010 – 1990, im Jahr der deutschen Einheit, lebten hier noch 29 500 Menschen. Das ehemalige Zentrum deutscher Samenzucht wird demnächst zumindest auf dem Papier wieder wachsen: Aufgrund einer Gemeindegebietsreform werden die Orte Gernrode, Rieder und Bad Suderode mit insgesamt 7000 Einwohnern Quedlinburg zugeschlagen. „Wir wären lieber mit einer anderen, wirtschaftlich stärkeren Stadt zusammengelegt worden“, erklärt Quedlinburgs Bürgermeister Eberhard Brecht (SPD), der das Amt seit dem Jahr 2001 bekleidet, „aber wir waren offenbar als Braut nicht attraktiv genug.“

veröffentlicht am 29.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 18:21 Uhr

Schmuck zeigt sich das städtebauliche Ensemble des Marktplatzes

Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Brecht, der 1990 bei den ersten freien Wahlen in der DDR in die Volkskammer gewählt und später Bundestagsabgeordneter wurde, hoffte schon 1990 auf eine Sanierung der Stadt mithilfe des Bundes. „Diese Erwartung hat sich weitgehend erfüllt“, erklärt er. „Viele Menschen in Quedlinburg erfüllt heute ein Gefühl der Dankbarkeit, dass die Stadt nicht, wie von den DDR-Oberen geplant, dem Abriss preisgegeben wurde.“ Schon das von Brecht mitgegründete Neue Forum habe 1989 gefordert: „Stoppt den Abriss!“ Die historischen Häuser mit abwechslungsreichen Fachwerkkonstruktionen wirkten in der DDR-Zeit grau und ungemütlich. Heute ist das ganz anders, denn das Stadtbild hat sich entscheidend verändert. Es sei „beschwingt und adrett“, bescheinigt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz; sie unterstützt die Welterbestadt massiv bei der Restaurierung. Waren früher ganze Straßenzüge verfallen, stechen heute umso stärker die noch verwahrlosten Häuser auf. Eberhard Brecht bestätigt: „Wir haben erst rund 55 Prozent der Häuser saniert. Für mehr fehlt uns das Geld. Als Flächendenkmal sind wir finanziell hoffnungslos überfordert.“

Problematisch seien zu Beginn vor allem die Eigentumsverhältnisse gewesen, sagt der Bürgermeister. „Es gab in Quedlinburg mehr Eigentumsansprüche als Häuser.“ Das aufzulösen, sei für den Landkreis und das bei ihm angesiedelte Amt für Entschädigungsfragen eine sehr schwierige Aufgabe gewesen. Während zu Zeiten der DDR die Menschen in die Plattenbauten gezogen und nur kleine Gruppen für den Erhalt der Altstadt gewesen seien, habe danach zumindest in Teilen der Bevölkerung ein Umdenken begonnen. Dass die Denkmalschützer mitunter strenge Auflagen erteilt hätten, sei im Prozess der Sanierung milder geworden. Brecht: „Nicht jede Fachwerkscheune in einem Hinterhof muss erhalten werden, wenn sie den Bewohnern des Haupthauses das Licht nimmt, für Kinder keine Spielflächen vorhanden sind oder es keine Stellplätze für die Autos gibt. Da müssen wir Kompromisse finden.“ Aber Auflagen bedeuteten „Erhalt und Bewahrung“. Und wenn ein Haus zu retten sei, „dann muss das unbedingt geschehen“. Das werde sehr genau kontrolliert. Dass Quedlinburg seit mehr als 15 Jahren zum Weltkulturerbe gehört, bedeute aber nicht, dass die Stadt einen Disney-Charakter habe und sich am Stadtbild nichts ändern dürfe. „Moderne Architektur muss in der Stadtentwicklung möglich sein, auch wenn sie sich den vorhandenen Ensembles alter Häuser anpassen sollte.“

In der schwierigen Zeit des Neuaufbaus einer Verwaltung nach westlichen Maßstäben halfen vor allem die Partnerstädte Hameln, Herford, Celle und Hannoversch Münden mit Rat und Tat. Herford und Celle sind noch heute mit je einem Prozent an den Quedlinburger Stadtwerken beteiligt, was den Wissenstransfer erleichtert. Und Werner Friebe, damals im Hamelner Rathaus Leiter des Tiefbauamtes, hatte einen zweiten Schreibtisch am Harzrand und beteiligte sich, in diesem Bereich neue Strukturen aufzubauen.

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Doch auch diese Strukturen helfen der Stadt nicht über ihre finanziellen Probleme hinweg. 40 Millionen Euro an Verbindlichkeiten hat Quedlinburg angesammelt – und Besserung ist nicht in Sicht, obwohl Brecht, seit er Bürgermeister ist, jährlich vier bis fünf Prozent des Personals der Stadtverwaltung abgebaut hat. „Was uns fehlt, sind starke Gewerbesteuerzahler“, sagt er. „Der Tourismus beschert uns zwar mittlerweile pro Jahr 1,5 Millionen Tagesgäste und 180 000 Übernachtungen – 1990 waren es nur 2000 –, aber das bringt uns kaum steuerliche Einnahmen. Denn die Hoteliers sind aufgrund ihrer Investitionen der vergangenen Jahre im Grunde alle Schuldner bei ihren Banken und machen keine steuerlich relevanten Gewinne.“ Deshalb fehlten der Stadt bereits seit 1995 die für die Finanzierung von förderfähigen Vorhaben notwendigen Eigenmittel. „Wir können jetzt schon absehen, dass wir in die Auslaufphase der Sanierung kommen.“

Ein letztes 10-MillionenProjekt wird derzeit zu 90 Prozent aus Mitteln für die Welterbestädte finanziert. Das Geld für dieses Programm stammt noch aus der Zeit des ehemaligen Bauministers Tiefensee. „Wir sichern den abrutschenden Schlossberg mit Stützmauern, haben für einen geregelten Abfluss der Oberflächenwässer gesorgt und die Löschwasserversorgung für den Schlossberg hergestellt.“ Die Baustelle lasse sich noch oberhalb des Feininger-Museums besichtigen, wo derzeit die Straße wieder mit den alten Steinen gepflastert werde. Außerdem werde das auf dem Schlossberg schlecht archivierte historische Schriftgut in einen neu einzurichtenden Magazinbau umgelagert.

Kein Zweifel besteht darin, auch wenn in Quedlinburg das Geld knapp war und ist: Die Fachwerkstadt am Harzrand hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einer wahren Perle entwickelt.



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