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Kostenexplosion bei Fundtieren hätte Rathaus nicht überraschen dürfen / Heim will kein Minus mehr machen

Stadt schießt Eigentor

Hameln. Die Stadt Hameln steht vor einem Dilemma – sie hat den Vertrag mit dem Tierheim gekündigt, ohne eine Alternative zu haben. Bis Ende des Jahres wird die Verwaltung nach Schätzungen des Tierheims fast viermal so viel Geld für die Betreuung von Fundtieren ausgeben müssen wie in den vergangenen Jahren. Den Beamten im Rathaus hätte allerdings schon vor Vertragsunterzeichnung klar sein müssen, dass die Stadt der neue Berechnungsmodus, den sie gemeinsam mit anderen Kommunen erarbeitet hatte, teuer zu stehen kommen wird.

veröffentlicht am 24.09.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:04 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Eine Hochrechnung mit den beim Tierheim leicht abrufbaren Zahlen der vergangenen Jahre hätte genügt. Die Situation ist verfahren: Heime in der Nachbarschaft wollen die Fundtiere aus Hameln nicht – und ins Ausland können sie nicht verfrachtet werden. Dabei haben die Kommunen noch Glück, dass sich der heimische Tierschutz bislang bereiterklärt hat, die in seine Obhut gegebenen Hunde und Katzen zu behalten und notfalls dauerhaft zu pflegen. Rein rechtlich gehören die Tiere nach Ablauf von sechs Monaten den Kommunen, auf deren Gebiet sie gefunden wurden. Das Tierheim ist auf Spenden angewiesen, um die nicht vermittelten Vierbeiner durchfüttern zu können.

Nach Kündigung des Vertrages durch die Stadt könnte das Tierheim auf die Idee kommen, die Fundtiere ein halbes Jahr zu pflegen und sie danach ihrem neuen Eigentümer, also der Stadt Hameln, auszuhändigen. Die Kommune müsste sich nach einer Tierpension umsehen. Das käme die Stadt unterm Strich erheblich teurer.

Den Joker halten derzeit die Tierschützer in der Hand. Es sei denn, ein anderer Verein würde dem Hamelner Heim Konkurrenz machen. Mit dem Argument, dass kein Geld für Tiere vorhanden ist, kann die Stadt nicht punkten: Sie hat allein im vergangenen Jahr rund 280 000 Euro Steuern von Hundebesitzern kassiert. Einnahmen, die allerdings nicht für Vierbeiner ausgegeben werden müssen.

Wie bereits berichtet hat die Stadt Hameln den erst am 1. Januar in Kraft getretenen Vertrag mit dem Tierschutzverein Hameln zum Jahresende gekündigt, weil ihr die Kosten im ersten Quartal des Jahres 2014 (33 000 Euro) viel zu hoch erschienen. In den Monaten Januar, Februar und März seien überproportional viele Tiere aus Hameln abgegeben worden, teilt das Tierheim zur Begründung mit. Deshalb könne man die Summe nicht einfach mal vier nehmen.

Bis Ende Dezember dürften Schätzungen des Tierschutzes zufolge etwa 95 000 Euro aufgelaufen sein. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 hatte die Stadt nur 24 879 Euro bezahlen müssen. Das Tierheim sagt, es sei mit dem Geld der Kommunen, die bis dahin nur 28 Tage lang für Fundtiere bezahlt hatten, nicht über die Runden gekommen, habe 2012 kurz vor der Insolvenz gestanden. Die Verantwortlichen zogen vor knapp einem Jahr die Notbremse und kündigten den mit acht Städten und Gemeinden geschlossenen Vertrag.

Stadt arbeitete am neuen Berechnungsmodus mit

„Wir kümmern uns hier eher um Problemtiere. Manche sind kaum oder gar nicht zu vermitteln“, sagt Jörg Wechenberger, Vorstandsmitglied des Tierschutzvereins. Die Verweildauer sei unterschiedlich lang: Mal findet eine Katze schon nach vier Wochen ein neues Zuhause, mal bleibt sie weit mehr als zwei Jahre im Heim. Bei Hunden klafft sie Schere noch weiter auseinander. Die Aufenthaltsdauer beträgt drei Wochen bis sieben Jahre. Seit Jahren macht das Tierheim Miese – es sei denn, es war ein gutes Spendenjahr wie 2013. Für Personal, Gebäudeunterhaltung, Steuern, Nebenkosten, Futter und Arztrechnungen fallen jährlich etwa 240 000 Euro an. Der Anteil, der auf die Fundtiere entfällt, liegt nach Vereinsangaben bei 75 Prozent. In den vergangenen sieben Jahren waren das plus/minus 180 000 Euro. Die acht Städte und Gemeinden haben in diesem Zeitraum aber nur zwischen 47 920 und 85 711 Euro pro Jahr erstattet.

Der neue Berechnungsmodus sieht vor, dass die tatsächlichen Kosten auf alle Vertragspartner umgelegt werden. Eine Beispielrechnung: In einem Quartal werden zehn Fundhunde aus Hameln ins Tierheim gebracht. Jedes Tier wird 30 Tage lang gepflegt. Das sind 300 Aufenthaltstage. Aus der Gemeinde Emmerthal kommen zwei weitere Hunde dazu, die jeweils 20 Tage im Haus bleiben. Zusammen macht das 340 Tage. Nun wird gerechnet: 40 000 Euro Fundtierkosten geteilt durch 340 Aufenthaltstage gleich 117,64 Euro pro Tier und Tag. Hameln würde nach dieser Modellrechnung 35 292 Euro für zehn und Emmerthal 4706 Euro für zwei Fundhunde bezahlen. Statistisch jedenfalls.

Die Realität sieht anders aus, denn: Je mehr Tiere aus verschiedenen Kommunen aufgenommen werden, desto günstiger wird für alle der Preis pro Pflegetag. Teurer als früher wird es aber auf jeden Fall. Die Stadtverwaltung bestätigt auf Nachfrage, dass dieser neue Berechnungsmodus auch aus ihrer Feder stammt. Wie konnte man da überrascht sein?

Wie es mit der Fundtierproblematik weitergehen soll, kann das Rathaus noch nicht sagen. „Wir führen Gespräche mit dem Tierheim, arbeiten an einer Übergangslösung.“ Die Frage ist nur, ob der heimische Tierschutzverein als Träger des Tierheims daran Interesse hat.



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