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Müllverbrennungsanlagen nehmen es ungern an – für den Bauherrn wird’s dafür teuer

Styropor: Schwierige Entsorgung

HAMELN. HBCD-haltiges Styropor gilt seit letztem Jahr nicht mehr als gefährlicher Abfall. Handwerker waren Sturm gelaufen gegen die Einstufung, die die Entsorgung schwierig und teuer machte, weil die Müllverbrennungsanlagen nur noch geringe Mengen annahmen. Nun gibt es die neue POP-Abfallüberwachungs-Verordnung des Bundes, die das Material nicht mehr als gefährlich einstuft, sondern nur noch sicherstellen will, dass das Material aus dem System geschleust wird. Die Entsorgungspreise haben sich dadurch nicht geändert – denn die Müllverbrennungsanlagen halten weiter an ihrer Praxis fest.

veröffentlicht am 26.02.2018 um 13:09 Uhr
aktualisiert am 26.02.2018 um 21:14 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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75 Euro pro Kubikmeter Baustyropor! Anfangs dachten Jutta Schmieding und Uwe Minkewics, sie würden veralbert, als sie mit ihren drei Säcken beim Müllentsorgungsunternehmen Tönsmeier ankamen. Eigentlich wollten sie die alten Dämmplatten im Entsorgungspark in Afferde abgeben, doch das ist nicht mehr erlaubt, denn Dämmaterial aus Styropor muss seit einiger Zeit separat entsorgt werden.

Der Grund sind Altlasten in Polystyrol (EPS- und XPS- Dämmstoffe). Für das lange Zeit wirtschaftlich wichtigste Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) gilt seit 2016 ein weitgehendes Handels- und Verwendungsverbot in der EU. Dämmstoffe mit einem HBCD-Gehalt von 1000 Milligramm pro Kilo oder mehr wurden in Deutschland im selben Jahr als gefährlicher Abfall eingestuft.

2017 ruderte man zurück, denn in der Praxis zog die Verordnung Probleme nach sich. Vor allem für Dachdeckerbetriebe wurde die Entsorgung des sperrigen Mülls teuer: Nur noch Müllverbrennungsanlagen mit Genehmigung durften den „gefährlichen Abfall“ verbrennen und die ließen sich das – bedingt durch den entstehenden Engpass – gut bezahlen.

Auf Bundesebene wurde nach einer tragfähigeren Lösung gesucht. Seit August regelt die POP-Abfallüberwachungs-Verordnung den Umgang mit HBCD-haltigen Dämmstoffen insofern, als dass die Dämmstoffe nicht als gefährliche Abfälle eingestuft werden. Neu ist, dass die HBCD-haltigen Abfälle dennoch, genau wie als gefährlich eingestufte Abfälle, einem abfallrechtlichen Nachweisverfahren unterliegen sowie einem grundsätzlichen Vermischungsverbot. Damit will der Gesetzgeber sicherstellen, dass HBCD-haltige Materialien aus dem System ausgeschleust werden.

Müllverbrennung in Hameln verweist auf den sehr hohen Heizwert des Materials

Ein weiteres Zugeständnis an die Entsorger ist, dass die Dämmstoffe Bitumen- und Kleberanhaftungen haben dürfen, somit also vom Getrenntsammeln befreit sind. Handwerksbetriebe können den bewährten Sammelentsorgungsnachweis nutzen.

Die Baufirmen könnten also aufatmen. Allein: Die Entsorgung ist noch genauso teuer wie vorher. Dachdeckermeister Stefan Maulhardt macht inzwischen nur noch Tagespreise. „Anders ist es mir nicht möglich, zu kalkulieren.“ Die Mehrkosten gibt er an den Bauherrn weiter. „Da bleibt nur zu hoffen, dass die Entsorger bei dieser Lösung auch die momentane Preissituation wieder korrigieren“, sagt Maulhardt.

Michael Heide vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) kritisiert in einem Artikel der Deutschen Handwerkszeitung ebenfalls: „Auch schon vor dem Inkrafttreten der Einstufung als Sondermüll wurden die Stoffe umweltgerecht verbrannt und das in den ganz normalen Müllverbrennungsanlagen“. Aus seiner Sicht ist die Problematik einzig und allein durch formale Vorgaben entstanden und nicht, weil es in der Praxis erforderlich geworden wäre, dass sich etwas ändert.

