weather-image
13°
Vom verschwundenen Gröningen bis zum ersten Naturschutzgebiet: Waldführungen öffnen die Augen

Stadtforst bietet Stoff für viele Geschichten

Hameln. „Der Schweineberg wurde 1947 zum Naturschutzgebiet erklärt, zum ersten in Niedersachsen.“ Horst Wißmann steht auf einem Weg unterhalb des bekannten Märzenbecherfeldes und erzählt, umringt von aufmerksamen Zuhörern, von den Anfängen des Naturschutzes. Mit einem unter den breiten Krempen seines grünen Filzhutes erkennbaren Lächeln fährt er fort: „Schuld waren seinerzeit Marktfrauen aus Hannover die hier ,gewildert’ hatten, Märzenbecher mitsamt Wurzeln ausgruben und auf den Märkten verkauften.“ Wißmann weiß, wovon er spricht. Er ist Forstamtinspektor a. D. und wurde 2001, wie er selbst sagt, zum Waldführer berufen.

veröffentlicht am 06.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:16 Uhr

270_008_4270939_hm223_0704.jpg
Frank Neitz

Autor

Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Während Gäste- und Themenführungen in der Hamelner Altstadt auf der Homepage der Stadt Hameln leicht zu finden sind, fristen dort die Angebote an Waldführungen allerdings ein Schattendasein. Interessierte stoßen erst beim Link zur Stadtforst auf die vom Forstamt fast ganzjährig angebotenen Waldführungen über die 1190 Hektar große Holzbodenfläche. Mit insgesamt 1300 Hektar ist sie einer der größten kommunalen Forstbetriebe in Niedersachsen.

Dafür sind die Kosten für die Führungen dennoch sehr gering: 3 Euro für Erwachsene, 1,50 Euro für Kinder. Schulklassen oder Kindergartengruppen zahlen ebenfalls nur 1,50 Euro pro Kopf und Begleitpersonen haben sogar freien Eintritt.

Neben Wissmann können neun weitere speziell ausgebildete Waldführer die meist von Amtsleiter Ottmar Heise ausgearbeiteten Wanderungen führen. Doch nicht nur die Führungen während der Märzenbecherblüte, die sich jetzt dem Ende neigte, bieten vielfältige Informationen, damit die Besucher nicht den Wald vor lauter Bäumen übersehen. Auch Klüt, Finkenborn, Wehl und Basberg sind Ziele, bei denen das Informationsbedürfnis der Mitwandernden mit Hinweisen zu historischen Kulturlandschaftsbeispielen wie Landwehre, Wüstungen oder den Hinweisen auf frühere Waldnutzungen gestillt wird. Jetzt steht Wissmann inmitten der letzten Blüten, seine Beine weit gestreckt, um die Pflanzen nicht zu zertreten und ihm selbst so einen sicheren Stand im abfallenden Gelände zu gewähren, und rudert mit seinen Armen 30 Zentimeter über den geschützten Pflanzen. Der 73-Jährige beantwortet gerade gestenreich die Frage eines aufmerksamen Waldbesuchers, warum der aufkommende Jungwuchs im Wald nicht zugunsten der Märzenbecher beseitigt wird. „Das wäre ein schlimmer Fehler!“ Die üppig wachsende natürliche Verjüngung sei ein Garant für den Märzenbecher. „Denn wäre die Verjüngung mit ihrem Laubausbruch, der immer erst nach der Blüte kommt, nicht hier, würde durch die Sonne eine Gras- und Krautschicht entstehen, die später als Bodenverdämmer den Märzenbecher verdrängt.“ Oft wird der Förster auf seinen Touren nach weiteren Sitzgruppen und Ruhebänken gefragt. „Dann antworte ich, dass ja zwei bis drei vorhanden sind. Die reichen, um den Besucherstrom hier flüssig zu halten und verhindern das Hinterlassen von weiterem Unrat im Wald“, ist Wissmann um keine Antwort verlegen.

Waldführer Horst Wißmann engagiert im Einsatz bei den Märzenbech
  • Waldführer Horst Wißmann engagiert im Einsatz bei den Märzenbechern auf dem Schweineberg. Fotos: fn
270_008_4270938_hm222_0704.jpg

Eine wahre Informationsflut erhalten die Gäste an einem Ort fast außerhalb des Waldes. Mit Blick ins Tal liegt das Gröninger Feld direkt vor den Augen der Gruppe. Wißmann, er wohnt selbst am Waldrand in Wahrendahl, zeigt mit weit ausgestreckten Armen auf eine zwischen den Buchenwäldern von Schweine- und Basberg eingeschlossene Rodungsinsel. Hier habe sich schätzungsweise bis um 1350 der Ort Gröningen befunden. Man stehe vor einer Wüstung, denn der Begriff beschreibt Siedlungen und Flure, die im Mittelalter aufgegeben wurden, erklärt der Waldführer die auenartige Landschaft mit ihren Kopfweiden entlang des Baches. Auch zu dieser speziellen Weidenart erhält die Besuchergruppe Informationen zu deren ökologischer Bedeutung sowie zur ehemaligen Nutzung als Baumaterial bei Lehmhütten. Dass früher aus Weidenholz Schuhe hergestellt wurden, wissen die wenigsten, aber die typischen Flechtkörbe aus Weidenruten sind allen bekannt.

Während Amtsleiter Ottmar Heise erwähnt, dass der Baumbestand im Hamelner Stadtforst aus 73 Prozent Laubbäumen und 27 Prozent Nadelbäumen besteht – deutschlandweit ist das Verhältnis umgekehrt –, guckt eine Waldmaus neugierig aus ihrem Bau im Wurzelwerk einer alten Buche heraus. Dass die Maus von den Besuchern nicht wahrgenommen wird, dürfte auch am kompetenten Vortrag von Forstamtinspektor Wissmann liegen.

Auskunft über die Waldführungen erhalten Interessierte beim städtischen Forstamt unter der Telefonnummer 05151/2023026.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt