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Scharren an der Hauptallee in Bad Pyrmont bot einst Obst und Konfitüren feil

Südfrüchte aus dem „Spanischen Garten“

Was für ein ungewöhnliches Foto. Am unteren Ende der Hauptallee von Bad Pyrmont, in Höhe des Konzerthauses, befindet sich ein schlichter und doch relativ großer „Marktscharren“, der unter dem Titel „Spanischer Garten“ ganz offenbar Südfrüchte, Obst und auch Konfitüren anbietet. Das aus einer Fachwerkkonstruktion, aus Lehmwänden und Ziegelsteinen zusammengefügte Gebäude mit einem Schrägdach wendet sich mit seinen Auslagen den Gästen der Hauptallee zu, auch wenn zur Zeit der Fotografie die „Läden“ geschlossen sind. Ein wenig höher in Richtung Brunnenplatz sieht man heute noch zwei Geschäfte – das eine stammt aus der Zeit des Biedermeier und wird gerade liebevoll renoviert, das andere nennt sich heute „Cult und Co“ –, die eher den Vorstellungen von vornehmen Häusern im unteren Teil der Hauptallee entsprechen.

veröffentlicht am 13.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 21:41 Uhr

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Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Tatsächlich gibt es das Geschäft mit Obst und Südfrüchten nicht mehr an diese Stelle. Das Foto wird aus den 1930er Jahren stammen, der Abriss erfolgte wohl in den frühen 1950er Jahren. Es ist aber lohnenswert, über die Bebauung der Hauptallee einmal zu berichten.

Im Jahre 1668 wird in einem zweiten Versuch, nachdem das Anpflanzen von Eichen gescheitert war, nun erfolgreich eine Allee mit Lindenbäumen in vier Reihen angelegt. Ziel ist zunächst einmal, eine Trinkkur im Schatten der rasch wachsenden Bäume durchzuführen. Die damaligen Ärzte, allen voran der rührige Dr. Johann Philipp Seip (1686-1757), Sohn des Oesdorfer Pastors, waren überzeugt davon, dass ein „Spatziergang“ die Allee hinunter und hinauf in Kombination mit dem Trinken des Heilwassers vom Hylligen Born, eben nach der „Vier Säfte Lehre“, dem Wohlbefinden der Gäste nur guttun konnte. Und so musste selbst ein Regent wie Zar Peter oder der preußische König Friedrich der Große oft stundenlang am Vormittag die Hauptallee als Ort der körperlichen Bewegung nutzen.

Schon von Anfang an war aber auch spürbar, dass diese Allee auch eine Bühne war, auf der man sich anderen zeigte. Schon 1698 wurden rechts und links des Brunnentempels auf dem Brunnenplatz kleine Boutiquen aufgebaut, wo man Bücher, Souvenirs oder Devotionalien kaufen konnte. Im Laufe der nächsten beiden Jahrhunderte wurden im oberen Drittel der Hauptallee eine Vielzahl von Gebäuden errichtet, die alle dem gesellschaftlichen Leben in Pyrmont entgegenkamen: Kaffeehäuser und Weinstuben, feine Restaurants, exklusive Modegeschäfte, die Spielbank und Orte, wo Musik gespielt wurde oder Komödiengesellschaften die Kurgäste unterhielten. Gleichwohl besaß der therapeutische „Spatziergang“ nach wie vor eine hohe Bedeutung.

Die Schriften zu Bad Pyrmont im 19. Jahrhundert loben das reiche Warenangebot in der Hauptallee während der Saison. Sind die Händler in der Hauptallee angekommen und ist das Geschäft geöffnet, findet man auch in der Kurliste die entsprechenden Hinweise. 1843 kann man in Ferdinand Hornickes „Führer durch Pyrmont und seine Umgebung“ Folgendes lesen: „Rechts und links von diesen Gebäuden bilden Boutiquen mit verschiedenen Waaren, Kaufleute aus Hannover, Braunschweig und andern Orten den Bazar, worunter vorzüglich das Lager des Herrn Helfft und Lion, die Kristallglas-Handlung des Herrn Storch aus Böhmen sowie die Bijouterie-Waren des Herzoglich-Braunschweigischen Hof-Juweliers Herrn Hertz hervorzuheben sind.“ Es ist aber auch bekannt, dass nicht alle Händler aus nah und fern in den festen Häusern Räume anmieteten. Viele stellten im unteren Teil der Hauptallee Marktstände, Scharren auf, die in der Saison von April bis September ein Warenangebot für das Badepublikum anboten. Beispielsweise saßen hier böhmische Glasgraveure, die in die bereits angefertigten Gläser Namen oder Jahreszahlen eingravierten. Ebenso gab es Marktstände, die Lebensmittel anboten. Der „Spanische Garten“ mit dem reichen Angebot an Südfrüchten und Konfitüren erinnert stark daran, dass im 19. Jahrhundert, aber auch noch in den Anfängen des 20. Jahrhunderts, viele Kurgäste in den Pensionen Selbstversorger waren. Pyrmont war ein teures Pflaster. Also versorgte man sich mit Mahlzeiten selbst. Auch so findet das Angebot an Lebensmitteln auf der Hauptallee seine Erklärung.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Das Foto vom Früchtestand an der Hauptallee in Bad Pyrmont stammt vermutlich aus den 1930er Jahren. Heute gibt es den Stand nicht mehr.

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