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Wie die Hilligsfelder ihre Einkaufsmöglichkeit retten wollten – und scheiterten

Trauerspiel um ein Dorflädchen

Hameln (ni). Bis vor fünf Monaten war die Einkaufswelt in Hilligsfeld noch in Ordnung. Es gab ja das „Lädchen“ von Dagmar Heucke und damit fast alles, was der Mensch zum Leben braucht: frisches Brot und knackige Brötchen, haltbare Konserven und Zeitschriften, Zucker, Nudeln, Reis und Mehl, Süßigkeiten für die Kinder … Mit seinem überschaubaren, aber um so liebevoller präsentierten Sortiment konnte das Lädchen nie mithalten mit dem Überfluss in den Supermarktregalen – aber dafür etwas bieten, was Kunden in den großen Konsumtempeln vergeblich suchen: Zeit für einen Plausch an der Ladentheke. Doch Ende September ist es aus mit der Idylle des Tante-Emma-Ladens vergangener Zeiten. In dem Trauerspiel um die bevorstehende Schließung des Lädchens spielen ein Vermieter, ein Anlieger und die Stadt Hameln die Hauptrollen.

veröffentlicht am 11.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 18:41 Uhr

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„Ach, gib mal ruhig einen Großen“, beendet Karl-Ludwig Pläpp seine Bestellung bei Dagmar Heucke und lässt sich einen Becher Kaffee „mit Milch, wie immer“ über den Tresen reichen. Und dann erzählt Pläpp: „Wir hatten hier in Hilligsfeld nichts mehr. Wir mussten bis nach Afferde zum Einkaufen.“ Das änderte sich, als Dagmar Heucke vor dreieinhalb Jahren das Lädchen eröffnete. Was heißt Lädchen, „ein richtiges Kommunikationszentrum ist das geworden, ab morgens um sechs tanzen hier die Leute an“, weiß Pläpp. Und weiß auch, dass „die Dagmar für die Leute im Dorf Sachen besorgt, wenn sie sie nicht im Laden hat“. Gelierzucker zum Beispiel, den die Geschäftsfrau, wie sie eingesteht, „überhaupt nicht auf dem Schirm hatte“, weil sie selbst keine Erdbeermarmelade mache.

„Für das Dorf ist es schlimm, wenn’s das Lädchen nicht mehr gibt“, sagt Pläpp. Mehr als 200 Hilligsfelder sehen das genauso und haben sich schon vor Monaten mit ihrer Unterschrift dafür eingesetzt, dass Dagmar Heucke mit ihrem Geschäft im Ort bleibt. Damals wurde bekannt, dass der jetzige Vermieter der alleinerziehenden Mutter überraschend und ohne Begründung die Kündigung für die Gewerberäume ausgesprochen hatte. Das Lädchen wurde zum Politikum und schaffte es bis auf die Tagesordnung des Hilligsfelder Ortsrates. Das Lädchen muss bleiben, beteuerten die gewählten Bürgervertreter unisono und hatten auch schon ein geeignetes Objekt im Auge: nämlich das seit Jahren nicht mehr genutzte Spritzenhaus.

Ortsbürgermeister Walter Bödecker setzte sich an die Spitze der Lädchen-Bewegung und nahm Kontakt mit der Stadt Hameln auf. Sie ist Eigentümer der kleinen Immobilie und signalisiert zunächst einmal Bereitschaft, das Häuschen zu einem symbolischen Preis an Dagmar Heucke zu verkaufen. „Eigentlich war alles in trockenen Tüchern“, erinnert sich Bödecker, zumal sich die dörfliche Nachbarschafts- und Selbsthilfe inzwischen fast von selbst mobilisierte hatte: Ein Architekt war bereit, die Umbaupläne zu liefern, Handwerker aus dem Ort gaben das Versprechen ab, beim Umbau zuzupacken; keiner wollte Geld dafür haben. Die Kosten für Dagmar Heucke, die sich mit ihrem Lädchen erfolgreich aus Hartz IV herausgearbeitet hat, wären dank dieses Engagements im Rahmen geblieben. Und die beiden Anlieger des Spritzenhauses, deren Einverständnis für die Nutzung des Gebäudes als Laden erforderlich war, hatten im Vorfeld der Verhandlungen auch schon ihre Zustimmung zugesichert. „Aber nur einer hielt sich daran, der andere hat der Stadt hinter unserem Rücken ein Kaufangebot gemacht“, sagt Bödecker und bringt damit auf den Punkt, warum das Hilligsfelder Lädchen-Projekt plötzlich eine ganz ungute Wendung nahm. Solange es keinen zweiten Interessenten gab, hätte die Stadt das Häuschen für wenig Geld veräußern dürfen. Und das laut Fachbereichsleiter Volker Mohr „auch sehr gerne getan, weil der kleine Laden wichtig wäre für die Erhaltung der Infrastruktur im Ort“. In dem Augenblick aber, in dem ein weiterer Bieter auf den Plan tritt, der einen deutlich höheren Preis zu zahlen bereit ist, sind der Kommune die Hände gebunden. Sie darf ihr Eigentum nicht „verschleudern“, wenn sie es zu einem ansehnlichen Preis verkaufen könnte.

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Der besagte Nachbar hat Dagmar Heuche zwar angeboten, das Spritzenhaus an sie zu vermieten. Den Umbau sollte sie allerdings selbst finanzieren, die Investition wolle er dann mit der Miete verrechnen. Heuche lehnte ab. „Ich hätte mich viele Jahre abhängig gemacht von einem Mann, zu dem ich kein Vertrauen mehr hatte, nach allem, was da gelaufen ist.“

Dagmar Heuche („Ich will nicht wieder in Hartz IV fallen“) hat sich inzwischen erfolgreich um einen Arbeitsplatz in Bad Pyrmont beworben. Traurig, dass sie den Laden aufgeben muss, von dem sie mit ihren beiden Söhnen leben konnte, ist sie trotzdem. Auch die Hilligsfelder hätten sich einen anderen Ausgang der Lädchen-Geschichte gewünscht. Einen, so umschreibt es Gisela Meyer, bei dem „nicht die Macht des Geldes gesiegt hätte, der Gemeinde nicht die Einkaufsmöglichkeit und ein schöner Treffpunkt genommen und die Existenz einer so beliebten und fleißigen Frau nicht vernichtet worden wäre“ .

Dagmar Heucke (li.) sollte mit ihrem Lädchen (o.) ins Spritzenhaus umziehen. Doch ein Nachbar machte einen Strich durch die Rechnung.Fotos: Dana

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