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Für tot erklärte Diskussion flammt wieder auf: Hitler und Wessel Ehrenbürgerschaft symbolisch aberkennen?

„Thema Hitler“ ist wieder da

HAMELN. Es ist wieder da. Das Thema Hitler. Die Dewezet hatte es vor 38 Jahren zwar für tot erklärt. Damals zog der Rat den Hohn des Magazins „Der Spiegel“ auf sich, das die unsägliche Debatte der Hamelner Politik über die Ehrenbürgerschaften von Adolf Hitler und Margarete Wessel unter „Verwirrung und Peinlichkeiten“ verbuchte. Doch durch die jüngsten Berichte des Hamelner Historikers Bernhard Gelderblom in unserer Zeitung über die Ehrenbürgerschaften steht das „Thema Hitler“ erneut zur Diskussion.

veröffentlicht am 23.04.2017 um 15:26 Uhr
aktualisiert am 24.04.2017 um 19:24 Uhr

Monströs: das „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg. Hitler und die Nationalsozialisten ließen sich pompös feiern. Der Ehrenbürgerbrief der Stadt Hameln wurde Hitler im Rahmen des „Reichserntedankfestes“ am 30. September 1934 überreicht. Foto: Arch
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Doch durch die jüngsten Berichte des Hamelner Historikers Bernhard Gelderblom in unserer Zeitung über die Ehrenbürgerschaften steht das „Thema Hitler“ erneut zur Diskussion.

Für Gelderblom ist die aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklung Grund genug für eine neue Debatte. „In einer Zeit, wo manche den demokratischen Grundkonsens der Bundesrepublik Deutschland aggressiv in Frage stellen, sollte der Rat die Chance ergreifen, das Thema ernsthaft zu diskutieren und sich zu positionieren“, sagt er gegenüber der Dewezet.

Aber auch die unsägliche Diskussion im Rat von damals böte in seinen Augen Anlass zur Genüge, sich erneut und vor allem konstruktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Die Art und Weise, wie der Rat 1978 und 1979 die Debatte um die Ehrenbürgerschaft von Adolf Hitler und Margarete Wessel geführt hat, gereicht dem Stadtparlament nicht zur Ehre“, findet Gelderblom. „Eine nicht geringe Zahl von Abgeordneten hat damals den Ratssaal verlassen und eine politische Willenserklärung verweigert.“ Der schließlich zur Abstimmung stehende Text „war nichtssagend und enthielt keine Distanzierung“, befindet der Historiker.

Teile der Hamelner Ratspolitiker teilen diesen Standpunkt. „Wir wollen das Thema wieder in den Rat bringen“, teilt Peter Kurbjuweit (Linke) auf Anfrage mit. „Dabei geht es uns nicht ums ,Recht haben‘, sondern um Aufarbeitung, damit endgültig klar ist: Wir haben uns damit auseinandergesetzt und machen damit auch den zukünftigen Generationen die historische Bedeutung deutlich.“ Ziel müsse nun sein, sich „parteiübergreifend“ zu einigen, um die Ehrenbürgerschaften Hitlers und Wessels „symbolisch abzuerkennen“.

Ähnlich äußert sich Wilfried Binder (SPD): „Wir unterstützen das, obwohl die Ehrenbürgerschaften von Hitler und Wessel durch ihren Tod schon erloschen ist, aber uns geht es um die symbolische Wirkung.“ Damals hatte die SPD am Ende, wie berichtet, auf eine symbolische Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers verzichtet. „Heute stehen wir so nicht mehr dahinter“, sagt Binder dazu.

Auch Wolfgang Meier (Grüne) sieht „Gesprächs- und Handlungsbedarf“. Die damalige Debatte, die er noch „dunkel in Erinnerung“ habe, „wirkt skurril und aus der Zeit gefallen – auch die Argumentation“. Dies dürfe sich im Falle einer neuerlichen Beratung „nicht wiederholen“. Deshalb sollten die Fraktionen schon „miteinander reden“, bevor das Thema in den Rat geht.

Dies scheint schon allein deshalb geboten, weil sich FDP und CDU auf Anfrage der Dewezet klar gegen eine symbolische Aberkennung der Ehrenbürgerschaften aussprechen. Thomas Meyer-Hermann, der Fraktionsvorsitzende von CDU/DU/UFB, sagt: „Die Ehrenbürgerschaft ist mit dem Tod der beiden erloschen und gibt es damit nicht mehr, auch nicht symbolisch.“ Aufgrund der 1979 erfolgten Feststellung im Rat, „dass weder rechtlich noch politisch eine Ehrenbürgerschaft von Adolf Hitler und Margarete Wessel besteht“, sieht er keine Veranlassung, diese heute noch einmal zu treffen. „Sonst können wir ja künftig jeden Vorgang noch einmal wiederholen“, meint Meyer-Hermann. „Aus meiner Sicht ist die Aberkennung somit auch symbolisch erfolgt und damit ist der Fall für mich erledigt.“ Hans Wilhelm Güsgen, der Fraktionsvorsitzende der FDP, will das Thema „ruhen lassen“. „Wir sind jetzt 72 Jahre nach dem Krieg, Adolf Hitler ist tot und wir haben unsere Schuldigkeit getan“, sagt Güsgen. „Wir sollten an diesem Thema nicht mehr rühren.“

Gerhard Paschwitz (CDU) saß 1979 bereits im Rat. Er erinnert sich zwar an eine „kontroverse Diskussion“. Doch das Thema sei damals von Oberbürgermeister Walter Dieter Kock (CDU) „rechtlich“ für „abgeschlossen“ befunden worden – „und das ist auch ganz gut so“, meint Paschwitz. Es wäre „nicht gerade förderlich für Hameln, das Thema jetzt noch mal aufzuarbeiten“.

Doch dazu wird es aller Wahrscheinlichkeit nach kommen. SPD, Linke und Grüne wollen sich am Dienstag in ihrer Gruppe beraten und gegebenenfalls schon am Mittwoch einen Antrag für die symbolische Aberkennung der Ehrenbürgerschaften durch den Rat bei der Stadtverwaltung einreichen. Vom Verwaltungschef selbst, Oberbürgermeister Claudio Griese (CDU), war bislang keine Stellungnahme zu bekommen.

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