Information

Wie schädlich ist HBCD?

HBCD ist vor allem für Gewässerorganismen giftig wie Krebstiere und Algen. Der Stoff reichert sich in Lebewesen an, er wird heute in Fischen, Meeressäugern und Raubvögeln arktischer Regionen nachgewiesen. Diese Ferntransporteigenschaft macht ihn für die Umwelt gefährlich. Deshalb wird er nach den Kriterien der Europäischen Chemikalienverordnung als „besonders besorgniserregender Stoff geführt und als persistenter organischer Schadstoff unter der internationalen Stockholm-Konvention. HBCD kann außerdem die Gesundheit schädigen. Tierversuche habe gezeigt, dass die Embryonal- und Säuglingsentwicklung in Bezug auf das Nervensystem, die Entwicklung und das Verhalten gestört wird. Bei Menschen ließ sich der Stoff bisher nur in geringen Spuren finden, wie Studien zeigten.

Quelle: Umweltbundesamt

Tatsächlich nimmt die Müllverbrennungsanlage in Hameln weiterhin nur fünf Volumenprozent des HBCD-haltigen Dämmmaterials an. Das ist keine gesetzliche Vorgabe, sondern eine Selbstauflage, „um die Kessel vor Schädigungen zu schützen“, erklärt ein Mitarbeiter von Enertec, da das Material einen sehr hohen Heizwert habe. Auf die Frage, ob das Material nicht auch schon vorher in der Regel in der Müllverbrennungsanlage verbrannt worden sei, heißt es: nur zum Teil, es habe auch andere Entsorgungswege gegeben.

Es ist nicht nur die Hamelner Müllverbrennungsanlage, die so agiert. Es gibt Anlagen, die das Material überhaupt nicht mehr annehmen, erklärt Andreas Seemann, Betriebsleiter für den Baubereich bei der Firma Tönsmeier. Entsprechend fährt die Firma Müllverbrennungsanlagen in ganz Deutschland an, und das kostet. Der Engpass mache die Entsorgung teuer.

Um das Material überhaupt loszuwerden, wird es bei der Firma Tönsmeier zuvor in einer extra dafür zugelassenen Anlage „konditioniert“. Man könnte auch sagen, es wird wieder mit anderem Abfall gemischt, denn große „Fraktionen“, also reinen Dämmaterial-Abfall wollen die Müllverbrennungsanlagen erst recht nicht.

Aber warum erst trennen, wenn es dann wieder vermischt wird? Weil es dafür nun Anlagen bedarf, die der Genehmigung bedürfen. Im Erlass des Niedersächsischen Umweltministeriums heißt es, dass „die Vermischung hier mit der Auflage verbunden ist, dass die Verwertung nach den gesetzlichen Anforderungen erfolgt und das Vermischungsverfahren dem Stand der Technik entspricht (z. B. zur Einstellung des Heizwertes).“

Anders gesagt: Wenn Jutta Schmieding und Uwe Minkewics ihr Styropor mit dem Hausmüll mischen, ist das nicht pro www.umweltbundesamt.defessionell genug. Interessanterweise sei Ihnen aber genau dazu geraten worden. „Die Vorgaben verleiten die Leute doch erst dazu, ihren Müll in die Landschaft zu werfen, statt ihn vorschriftsmäßig zu entsorgen“, kritisiert Uwe Minkewics.


Weitere Informationen zum Thema finden Sie im Internet unter den Adressen www.umweltbundesamt.de und www.umwelt.niedersachsen.de.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Gut gedacht ist nicht immer gut gemacht. Das könnte auch bei der Entsorgung des schädlichen Dämmmaterials zutreffen. Natürlich ist es richtig, zu verhindern, dass der Stoff sich in der Umwelt anreichert. Doch ob HBCD wirklich schneller ausgeschleust wird, wenn man ein Bürokratiemonster schafft, bezweifle ich. Auf mich wirkt es wie ein Schildbürgerstreich, an dem sich gut verdienen lässt.

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