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Diagnose mit dem Schraubendreher: Jürgen Hinz kümmert sich um Patienten auf Rädern

Sprechstunde beim Lok-Doktor

Hameln. Die Sprechstunde ist gut besucht. Kein Wunder, mag man denken, schließlich ist ja auch Sonntag. Doch die Patienten, deren Gesundheitszustand außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten im Modelleisenbahner-Vereinsheim auf dem Hamelner Hefehof diagnostiziert wurde, haben keine zwei Beine, sondern mindestens vier Räder, und ihr Leiden kann nicht in Kurzform mit Rücken, Hüfte oder Knie umschrieben werden. Bei ihnen war beispielsweise das Getriebe samt Achslager trocken gelaufen oder ein kleiner Kurzschluss sorgt für Probleme auf der Strecke. Die Eisenbahnfreunde Hameln e.V. hatten zum ersten Mal zum Modellbahnfahrtag in ihre Vereinsräume auf dem Hamelner Hefehof eingeladen. Zahlreiche Modelleisenbahner nutzten die Gelegenheit, einmal ihre eigenen Lokomotiven mitzubringen und diese selber auf den Vereinsgleisanlagen fahren zu lassen. Und im Testbetrieb offenbarte sich schnell, welche Lok schon jahrzehntelang im Originalkarton geschlummert und jetzt, plötzlich und unerwartet aus dem Dornröschenschlaf gerissen, mit einem verharzten Getriebe zu kämpfen hatte.

veröffentlicht am 01.04.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

Sabine BraKHAN
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Auf dem OP-Tisch vor Jürgen Hinz, dem Lok-Doktor, landet an diesem Sonntag unter anderem eine Dampflok, die beim Testbetrieb komische Geräusche von sich gab. „Hier haben wir ein Trix-Express-Gussmodell der Baureihe 80“, erkennt der Experte auf den ersten Blick auch ohne Lupe. Für eine genauere Diagnose greift der Lok-Doktor neben dem beleuchteten Vergrößerungsglas zum Schraubendreher, entfernt das Gehäuse des nostalgischen Schätzchens aus den 1950er Jahren und erkennt schnell, dass hier lediglich ein paar Tropfen Öl fehlen. Nun kommt, wie bei seinen humanmedizinischen Kollegen in manchen Fällen auch, eine Spritze zum Einsatz und die Dampflok, die bereits in dritter Generation weitervererbt wurde, ist wieder fit wie am ersten Tag. Jan ist der nächste auf der Warteliste – oder besser gesagt seine Märklin-Lok, die aus den 1960er Jahren stammt. „Irgendetwas stimmt bei der nicht“, schildert der Elfjährige das Problem. Ein Vereinskollege von Hinz mischt sich ein: „Meine hat auch gehumpelt. Die Märklin hat Herz-Rhythmus-Störungen.“ Ein bisschen erinnern die Gespräche in der Modelleisenbahnerwerkstatt an typischen Wartezimmerklatsch. Doch bevor vorschnell ein Todesurteil über die Lok der Baureihe 64 gefällt wird, schaut sich Jürgen Hinz das gute Stück erst einmal genau unter seiner Lupe an. „Diese Märklin-Lok hat ein typisches sogenanntes ‚Dreileiter-Problem‘“, erklärt er für Laien in Modelleisenbahner-Fachchinesisch. Jan aber hat verstanden, dass ein kleiner Kurzschluss für das Stottern auf der Strecke gesorgt hat. Nachdem der Fachmann das Problem mit wenigen geübten Handgriffen behoben und die Lok nach dem reibungslosen Testbetrieb wieder zusammengeschraubt hat, gibt er dem Nachwuchsmodelleisenbahner noch einen Rat aus seiner über 50-jährigen Erfahrung mit auf den Weg: „Die Schrauben immer fest anziehen und dann wieder mit einer Vierteldrehung leicht lösen.“ Die nächste Diagnose stellt der 66-Jährige sogar auf freier Strecke. Die Lok hat ihre erste Runde auf der Teststrecke noch nicht ganz vollendet, da riecht es irgendwie elektrisch. „Ein Haftreifen fehlt und ein weiterer ist bereits beschädigt. Da sind vier Neue fällig – Bestellnummer 7154!“, erklärt Jürgen Hinz, ohne lange nachdenken zu müssen. „Das ausführliche Fachsimpeln, die Diagnostik bei Problemen und auch das Durchführen kleinerer Wartungsarbeiten an den mitgebrachten Loks wären während unserer Schautage aufgrund der zahlreichen Gäste und des regen Betriebs, der an diesen Wochenenden herrscht, gar nicht möglich“, erklärt der Hamelner Eisenbahnfreund Michael Sander, der am 1. Modellbahnfahrtag die Steuerung der Teststrecke übernommen hat, einen Grund für die neue Aktion. „Und natürlich wollen wir den einen oder anderen wieder an sein längst vergessenes Hobby heranführen und auf diese Art und Weise neue Mitglieder gewinnen“, ergänzt sein Vereinskollege Hans-Henrich Markhof. Zukünftig soll der Modellbahnfahrtag ein- bis zweimal jährlich stattfinden, unabhängig von den Schautagen, die im November geplant sind.

Yannick (6) lässt gemeinsam mit Michael Sander auf der Teststrecke der Hamelner Eisenbahnfreunde die alte Modelleisenbahn seines Großvaters Manfred Pöhler fahren.sbr

Mit einer Öl-Spritze behandelt der Lok-Doktor Jürgen Hinz trocken gelaufene Getriebe und Achslager bei der kleinen Lok.

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