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Er ist aufgewachsen in der Bronx

Tätowierer Tony Scientific: Lieber Hameln als New York

HAMELN. Tony Scientific kommt aus New York. Er ist aufgewachsen in der Bronx und hat das Tätowieren neben seinem Studium in Baltimore gelernt. Zusammen mit seinem Sohn hat er die USA verlassen und ist nach Hameln gezogen. Hier arbeitet er als Tätowierer bei „Wild Spirit“. Die Stadt hat es ihm angetan.

veröffentlicht am 03.08.2018 um 14:53 Uhr
aktualisiert am 03.08.2018 um 15:43 Uhr

„Ich liebe es hier“: Tony Scientific tätowiert jetzt in Hameln. Foto: mo
Muschik, Moritz

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Tony Scientific zieht die feine Linie mit schwarzer Tinte nach. Eine Samurai-Figur soll es werden. „Ich gebe dem Motiv ein realistisches Flair“, sagt er. Die Umrisse auf dem Unterarm sind schon zu erkennen. Mit seinem Kunden hat er die Vorlage zuvor gestaltet und zu Papier gebracht. Jetzt rattert die Tattoo-Maschine bei „Wild Spirit“ in der Osterstraße. Den Umgang damit lernte Scientific vor 21 Jahren in den USA. Doch von dort wollte er weg.

Seit rund einem Monat wohnt er mit seinem jüngsten Sohn in Hameln. Er heißt Carlito, ist sieben Jahre alt – und will Fußball-Profi werden. Nicht in den USA, sondern in Europa. In Hameln will er beginnen, seinen Traum zu leben. Und sein Vater will ihn dabei unterstützen. „Er soll die Chance bekommen, sein Leben so zu leben, wie er will, wenn er älter ist.“ Das bedeutet dem Vater viel. „Ich weiß, wie wichtig es ist, das eigene Leben zu leben“, sagt der Tätowierer, der selbst in der Bronx aufgewachsen ist.

Im nördlichsten Stadtbezirk von New York war es nicht leicht. Seine Mutter zog ihn und seine Schwester allein groß. „Es ist hart, als Kind in der Bronx aufzuwachsen. Obwohl es auch hart für meine Mutter war, hat sie dafür gesorgt, dass ich eine gute Erziehung hatte“, sagt er. Später lebte er mit seinem Onkel und seinem Cousin in einer Ein-Zimmer-Wohnung in der Bronx. Das Bad auf dem Flur mussten sie sich mit ihren Nachbarn teilen. „Als ich jünger war, bin ich in Schwierigkeiten gekommen, musste ins Gefängnis“, erzählt der US-Amerikaner. Über die Gründe möchte er nicht sprechen. Eher darüber, wie er wieder zurück ins Leben gefunden hat. Er begann, in Baltimore zu studieren. In der Stadt im US-Bundesstaat Maryland fing er ein Studium zum Bauingenieur an, schwenkte aber um. „Fine Arts“ hieß der Studiengang, den er schließlich mit dem Bachelor abschloss.

Die Kunst begeistert ihn. Scientific selbst sieht sich als Künstler. Neben dem Studium lernte er das Tätowieren in einem Tattoo-Studio in Baltimore. „Eine Kunstform“, sagt er. Sein Job begeistert ihn noch immer, weil er ständig im Wandel ist – neues Equipment, neue Stile. In den USA tätowierte er auf vielen sogenannten Conventions, Tattoo-Messen. Vor vier Jahren zog es ihn zum ersten Mal nach Deutschland. „Ein Freund von mir ist hergezogen und hat mich eingeladen“, sagt er und erzählt von einer Convention in Köln, die er besuchte. Dazu arbeitete er zeitweise als Gast-Tätowierer in Stuttgart. „Ich habe mich in Deutschland verliebt: in das Land, die Leute, die Kultur.“ Über seinen Manager, der in Hildesheim lebt, kam er nach Hameln, tätowierte auf der Convention in der Rattenfänger-Halle – und fing als Gast-Tätowierer bei „Wild Spirit“ in der Osterstraße an. Dort ist er jetzt fest angestellt. „Wenn mich Leute fragen, wo ich lebe, sage ich: Dort, wo der Rattenfänger herkommt.“ Die Sage fasziniert ihn. „Kinder in den USA kennen die Geschichte“, sagt er. Aber niemand wisse, aus welcher Stadt sie kommt. Ob er noch mal in die Staaten zurückkehren möchte? „Nur, um auf Conventions zu tätowieren“, meint er. Leben möchte er dort nicht mehr, war viel zu häufig mit Rassismus konfrontiert. Hier in Deutschland habe er das so noch nicht erlebt. In Hameln hat er zudem mehr Zeit für seinen Sohn: „Das ist großartig.“

Seine Frau ist in Baltimore geblieben, weil sie ihre Tochter unterstützen möchte. Sie will ihren Traum als Sängerin und Schauspielerin verwirklichen. Scientific hat vier weitere Kinder, die in den USA leben und schon älter sind. „Ich vermisse sie, bin fast jeden Tag mit ihnen in Kontakt.“ Seine Familie soll Hameln bald kennenlernen. Spätestens an Weihnachten ist sie in Hameln vereint. „Das haben wir schon immer gemeinsam gefeiert“, sagt der Tätowierer – und freut sich schon.



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