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Wie ein Hamelner Unternehmerpaar die Dämmstoffindustrie mit umweltfreundlichen Lösungen aufmischt

Styropor war gestern - aus Hameln kommt neue Öko-Alternative

HAMELN/EMMERTHAL. Nachhaltiges Bauen hat Konjunktur. Im Zuge des Klimaschutzes wird seit Jahren gedämmt, was das Zeug hält. Allerdings hat die staatlich subventionierte „Verpackung“ der Häuser in den letzten Jahren einen Dämpfer erhalten, der Umsatz ist leicht rückläufig: Denn die Ökobilanz der meisten Baustoffe ist katastrophal, spätestens von der nächsten Generation müssen sie als teurer Sonderabfall entsorgt werden. Dabei gibt es längst andere Lösungen. Ein Hamelner Unternehmerpaar mischt die Dämmstoffindustrie mit umweltfreundlichen Lösungen auf.

veröffentlicht am 11.06.2019 um 12:20 Uhr

Antonius Mertens-Thomas und Tanja Thomas präsentieren ihre umweltfreundlichen Dämm-Produkte. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Zum Beispiel nachhaltige Dämmplatten auf Gipsbasis für die Wand und ein dämmendes Zementgemisch für den Boden, der die mühselige Schnippelei von Zusatzdämmung überflüssig macht. Beide sind schadstofffrei, nicht brennbar, werden C0-2-arm hergestellt, zu 100 Prozent recycelbar und europaweit patentiert. Ausgedacht haben sich die Produkte Antonius Mertens-Thomas und Tanja Thomas aus Hameln. Tanja Thomas ist geschäftsführende Gesellschafterin der ATHE-Therm Heizungstechnik GmbH und T.T.-Dämm Hameln GmbH in Emmerthal.

Das experimentierfreudige Paar ist ein gutes Team. Die Idee für die Gipsdämmung kam Tanja Thomas eines Nachts im Jahr 2004. „Ich bin aufgewacht und wusste: Das ist es!“ Ihr Mann Antonius Mertens-Thomas setzte die Idee in die Praxis um. Er schätzt die Ideen seiner Frau sehr, weil sie nicht durch die Brille der Industrie schaue und auf eher ungewöhnliche Lösungen komme. „Sie stößt an und ich mache“, sagt er und lacht.

Inzwischen gibt es die auf Maß zugeschnittenen Gipsrohblöcke namens „Liquid Pore“ seit mehr als 12 Jahren. Die Nachfrage ist hoch, „wir haben eine 300-prozentige Steigerung, obwohl der Dämmstoff (zumindest in der Anschaffung) ein gutes Stück teurer ist als EPS oder Mineralwolle.“ Das 2017 angemeldete Patent für das Zementgemisch „Liquid Floor“ für den Boden wurde gerade erteilt.

Wieviel Potenzial das Material am Dämmstoffmarkt hat, offenbart die Tatsache, dass einer der ganz Großen der Branche dem mittelständischen Konkurrenten gleich zu Anfang ein verlockendes Angebot machte. Der Betrag lag im siebenstelligen Bereich, dabei war das Produkt damals noch nicht patentiert. Tanja Thomas lehnte ab. Diesen Weg, da war sich das Paar einig, wollten sie selbst gehen. Wie beschwerlich er werden sollte, ahnten sie damals nicht. Antonius Mertens-Thomas erinnert sich noch gut daran, wie der Mittelsmann, der das Geschäft einfädeln sollte, damals sagte: „Das wird ein langer Weg für sie“. Er sollte Recht behalten.

Rund 15 Prüfungen durchlief das Produkt beim Deutschen Institut für Bautechnik (DIBT). Aus den Prüfberichten, sagt Tanja Thomas, könne sie eine Bibel machen. Als am Ende noch immer nicht klar war, ob das Produkt als Dämmstoff für die Außendämmung in Deutschland genehmigt wird, zogen sie die Reißleine. „Es war nicht abzusehen, ob es wirklich die letzte Prüfung oder die letzte Zahlung war.“

Tanja Thomas und Antonius Mertens-Thomas begannen zu zweifeln. „Früher habe ich dem Staat vertraut, inzwischen habe ich das Gefühl, dass der Dämmstoffmarkt stark durch Großkonzerne reguliert wird“, sagt Tanja Thomas. Der Lobbyismus in der Branche sei enorm stark. Wer den komplexen Regeln nicht folge, habe es schwer. Aber Resignieren ist bei der energiegeladenen Geschäftsfrau nicht vorgesehen.

Um eine EU-weite Zulassung zu bekommen, ging das Paar mit seinem Produkt nach Slowenien und fing noch mal von vorn an. Innerhalb von einem halben Jahr hatten sie alle Prüfungen für rund 34 000 Euro durchlaufen. „In der EU stimmte nur das DIBT gegen die Zulassung“, sagt Antonius Mertens-Thomas.

Der Grund, warum die Großen der Dämmstoffindustrie den neuen Konkurrenten gerne verhindert hätten, ist einfach: Klimaschutz beim Bauen und Sanieren ist in Deutschland Pflicht. Durch die sogenannte Energieeinsparverordnung (EnEV) sind Bauherren verpflichtet, ihre Häuser zu dämmen. Die EnEV wird regelmäßig novelliert und damit weiter verschärft. Die notwendige Dämmwirkung wurde bisher mit Mineralwolle oder Styropor vor allem über die Materialstärke erreicht. Während vor 15 Jahren 6 Zentimeter Fassaden-Dämmung noch als das Maß aller Dinge galten, sind es aktuell bis zu 20 Zentimeter. Mit innovativen Dämmmaterialien kann die notwendige Dämmwirkung schon mit wesentlich weniger Material erreicht werden.

Hier kommt Liquid Pore, beziehungsweise Liquid Floor ins Spiel: Das besagte Zementgemisch für den Boden. Im Gegensatz zu den Styroporplatten, die oft zerschnippelt werden müssen, um sie am Boden mühselig zwischen Heizungsrohren, Lüftungskanälen oder Kabeln anzupassen, ist Liquid Floor ein flüssiger Ausgleich, der direkt auf der Baustelle gemischt und in die Räume gepumpt wird. Die flüssige Suspension ist baubiologisch unbedenklich, erfüllt die Brandklasse A1 und sorgt für gesundes Raumklima. „Ursprünglich war eigentlich auch Liquid Pore für den Boden gedacht, aber wir haben festgestellt, dass es sich besser für die Wände eignet“, sagt Thomas.

Ein weiterer großer Vorteil, den Thomas und Mertens in Zeiten von Klimawandel vorweisen können, ist die Ökobilanz der Produkte: Nur wenige Kilogramm CO2 werden bei der Herstellung eines Quadratmeters Liquid Pore freigesetzt. Bei Mineralwolle sind es bis zu 10 Mal soviel, bei Styropor sogar noch mehr. „Wenn Sie ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit Styropor dämmen, werden dafür viele Tonnen CO2 freigesetzt“, sagt Mertens. „Da brauchen Sie ewig, bis Sie das durch Energiesparen wieder reingeholt haben.“ Dass beide Produkte vollkommen schadstofffrei sind, ist ein Nebeneffekt. Einer, an dem die Industrie sehr interessiert ist. „Das Geheimnis liegt im Herstellungsprozess“. Wie das Ganze genau funktioniert, bleibt das Geheimnis von Thomas und Mertens.



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