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Begleitung für jeden im Haus der Kirche / Seelsorger unterliegen der absoluten Schweigepflicht

Sprechstunde für die Seele: Montag bis Freitag

Hameln. An sein erstes Mal und die Worte, die fielen, erinnert er sich genau. „Ich habe gerade die Waffe weggeschmissen, mit der ich meine Frau umbringen wollte.“ Dieser Satz flog Thomas Risel um die Ohren, als er gerade vier Wochen als Pastor im Dienst war und sein erstes Seelsorgegespräch führen sollte. Kälter hätte der Sprung ins Wasser wohl kaum sein können.

veröffentlicht am 11.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 05:41 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Derart bedrohliche Anliegen tragen Hilfesuchende selten an die Seelsorger der Markt- und Münsterkirchengemeinde heran. Oft ist es der Ärger mit der Mutter, mit dem Partner, mit der ganzen Familie, die auf den Seelen lasten. Weil empfundene Not sich nicht an bestimmte Tage hält, entschlossen sich die beiden Gemeinden vor drei Jahren, gemeinsam ein Angebot zu schaffen, das es in Hameln so noch nicht gab: von Montag bis Freitag zu festen, unterschiedlichen Uhrzeiten. „Wir machen nicht einfach weiter wie bisher“, erzählt Pastor Thomas Risel von den Überlegungen, die aufkeimten, als sich das Haus der Kirche im Zentrum anbahnte. Jetzt, da man mittendrin am Pferdemarkt sein würde und aus anderen größeren Städten wusste, dass Menschen sich in der Kirche als Ort für Seelsorgegespräche „nicht gut aufgehoben“ fühlten, sollte ein neues Angebot her. Ein niederschwelliges, dem nicht der Gang durch mächtige Kirchenportale vorgelagert ist.

Angenommen wird das Angebot. Mal so und mal so. Thomas Risel blättert in einem Büchlein, in dem protokolliert wird, mit welchen Sorgen die Menschen wann in den ersten Stock gekommen sind. Ohne Namen natürlich, alles anonym. „Mal kommt zwei, drei Wochen keiner; mal sind es zwei, drei an einem Vormittag.“ Von Juni bis Dezember wurden 83 Gespräche geführt, die zwischen 10 und 90 Minuten dauerten. Die meisten Besucher kommen aus Hameln und der näheren Umgebung und aus jeder Altersklasse. Um sicherzustellen, dass zu den veröffentlichten Zeiten immer ein Seelsorger in dem Zimmer mit Blick auf die Marktkirche anwesend ist, wurde der Dienst auf mehrere Schultern verteilt: auf die von zwei Pastorinnen, zwei Pastoren, einem Diakon – und seit kurzem einem Ehrenamtlichen. Peter Kluwe, Lektor des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont, lässt sich zum Seelsorger ausbilden, nachdem er bereits zehn Jahre in der Telefonseelsorge tätig war und jetzt Neues erfahren möchte. In etwa 270 Unterrichtsstunden lernt er, was es braucht, um für die bedrückte Seele eines Menschen zu sorgen.

Grundlegend ist eine Haltung, die Pastorin Christiane Brendel mit den Begriffen „Echtheit, Empathie und Wertschätzung“ beschreibt und die auf den amerikanischen Psychotherapeuten Carl Rogers zurückgeht. Während des Vikariats, der Ausbildung zum Pastor, nimmt der Part „Klinische Seelsorge“ eineinhalb Jahre in Anspruch. Dabei gehe es erst einmal um einen selbst, sagt Risel und Brendel ergänzt: „Es ist gut, wenn man um die eigenen Muster weiß“, bevor man sich dranmacht, andere mithilfe bestimmter Gesprächstechniken auf ihrem Weg zu begleiten.

An Gott glauben oder Kirchenmitglied sein sind keine Voraussetzungen, um Seelsorge in Anspruch zu nehmen. Auch drehen die Gespräche sich längst nicht alle um Gott, Glauben und die Bibel. Zumindest nicht vordergründig. Schuld und Vergebung seien aber häufig Themen, mit denen Menschen kämpften und bei denen Bezug zum Glauben geschaffen werden kann, um den missionarischen Gedanken nicht ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Außerdem „gibt es viele psychische Erkrankungen, die an ein fürchterliches Gottesbild geknüpft sind“, sagt Risel und kratzt damit an jenem Grenzbereich, der zwingend vom Seelsorger erkannt werden muss. „Die Geister zu unterscheiden“, nennt Risel es: Stellt der Seelsorger fest, dass hinter den Sorgen Pathologisches steckt, sind Psychologen, Psychiater oder der Hausarzt gefragt. Erst kürzlich habe er einer Frau empfohlen, zum Psychiater zu gehen, als er vermutete, dass sie unter einer Psychose leidet, erzählt Risel aus der Praxis.

„Wir können begleiten“, bündelt Brendel, was Seelsorger seit Jahrhunderten tun. Hilfe zur Selbsthilfe leisten, den Menschen im Gespräch an den Punkt zu bringen, an dem er selbst Lösungen für sich erkennt. Angenommen zu werden, wie man ist, das sei das Gefühl, das vermittelt werden solle. Manche möchten über Konkretes sprechen, sagt Brendel; über etwas wie „Soll ich zur Taufe des Enkels fahren, obwohl wir mit der Familie zerstritten sind?“; andere bäten um Unterstützung bei der Suche nach ihrem Glauben. Bedürftigkeit ist ein Thema, Einsamkeit oder Trauerbewältigung nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen. Am Ende eines Gesprächs stehe manchmal die Empfehlung weiterer Ansprechpartner und häufig der Satz: „Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben!“, erzählt Risel. Erleichterung schwingt dann wohl mit, darüber, dass jemand zugehört hat und über das gute Gefühl, dass nichts nach außen dringen wird.

Seelsorger unterliegen der seelsorgerlichen Schweigepflicht, die so weit geht, dass sie auch das Wissen um Straftaten umfasst – was sie in die Bredouille bringen kann. Nur der Betroffene selbst kann davon entbinden. Damit Seelsorger wieder Abstand finden zu dem Gehörten, stehen ihnen Supervisoren zur Seite und die eigene Methode zum Abschalten. Thomas Risel schwingt sich dazu gern aufs Fahrrad, und Christiane Brendel klinkt sich aus: „Ich gehe alle zwei Monate für einen halben Tag ins Kloster“, um zu sich zu kommen. Um dann auch wieder andere Menschen so zu empfangen, wie sie sind – wann immer es nötig ist.

Uhrzeiten der Seelsorge im Internet unter marktkirche-hameln.de



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