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Oder: Eltern, Städte und ihre Spielplätze

Spielen darf auch mal wehtun

Hameln. Geradezu psychotisch sei die Angst um den Nachwuchs! Väter verklagen bei jedem rostigen Nagel gleich die Stadt und Mütter kriegen einen hysterischen Anfall. Oder ähnlich. Wenn Uwe Lersch über Spielplätze redet – allein schon das Wort Spielplatz findet er abstoßend –, schrammt er bei jedem zweiten Satz knapp an der Rage vorbei. Er regt sich darüber auf, dass Eltern ihre Kinder nicht mal eine Minute in Ruhe spielen lassen können, ohne einzugreifen. Darüber, dass im Grundgesetz nicht das Recht auf Spiel verankert ist. Über Nestschaukeln und über zu wenig Geld für „bespielbaren Freiraum“. Er brennt für sein Thema – so lässt sich Uwe Lersch wohl beschreiben, und er hält allen einen Spiegel vor.

veröffentlicht am 26.10.2015 um 16:37 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Lerschs Arbeitgeber ist das dänische Unternehmen Kompan, unter anderem mit Sitz in Flensburg, nach eigenen Angaben Weltmarktführer für Spielgeräte, die manchmal, selten, auch in Hameln zum Einsatz kommen. Uwe Lersch wird hinzugezogen, wenn es darum geht, „bespielbaren Freiraum“ zu planen.

Früher, in den 1970er Jahren, da seien Hängebrücken auf – wir nennen sie weiterhin so – Spielplätzen o. k. gewesen. Damals hätten die Kinder im Durchschnitt aber auch drei, vier Stunden täglich freie Zeit zum Einfach-nur-so-Spielen gehabt. Davon ist man seines Wissens heute weit enternt. Winzige elf Minuten ließen Eltern ihre Kinder auf besagten Plätzen einfach so gewähren. Das müsse bei der Planung eines Platzes berücksichtigt werden. Geräte, Hügel und Co. müssten vor dem Hintergrund nämlich fördern, in kürzester Zeit. „Diese Hängebrücken und diese Häuschen – das fördert nichts!“ Heute brauche es komplexe, intelligent konzipierte Herausforderungen, die auffordern, die unterschiedliche Schwierigkeitsgrade beinhalten und die Kinder x-mal wiederholen können, um langfristig Spaß zu haben. Außerdem sollten die Geräte „dort mindestens 20 Jahre stehen“, sagt Lersch mit Blick auf leere Kassen und notwendige Wirtschaftlichkeit.

Und die Geräte sollten nicht immer nur aufgestellt werden, wenn mal wieder eine Bürgermeisterwahl ansteht. Darüber kann Lersch sich richtig aufregen. Über Bürgermeister, die zum Fototermin kommen, weil dort eine neue Schaukel aufgestellt wurde und die so schön in den Wahlkampfkalender passt. „Und die Mitbewerber stehen dann auch da, denn den Bürgermeister kann man ja mit den Eltern nicht alleine lassen …“

Wer als Stadt so tickt – wir sind für Familie, wir sind für Kinder –, der müsste allen zeigen, wie’s richtig geht. Ein zentraler, großer Platz mit mehreren Bereichen für Klein und Groß und auch für die Jugendlichen, das wär’ was. Auf jedem Spielplatzschild der Stadt Hameln steht „für Kinder von 6 bis 17 Jahren“ – doch diese Altersspanne lässt die Realität außer Acht. Viel mehr als früher steuern Mütter auch schon mit den kleinen Kindern Spielplätze an. Für die müsse es also auch etwas geben, fordert Lersch. „In ihrer Höhe, natürlich. Die maximale Fallhöhe darf dann 60 Zentimeter betragen. Überhaupt, fallen! Ein Reizthema.

„Wir sind übersensibilisiert für unsere Kinder – Lernen durch Schmerz ist ein ganz großer Faktor für die persönliche Entwicklung“, sagt der Hardliner. „Heilbare Verletzungen sind erwünscht“, weil sie der Gefahrenabschätzung dienen. Aber die Angst um Kinder ist doch natürl… „Daran ist überhaupt nichts natürlich!“, wettert Lersch. 1965 sei ein Kind runtergefallen, habe sich irgendwodran auch noch geratscht, habe eine Gehirnerschütterung erlitten, sei zum Arzt gekommen, habe vier, fünf Tage gelegen, fertig. „Heute geht’s sofort ins Krankenhaus. Mütter haben damit mehr Probleme als ihr verletztes Kind, und der Vater ruft sofort einen Anwalt.“ So sieht das aus.

Zurück zu den Kindern. Eine Lernschaukel gehöre auf einen Spielplatz, nicht „diese Nestschaukeln“. Die kämen aus der Behindertenbetreuung, wo sie gut seien. Weiter am Gerät: Egal, was es ist, es müsse folgendermaßen konzipiert sein: Kommt ein Kind alleine hoch, muss es auch wieder alleine runterkommen. Und das schafften sie auch, „wenn man sie in Ruhe lässt“. Welche Eltern kennen das nicht: Kind klettert, Mama brüllt: „Halt dich fest!“ oder will Hilfestellung geben, erst dann kommt das Kind ins Straucheln. Blöde Sache.

„Kinder brauchen keine Spielplätze“

Ein Spielplatz müsse dynamische und statische Elemente beinhalten. Zu letzteren zählen Klettermöglichkeiten, bei denen die Hand-Fuß-Koordination gefördert wird und die Dinge starr sind. Bei den dynamischen komme es darauf an, sie durch Eigenbewegung in Bewegung zu bringen, wie das Schaukeln und Wippen. Zu berücksichtigen seien auch die Entwicklungsphasen, in denen die Kleinen gerne alleine spielen, die etwas Größeren sozial interagieren und die Vorschulkinder die Umwelt imitieren und Grenzen überschreiten wollen. Ein intelligentes Angebot fasst Lersch so zusammen: eine schöne modellierte Fläche mit entsprechender Möblierung und mit langfristigem Fallschutz. Sand sei aufgrund des Alterungsprozesses bedingt geeignet, weil er irgendwann erneuert werden müsse. Für eine komplette Neuanschaffung würden um die 100 000 Euro fällig. „Es geht aber auch ab 40 000 Euro.“ Das ist in etwa das Budget, das Hameln für ein Jahr für alle 100 Spiel- und Bolzplätze zur Verfügung hat.

Das Geld würde überhaupt nicht benötigt, wenn die Welt so tickte, wie ein anderer Spielplatzdesigner es sich vorstellt: Für Günter Beltzig aus Hohenwart in Bayern sind Spielplätze ein notwendiges Übel. „Kinder spielen überall, jederzeit, mit allem“, sagt er, deshalb bräuchten sie eigentlich gar keine Spielplätze. „Doch weil sie nicht überall jederzeit mit allem spielen dürfen, brauchen wir Spielplätze, um die Kinder von Gefahren, Störbereichen und falschen Dingen wegzulocken.“ Anders als sein Kollege Lersch mag er Hängebrücken. Sein idealtypischer Platz ist eine „Abenteuerlandschaft“ inklusive Wasserspielen mit Matschzonen und Steinrinnen, in Landschaften, Sandtälern, Röhren als Höhlen und Hängebrücken.

Mitmachen: Welcher Spielplatz hat Sie begeistert? Schreiben Sie an Birte Hansen, b.hansen@dewezet.de.

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