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„Reichsbürger“ belästigen Dewezet-Leser und Behördenmitarbeiter mit Propaganda

Trojaner in der Zeitung

HAMELN. Die Lektüre der Dewezet ist für Dagmar Schmidt ein liebgewonnenes morgendliches Ritual. Doch als die Hilligsfelderin vor einigen Tagen ein Werbeblatt, das der Zeitung beilag, näher betrachtete, schmeckte ihr der Kaffee nicht mehr. Krude Thesen zum Weiterleben des Deutschen Reiches und Nichtexistenz des bundesdeutschen Staates verdarben ihr das Frühstück.

veröffentlicht am 07.02.2017 um 14:33 Uhr
aktualisiert am 07.02.2017 um 16:00 Uhr

Auch über selbst ausgestellte Reisepässe verfügen die Reichsbürger. Foto: dpa
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

„Verbreitet die Dewezet etwa gegen Geld solchen Unsinn?“, fragte sich Dagmar Schmidt. „Selbstverständlich nicht!“, versichert Verlegerin und Chefredakteurin Julia Niemeyer. „Solche Beilagenaufträge würden wir sofort ablehnen.“

Schmidt, weitere Zeitungsleser und viele andere Menschen in der Region sind Ziel einer Propagandaoffensive sogenannter Reichsbürger geworden. Es handelt sich um eine Organisation, die nicht nur wirre Behautungen verbreitet, sondern deren Mitglieder teils auch vor Gewalt gegen Behördenmitarbeitern nicht zurückschrecken – bis hin zum Mord. Gestern gab es wieder in mehreren Bundesländern Razzien in Gebäuden solcher Verdächtiger. Im Hamelner Raum tauchen seit Monaten Flugblätter von Reichsbürgern auf. Mal werden sie mit der Post gezielt zugestellt, mal direkt in den Briefkasten gesteckt, mal kommen sie wie in einem Trojanischen Pferd per Zeitung ins Haus. Offensichtlich sind jüngst in Hilligsfeld, Hastenbeck, Afferde und Emmerthal Frühaufsteher unterwegs gewesen, die die druckfrische Dewezet aus den Haltern nahmen und mit Pamphleten bestückten. Bei der Dewezet liegen vier Beschwerden vor, bei der Polizei fünf, wahrscheinlich aber gibt es viel mehr Betroffene. Die meisten haben sich wohl nicht lange mit den eng bedruckten Blättern aufgehalten und sie im Altpapier entsorgt. Dass Zeitungszusteller ihre Position ausnutzen, um „privat“ für die Reichsbürger zu werben, schließt Vertriebsexperte Alexander Wratolis aus. „Wir achten bei unseren Mitarbeitern sehr auf Seriosität und Zuverlässigkeit. Es wird von allen ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt.“

In Hameln ist der Staatsschutz mit der Sache befasst. „Die Prüfung der Flugblätter hat ergeben, dass sie strafrechtlich nicht relevant sind“, sagt ein Polizeisprecher. Wie er berichtet, wurden auch leitende Mitarbeiter der Inspektion gezielt von Reichsbürgern angeschrieben – mit Briefen, die per „Dialogpost – ein Service der Deutschen Post“ zugestellt wurden. Im Kreishaus sind Ende Januar solche Briefe eingegangen. Zunächst erhielten rund 50 Führungskräfte – bis hin zum Landrat – Material in großen Umschlägen. Danach folgte kleinformatige Sendungen an 400 Sachbearbeiter; diese Post wurde in der Poststelle abgefangen. Bedenklich: Bürgernähe – auch zu Kritikern – war Rüdiger Butte, Vorgänger von Landrat Tjark Bartels, zum tödlichen Verhängnis geworden. Der Täter, der ihn aufsuchte, erschoss und sich selbst tötete, war zwar nicht als Reichsbürger bekannt. Aber er hatte Ärger mit der Behörde, die ihm den Waffenschein abnahm. Aktuell hat die Kreisverwaltung oft mit Reichsbürgern zu tun, die zu schnell gefahren sind und das Strafmandat nicht anerkennen. Der Kreis hat inzwischen eine „Reichsbürgerbeauftragte“ berufen, die ihre Kollegen berät.

Dewezet-Leser, die unseriöse Beilagen in der Zeitung gefunden haben, werden gebeten, dies unter 05151/200-777 oder per E-Mail an servicecenter@dewezet.de zu melden. Ob eine Beilage „offiziell“ ist, können Leser auch daran erkennen, dass sie im Beilagenhinweis aufgeführt ist, der im Anzeigenteil abgedruckt wird.



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