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Schüler aus Hameln und Vermont besuchen Bergen-Belsen / Auf dem Weg zum Sprachzertifikat

„Traurigkeit – und eine Art von Neugier“

Hameln / Bergen-Belsen. „Traurigkeit” ist das beherrschende Gefühl, das Anna Lidofsky beim Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen begleitet. „Aber auch eine Art von Neugier“, sagt die Schülerin der Burlington High-School in Vermont (USA), die zurzeit im Rahmen eines Austauschsprogramms zu Gast am Schiller-Gymnasium ist.

veröffentlicht am 05.03.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 08:41 Uhr

Berührende Erfahrung: Schüler lesen von den Schicksalen der Gefa
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Anders als sonst sind die deutschen Partner der 21 amerikanischen Schülerinnen und Schüler an diesem Tag, der in die Heide führt, ausnahmsweise nicht mit von der Partie, und das hat seinen Grund: Sie haben den Platz geräumt für Mitschüler, die wie sie selbst das „Certilingua-Zertifikat“ erwerben wollen und den wichtigen „Face to Face“-Termin mit den Austauschschülern wahrnehmen müssen.

Die Auszeichnung mit dem ebenso vielversprechenden wie sperrigen Namen ist ein Zusatzzertifikat zum Abiturzeugnis, das die besondere Kompetenz der Absolventen in Mehrsprachigkeit und interkultureller Kompetenz ausweist. In Niedersachsen bieten derzeit acht Schulen das Zertifikat an, eine davon ist das Schiller-Gymnasium in Hameln.

Direkte Konfrontation

mit der Vergangenheit

Die Schülerinnen und Schüler, die das Zertifikat bekommen, beherrschen mindestens zwei Fremdsprachen auf hohem Niveau. Dabei wird Englisch als Unterrichtssprache (bilingualer Unterricht) in einem Schulfach wie zum Beispiel Geschichte unterrichtet. Der gemeinsame Besuch in Bergen-Belsen und der anschließende Workshop sind dabei eine Station, bei der die Schüler beweisen müssen, dass sie dem interkulturellen Dialog gewachsen sind.

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Und das bei einem Thema, dessen Aufarbeitung den Sprachbegabten und auch den amerikanischen Jugendlichen einiges abverlangt: der Holocaust. Anna Lidofsky ist der Besuch des Lagers nicht leicht gefallen, alles in ihr hat sich seit Tagen gegen die Fahrt zu der Gedenkstätte gesträubt, denn Anna ist nicht nur Amerikanerin, sie ist auch Jüdin. Die direkte Konfrontation mit der Vergangenheit geht ihr sehr nahe. „Es hat mich sehr berührt, auf demselben Platz zu stehen, auf dem Tausende Menschen in Massengräbern liegen“, sagt sie später.

In der Schule in Amerika werde das Thema, wenn man nicht einen speziellen Kurs wähle, eher oberflächlich behandelt. „Es geht meist um die Person Hitlers“, erklärt sie und fügt an: „Ansonsten lernen wir so viel über den Nationalsozialismus wie die Deutschen über die Sklaverei in den Südstaaten.“

Beim Besuch in Bergen-Belsen merken allerdings auch die Certilingua-Anwärter, dass ihr Wissen das Thema in vielen Bereichen nur streift. Dass das KZ in der Heide zunächst als Lager für Kriegsgefangene vor allem aus Russland genutzt wurde, dass Bergen-Belsen als „Aufenthaltslager“ für Juden entstand, die Himmler für internierte Deutsche in aller Welt eintauschen wollte, und wie grauenvoll überfüllt und verwahrlost das KZ am Ende war, das wissen weder die deutschen noch die amerikanischen Schüler.

Besonders beeindruckt zeigen sich die meisten von den Videointerviews mit Zeitzeugen, die die Ausstellung in Bergen-Belsen bereichern, in dem sie das Geschehene konkretisieren und personalisieren. „Das ist bedrückend und interessant zugleich“, sagt Certilingua-Anwärterin Luisa Faust (18), die für ihr Zertifikat bereits eine zehnseitige Facharbeit über das Gefangenenlager in Guantanamo verfasst hat. Im Workshop wird sie über Bergen-Belsen, aber auch über die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Schülern, eine Dokumentation verfassen, die ebenfalls für das Zertifikat zählt. Ihre Mitschülerin Laura Becker macht den Besuch des KZs dagegen zum Ausgangspunkt ihrer Certilingua-Facharbeit. „Mir geht es darum, die amerikanische und deutsche Sichtweise in Gegenwart und Vergangenheit herauszuarbeiten“, sagt sie. Das Besondere des Bergen-Belsen-Projekts liegt auf der Hand: Neben dem Ausbau der mehrsprachigen und interkulturellen Kompetenz wird ein Stück dunkler deutscher Vergangenheit aufgearbeitet – gemeinsam mit Nachfahren von einstigen Kriegsgegnern und zum Teil auch von einst Verfolgten.

„Schüler haben

intensiv gearbeitet“

„Die Schüler haben bis zuletzt sehr intensiv und gut mitgearbeitet“, sagt Oberstudiendirektor Albrecht Bren-necke am Ende des Workshops, indem sich die Schüler mit den historischen Hintergründen befassten und ihre Impressionen wiedergegeben haben. Auch Barbara Leege, Leiterin des Certilingua-Projekts, lobt die Kreativität, mit der sich die Schüler dem schwierigen Thema genähert haben.

Ein Güterwagen erinnert an die grausamen Transporte ins KZ. Rechts: Erinnerungen an Anne Frank.

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