weather-image
11°

Vor weiteren Häusern wird der ehemals dort lebenden Hamelner Juden gedacht

Steine der Erinnerung

Hameln. Sie waren Hamelner: In Erinnerung an ehemalige Mitbürger, die deportiert und ermordet wurden, verlegt Gunter Demnig an sechs Stellen weitere 22 Stolpersteine. Es ist die vierte Stolpersteinverlegung – auf Initiative des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte gemeinsam mit der Stadt.

veröffentlicht am 12.04.2016 um 17:01 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:50 Uhr

270_008_7857921_hm109_Stolpersteine_Grosse_Hofstrasse_13.jpg

Autor:

Bernhard Gelderblom
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Demnig ist am Dienstag, 19. April, ab 11 Uhr vor Ort und wird begleitet von Jugendlichen. Vor folgenden Häusern wird an die ehemals dort lebenden Menschen erinnert:

Adele und Selma Löwenstein, Domeierstr. 22:

Adele Löwenstein wurde am 26. Mai 1875 in Herford geboren. Sie lebte mit ihren Eltern und ihrer Schwester Selma, die am 10. September 1879 in Herford geboren wurde, seit 1900 in Hameln. Nach dem Tod der Eltern wohnten sie in der Wettorstraße 18, spätestens seit 1940 in der Domeierstraße 22. Beide waren sehr arm. Am 15. Januar 1941 musste Adele mit ihrer Schwester auf Anordnung der Stadtverwaltung in das „Judenhaus“ Neue Marktstraße 13 ziehen. Dort machte sie Anfang 1942 einen Selbstmordversuch. Die 66-jährige Adele wurde zusammen mit ihrer Schwester Selma am 31. März 1942 über Hannover in das Ghetto Warschau deportiert. Dort oder nach ihrer Deportation nach Treblinka wurden sie ermordet.

Adolf Englender, Erichstr. 1:

Adolf Englender wurde am 22. Dezember 1891 in Popow im Kreis Turek in Polen geboren. Englender war vom jüdischen zum christlichen Glauben konvertiert. Er wohnte mit seiner Frau Ida, geborene Wagenknecht, in der Erichstr. 1. Seine Ehefrau, die aus dem polnischen Lodz stammte, war keine Jüdin. Die Eheleute führten einen kleinen Gemischtwarenladen am Osterplatz. Die Nationalsozialisten gingen brutal gegen das kinderlose Ehepaar vor. 1938 nahm der Ortsgruppenführer Nolting ihren Laden. Anstrengungen zur Auswanderung nach England waren vergeblich geblieben. Die Polizei nahm Englender am 1. September 1939 fest. Die Gestapo verschleppte ihn am 10. Oktober in das KZ Buchenwald. Das letzte Lebenszeichen Englenders stammte vom 11. Oktober 1942, dem Tag seiner Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz. Als sein Todesdatum gilt der 31. Oktober 1942. Seine Witwe Ida wurde am 14. März 1945 bei einem Luftangriff auf Hameln schwer verletzt. Während ihres Krankenhausaufenthaltes plünderten Unbekannte ihre Wohnung. Sie starb 1947.

2 Bilder

Familie Keyser, Ritterstr. 1:

Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Familie nach Hameln. Ihre Wohnung befand sich im Hause Ritterstraße 1, in dem auch das Kleidergeschäft von Salomon Keyser lag. Im Juli 1939 emigrierten die Eheleute in die Niederlande. Salomon und Emma wurden in das niederländische KZ Westerbork verschleppt. Er starb dort am 9. Mai 1943 im Alter von 86 Jahren. Emma wurde aus Westerbork am 20. Juli 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort am 23. Juli 1943 ermordet. Es wurden sieben weitere Mitglieder der Familie wurden ermordet.

Familie Hammerschlag, Emmernstraße 28:

Bertha Hammerschlag, geb. Haas, wurde am 1. Mai 1866 in Rahden in Westfalen geboren. Sie heiratete den Kaufmann Louis Hammerschlag.

Spätestens 1895 zogen die Eheleute nach Hameln und eröffneten ein Kleidergeschäft. Nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahre 1935 führte Bertha mit ihrem Sohn Hermann das Geschäft weiter. Es war inzwischen in die Emmernstraße 28 verlegt worden. Am 9. November 1938 wurde das Geschäft geplündert und anschließend geschlossen. Hermann Hammerschlag musste bei einer Gartenbaufirma in Hannover-Herrenhausen Zwangsarbeit leisten. Am 31. März 1942 wurde der 45-jährige Hermann zusammen mit seiner Frau und seiner fünf Jahre alten Tochter Helene Dina aus Hameln in das Ghetto Warschau deportiert. Dort oder nach der Verschleppung nach Treblinka wurden alle drei ermordet. Bertha wurde am 23. Juli 1942 von Hameln in das Altersghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb sie 76 Jahre alt am 1. Januar 1943.

Familie Birnbaum, Große Hofstr. 17:

Um 1900 zog die Familie nach Hameln. Die Eheleute wohnten zur Miete im Haus des Glasermeisters Büthe in der Großen Hofstr. 17 in der 2. Etage. Elias handelte mit Alteisen. Elias war 76 Jahre alt, als er 1939 zum Vorsteher der immer mehr zusammenschrumpfenden jüdischen Gemeinde gewählt wurde. 1940, im Alter von 77 Jahren, starb Elias Birnbaum in Hameln. Sein Leichnam wurde auf dem von den Nationalsozialisten zerstörten jüdischen Friedhof bestattet. Sein Grab blieb ohne Stein und ist heute nicht aufzufinden. Kurz nach dem Tod ihres Mannes musste Henrietta (Jettchen) Birnbaum zusammen mit ihrem Sohn Max auf Anordnung der Stadtverwaltung in das „Judenhaus“ Neue Marktstraße 13 ziehen. Die 70-jährige Frau wurde am 23. Juli 1942 in das Altersghetto Theresienstadt deportiert. Auf eine Initiative des Internationalen Roten Kreuzes unter dem Grafen Bernadotte konnte sie am 5. Februar 1945 Theresienstadt verlassen und wurde in die Schweiz gebracht. Dort starb sie am 21. Juli 1947.

Familie Kamenetzky, Königstr. 2:

Die Familie war nach dem Ersten Weltkrieg aus Polen in Hameln zugezogen und unterhielt ein kleines Schuhgeschäft in der Bahnhofstraße 40 (heute Nr. 14). Sie wohnte in der Königstraße 37 (seit 1935 Nr. 2). Der Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte im Jahre 1933 hatte das Schuhgeschäft „schwer geschädigt“. 1938 nahm die Polizei die Familie ohne Vorwarnung in „Abschiebehaft“. Im besetzten Polen wurden Salomon, Henriette und die Tochter Eva ermordet. Eine Suchanfrage von Hermann Kamenetzky, der als einziger von seiner Familie überlebte, blieb ergebnislos.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt