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„Kein Täter werden“

Therapie soll Pädophile von Straftaten abhalten

HAMELN/HANNOVER. Der sexuelle Missbrauch von Kindern auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen hat viele Menschen geschockt: Wie konnte das passieren? Wie konnten die Taten so lange unentdeckt bleiben? Dies sind Fragen, die nun im Raum stehen. Eine andere zentrale Frage stellt sich jedoch nicht erst, wenn Ermittler und Kamerateams an einem Tatort anrücken. Sie lautet: Wie lässt sich verhindern, dass Pädophile überhaupt zu Tätern werden?

veröffentlicht am 04.03.2019 um 15:08 Uhr
aktualisiert am 04.03.2019 um 21:40 Uhr

Frank Henke

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Reporter zur Autorenseite

Etwa ein Prozent. Wenig? Rechnerisch immerhin rund 700 000 Menschen. So viele Erwachsene in Deutschland seien pädophil, sagen Studien. Bei den Männern wird der Anteil – je nach Erhebung – sogar mit drei bis fünf Prozent angegeben. Pädophile Frauen sind selten. Doch was können diese Menschen tun, die pädophile Neigungen verspüren, die sich – so die Definition – vom kindlichen Körperschema sexuell angezogen fühlen?

Die naheliegende Antwort: Ein Therapeut muss her. Doch generell sind Therapieplätze im Raum Hameln rar. Experten zum Thema Pädophilie sucht man ohnehin in Hameln-Pyrmont vergeblich. Örtliche Beratungsstellen verweisen weiter – etwa an die Medizinische Hochschule in Hannover (MHH).

Damit aus Menschen mit pädophiler Neigung keine Straftäter werden, die Kinderpornografie konsumieren oder gar Kinder sexuell missbrauchen, wurde 2005 ein Projekt an der Berliner Charité ins Leben gerufen. Inzwischen vereint das Netzwerk „Kein Täter werden“ zwölf über Deutschland verteilte Standorte – darunter der „Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Sexualmedizin“ an der MHH.

Die erste Kontaktaufnahme ist bewusst „niedrigschwellig“, erklärt Maximilian von Heyden, Sprecher des Netzwerks an der Charité: eine Mail, etwa über das Kontaktformular auf www.kein-taeter-werden.de oder auch ein anonymer Anruf. Die Seite www.troubled-desire.com bietet online gar die Möglichkeit von „Selbsthilfe-Sessions“.

Von März 2012 bis zum März 2018 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – hätten 909 Menschen im Rahmen von „Kein Täter werden“ Kontakt zur MHH aufgenommen. 289 von ihnen stellten sich dann tatsächlich zur Diagnose in Hannover vor, 177 wurden als Pädophilen eine Therapie angeboten, 73 begannen diese. Ein deutlicher Schwund. „Mancher traut sich wohl nicht“, sagt von Heyden, andere erhofften sich eine Strafmilderung in einem aktuellen Fall durch die schnell noch begonnene Therapie. Doch laufende Verfahren sind ein Ausschlusskriterium für dieses Hilfsangebot. Verbüßte Strafen oder nicht geahndete Taten hingegen nicht. Mehr als 9500 Menschen suchten bisher bundesweit unter Schweigepflicht Hilfe. Eine Sexual- und Psychotherapie begonnen haben 925 Männer. 360 schlossen diese ab.

Ausradieren lassen sich die auf Kinder bezogenen sexuellen Impulse allerdings nicht. „Eine sexuelle Neigung manifestiert sich in der Pubertät und bleibt dann stabil“, erklärt Maximilian von Heyden. Ziel der – zumeist – Gruppentherapie sei „die Akzeptanz und der Umgang mit der sexuellen Präferenz“, heißt es auf der Internetseite. Konkret bedeutet das dann: die Patienten dazu bewegen, Verantwortung in kritischen Situationen zu übernehmen. Kein enthemmender Alkoholkonsum in der Gegenwart von Kindern könne das zum Beispiel bedeuten, sagt von Heyden. Die Kontrolle behalten also. Und auch: die Gefühle eines potenziellen Opfers nachempfinden. Notfalls dämpfen zudem Medikamente sexuelle Impulse.

Fast alle der therapierten Männer, die an einer Nachuntersuchung teilnahmen, hätten danach keinen Missbrauch begangen, zog der Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier im vergangenen Jahr Zwischenbilanz. Nur ein Mann habe einen sexuellen Kindesmissbrauch begangen, 56 Männer waren – im Schnitt sechs Jahre nach Therapieende – befragt worden.

Im Internet wird ein „Jan, 29, Medienmanager“ zum Erfolg seiner Therapie zitiert: „Der wichtigste Teil der Therapie war für mich, zwischen Fantasien und der Verantwortung für mein sexuelles Verhalten zu trennen“, heißt es dort. „Ich kann es nicht verhindern, dass mich Kinder erregen, aber was ich tun kann, ist keinerlei sexuellen Kontakt mit Kindern zu haben.“


Kontakt: Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Sexualmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, Telefon 0511/5328052; E-Mail: Dunkelfeld.Info@mh-hannover.de; Im Internet:www.kein-taeter-werden.de; www.troubled-desire.com.



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